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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Grundlage der ungebührlichen Preistreiberei in den Grund 
stückswerten, andererseits der Ausgangspunkt der hier ge 
botenen strengen baupolizeilichen Vorschriften, deren Härte 
dann schematisch auf das Einzelhaus übertragen wurde, 
und die Entwicklung des Privatwohnwesens in verhängnis 
voller Weise beeinträchtigt hat. 
Wenn die Berechnungen Eberstadts sich in der Wirk 
lichkeit als zutreffend erweisen, so braucht der Erwerb des 
Eigenhauses freilich auch unter den gegebenen Verhält 
nissen kein Phantasiegebild zu bleiben. Professor Eber 
stadt, Goecke, Kuczynski und Weiß haben sich für die 
Wirtschaftlichkeit des Kleinhauses auch in Großstädten 
ausgesprochen und rechnerisch den Nachweis geführt, daß 
eine hohe Randbebauung an den umgebenden Straßen tiefer 
Blöcke mit Läden, Bureaus und anderen Geschäftsräumen 
und die Ausführung kleinerer Reihenhäuser an schmälsten 
Wohnstraßen im Innern dieses Bauviertels den gleichen 
Ertrag wie die übliche Ausschlachtung zu bringen ver 
mögen. Voraussetzung ist, daß die einschlägigen Bau 
ordnungen eine angemessene Abänderung erfahren. 
In der ganzen Wohnfrage ist aber die Rücksicht auf 
die Wohlhabenden, die leichter in der Lage sind, ihren 
Wohnsitz nach den Vororten zu verlegen, weniger wichtig 
als die Fürsorge für die Hunderttausende des Arbeiter 
standes, dessen Nähr- und Wehrkraft zu erhalten im eigen 
sten Interesse des Landes liegt. Es ist eine gewaltige, aber 
unaufschiebbare Aufgabe der Gemeinden und der organi 
sierten Fürsorge, diesen Teil der Bevölkerung vor der Ent 
kräftung im Treiben der Großstadt zu schützen. 
Selbst wenn es gelänge, die Mehrzahl der großen In 
dustriezentren weiter nach außen zu verlegen, wird die 
Unterbringung der arbeitenden Bevölkerung in großen 
Miethausgruppen nie ganz zu vermeiden sein, da der Weg 
zwischen den von der inneren Stadt nicht völlig auszu 
schließenden Arbeitsstätten und der Wohnung zur Ersparung 
von Zeit und Kraft kurz sein muß. In solchen Massen 
wohnungen gesundheitlich befriedigende Verhältnisse zu 
schaffen, sind die Behörden sichtlich und auch erfolgreich 
bestrebt gewesen, und das zu erwartende Wohngesetz wird 
ihren Bestrebungen noch größeren Nachdruck verleihen. 
Aber das Freudlose einer solchen Zusammenschachtelung, 
das so deutlich dem Charakter des großstädtischen 
Arbeiters das Mißvergnügen aufprägt, kann erst behoben 
werden, wenn ihm durch schnelle und billige Verbindungen 
ein anmutigeres Wohnen außerhalb der Stadt ermöglicht 
wird, das ihm eine nähere Berührung mit der Natur ver 
schafft. Auf jeden, der beim Einfahren in die Großstadt im 
Vorlande die auf weitem Gefilde ausgebreiteten Lauben 
kolonien erblickt, muß es Eindruck machen, wie sich hier 
in zum Teil kümmerlichster Form diese Anhänglichkeit an 
die Natur, der Wunsch, sich wenn auch auf kleinstem 
Raum unabhängig bewegen zu können, kundgibt. Es ist 
ein glücklicher Gedanke, solchen Gartenkolonien, die sich 
bis jetzt auf brachliegendem Spekulationsgebiet nur vor 
übergehend niederlassen konnten, eine bestimmte Dauer 
und Seßhaftigkeit dadurch zu verleihen, daß städtischer 
Besitz für längere Zeit hierfür zur Verfügung gestellt oder 
durch Zwischenverpachtung den Organisationen der Für 
sorge überlassen wird. 
In dem Gedankengang der kommunalen Wohnungs 
fürsorge sei besonders Ulm genannt, das schon im Jahre 
1650 für die Unterbringung seiner Garnison das sogenannte 
Soldatendörfchen geschaffen hatte. Die Stadt begann be 
reits 1894 ihre zukunftsreiche städtische Bodenpolitik, als 
sie Gelände auf städtische Kosten erwarb, die es zum Bau 
von Kleinwohnhäusern behufs Eigenerwerb unter Be 
schränkung des Rechts des Wiederverkaufs durch Rück- 
erwerbs-Sicherung zur Verfügung stellte. Es hat in den 
letzten 18 Jahren rund 550 ha für 7 Millionen erworben, 
davon aber 170 ha für 8 Millionen wieder veräußert. 
Daß ein Eigentumsrecht, wenn es die Umstände ge 
statten, von den Bewohnern erworben werden kann, ist 
ethisch von größtem Gewicht. Eine Bremer sozialdemo 
kratische Zeitung bekennt auch offenherzig, daß ein der 
artiges Eigentum die soziale Kampflust und Kampffähigkeit 
untergrabe. Das Wohnen unter eigenem Dach in naher 
Berührung mit der Natur stärkt Heimatliebe und National 
gefühl. Die Anhäufung des unversöhnten Proletariats in 
Quergebäuden und Hinterhäusern der Großstadt bildet da 
gegen eine schwere Gefahr für den Staat. Die stete Um 
zugsbereitschaft der Großstadtbevölkerung hebt das Gefühl 
der Seßhaftigkeit auf, welches es in den Tagen der Gefahr 
natürlich macht, Haus und Hof mit dem eigenen Leben zu 
verteidigen. 
Der grundlegende Gedanke bei der Planung von 
Arbeiter-Kleinwohnungen ist der, die einzelnen Familien 
zur Förderung des Sinnes für Häuslichkeit und Ordnung 
vollständig voneinander derartig zu trennen, daß sie über 
einen besonderen Eingang und gesonderte Benutzung der 
erforderlichen kleinen Nebenanlagen verfügen. Solche An 
siedelungen sind hauptsächlich in den nordwestlichen In 
dustriebezirken Deutschlands in ständiger Zunahme be 
griffen. Verschiedene große industrielle Werke in Höchst, 
Delmenhorst, Völklingen, Darmstadt, namentlich in Essen, 
gründeten mit liebevoller Sorgfalt umfangreiche Wohn 
anlagen, und Baukünstler, wie Schmuhl, Metzendorff, Holch 
haben aus scheinbar bescheidenen Aufgaben hoch zu be 
wertende Kunstwerke geschaffen. (Schluß folgt.) 
DIE FORDERUNGEN DES STÄDTEBAUES 
BEI EISENBAHNANLAGEN. 
Von Stadtbaurat KRAFFT (Regierungsbaumeister a. D.), Hamm (Westf.). 
Vorwort. 
Dem Wunsche des Herrn Verfassers, dem Abdrucke 
seines auf dem Kongresse für Städtewesen zu Düsseldorf 
gehaltenen Vortrages ein Begleitwort voranzuschicken, wird 
um so lieber entsprochen, als sich damit eine passende 
Gelegenheit bietet, den vielfachen Klagen Ausdruck zu ver 
leihen, die dem Unterzeichneten als Berater von Stadt- und 
Landgemeinden in ihren Bebauungsplänen über die ungleiche
	        
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