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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
136 
tracht gezogene, jedoch mit einem jener schematischen 
Stadtpläne, wie sie ausgangs des vorigen Jahrhunderts ent 
standen sind, und denke sich in einen solchen Plan 21 zum 
Teil sehr bescheidene Kirchen „hinein komponiert“. Wieviel 
annehmbare Städtebilder würden hieraus wohl entstehen? 
Sicher nicht die große Anzahl, die Alt-Erfurt aufweist. Es 
müssen also wohl noch andere Gründe mitwirken, welche 
die Erfurter Kirchen so vorteilhaft im Stadtbild erscheinen 
lassen. 
Ein Blick auf den Stadtplan (Tafel 1) wird uns lehren, 
daß es zunächst der Mangel an Schematismus sein wird, 
der hier wie bei allen älteren Stadtanlagen es ermöglicht, 
den bedeutenden Bauwerken vorteilhafte Plätze anzuweisen; 
vorteilhaft inbezug auf die Sichtbarkeit des Bauwerkes von 
mehreren Seiten. Wenn es galt, eine Kirche innerhalb eines 
ebenen Stadtgebietes von verschiedenen Seiten zur Er 
scheinung zu bringen, so hatten die Städtebauer des vorigen 
Jahrhunderts im wesentlichen dasselbe Rezept, die Auf 
stellung des Bauwerkes in der Mitte eines Platzes, die ein- 
mündenden Straßen in der Richtung auf das Bauwerk. 
Diese „Normalsituierung“ erfordert für jede Kirche einen 
besonderen Platz. Den Erbauern der mauerumgürteten 
Städte des Mittelalters stand aber — man möchte sagen; 
Gott sei Dank — nicht so viel Platz zur Verfügung, Das 
zeigt deutlich die nachstehende Übersicht der hier in be 
tracht gezogenen Kirchen und Türme. 
Übersicht. 
Entste- 
| | 
No. 
Bezeichnung 
hungs- 
zeit 
Lage des 
Grundstückes 
Lage des 
Baukörpers 
« - 5 u V 
" V V S X 
(/J £ 
Jahrh. 
Zahl 
von 
die 
liilc 
1 
2 
Dom ] zus. eine 
Severi /Baugruppe 
i2.—15. 
I3-—15- 
dreiseitig frei 
Jl ff 
einseitigangeb. 
(Kreuzgang) 
allseitig frei 
1- 
3 
Schottenkirche 
n —15- 
einseitig frei 
ft f> 
I 
4 
Predigerkirche 
13*— 1 5* 
zweiseitig frei 
einseitigangeb. 
4 
5 
Barfüßerkirche 
13.—!4- 
j» ” 
allseitig frei 
5 
6 
Reglerkirche 
12. 
t> 
ff >9 
3 
7 
Augustinerkirche 
13-—15- 
ff 9% 
einseitigangeb. 
(Kreuzgang) 
4 
8 
Kaufmannskirche 
13* 
allseitig frei 
(erst in neuerer 
allseitig frei 
4 
Zeit) 
9 
Allerheiligenkirche 
13. 
dreiseitig frei 
einseitigangeb. 
6 
IO 
Michaeliskirche 
14. 
zweiseitig frei 
»> >» 
4 
XX 
Andreaskirche 
15- 
ff ff 
allseitig frei 
4 
12 
Wigbertikirche 
J5- 
dreiseitig frei 
einseitigangeb. 
3 
13 
Neuwerkskirche 
18. 
zweiseitig frei 
allseitig frei 
5 
14 
Martinikirche 
15. 
99 99 
einseitigangeb. 
3 
15 
Lorenzkirche 
*5- 
99 ff 
allseitig frei 
2 
16 
Egidienkirche 
14. 
einseitig frei 
einseitig frei 
8 
17 
Nicolaiturm 
14. 
— 
— 
5 
18 
Johannisturm 
iS- 
— 
— 
6 
*9 
Bartholomäugturm 
JS* 
— 
2 
20 
Paulsturm 
15.—18. 
— 
— 
3 
31 
Georgsturm 
14. 
— 
4 
zusammen 
79 
Nur eine einzige dieser Kirchen ist allseitig frei, sie Ist 
es aber erst in neuerer Zeit unter dem Zwange des wachsenden 
Verkehrs geworden. Alle übrigen Bauwerke sind inbetreff 
ihres Grundstückes nur ein-, zwei- oder dreiseitig frei, 
d, h. von Straßen oder Plätzen begrenzt; ja, selbst der 
Baukörper der Kirche ist in der Regel nicht frei, sondern 
meistens angebaut. Wenn trotz der wenig freien Lage dieser 
Kirchen ihnen im Gefüge der Straßen und Plätze eine so 
vorteilhafte Lage gegeben werden konnte, so war dies freilich 
nur möglich, weil fast alle Straßen gekrümmt sind oder 
sonstige Richtungsänderungen aufweisen. Dadurch erscheint 
der Kirchturm selbst bei solchen Straßen oder Gassen als 
malerische Überschneidung, die überhaupt nicht an der 
Kirche vorbeiführen, sondern schon vorher in eine Haupt 
straße einmünden. 
Aus der vorstehend wiedergegebenen Übersicht geht 
aber noch etwas anderes hervor. Es ergibt sich die über 
raschende Tatsache, daß die 21 Türme im Verein mit den 
anliegenden Straßen, Plätzen usw. gegen 80 verschiedene 
Stadtbilder ergeben. Durchschnittlich erscheint also jede 
Kirche nach vier Seiten hin im Stadtbild. Welch eine weise 
Sparsamkeit liegt hierin verborgen! Mit wenig Mitteln werden 
vier Straßenzüge aus dem Alltäglichen herausgehoben, er 
halten eine Bereicherung der Umrißlinie und ein reizvolles 
Gepräge, das in gleich wirkungsvoller Weise auch durch 
die kostbarsten Bauten an den Straßenwänden nicht erreicht 
werden könnte. 
Um nur ein Beispiel herauszugreifen, erscheint der 
schlanke Turm der Allerheiligenkirche (No. 9 der oben 
stehenden Übersicht) in sechs verschiedenen Straßenbildern 
(Tafel 69). Wohl sind diese Straßen an und für sich von 
malerischer Wirkung. Aber nur die Bereicherung durch 
den im Bild erscheinenden Turm erhebt sie zum Range 
von Städtebildern. 
Und wodurch ist diese sechsfache städtebauliche Aus 
wertung der an sich ganz schmucklosen Kirche erreicht 
worden? Die Standpunkte, von welchen aus die Bilder ge 
zeichnet wurden, sind im Lageplan (Textbild 3) eingetragen. 
frt/pefrm - 
J)a/i 
Der Turm steht hier 
nach im Schnittpunkt 
der günstigsten Blick 
richtungen. Es ist also 
die geschickte Wahl der 
Lage des Turmes, die 
auf der Grundlage eines 
organisch erwachsenen 
Stadtgebildes es ermög 
licht, einer Vielheit von 
Straßenzügen ein be 
deutendes Gepräge zu 
geben. 
Es wird eingewen 
det werden können, daß p finerfri/fpe;/-fp'nj/e mit Umgebung. UUGQ 
all dies lediglich dem Abb 
Zufall zu verdanken 
sei. Man könnte den 
Einwand gelten lassen, wenn es nur diese eine Kirche wäre, 
die im Stadtplan eine so günstige Lage einnimmt. Das 
oben aufgestellte Verzeichnis und ein genaueres Studium 
der örtlichen Verhältnisse lehrt aber, daß die meisten der 
Kirchen in ihrem Bezirke jeweils die im obigen Sinne 
günstigste Lage aufweisen. Nicht der Zufall ist es, der hier 
Wunder gewirkt, ebensowenig wie vielleicht die Absicht 
einzelner Erbauer die gedachte Richtung hatte. Es ist viel 
mehr der künstlerische Wille ganzer Geschlechterfolgen, 
die lebendige Kunstüberlieferung vergangener Zeiten hier 
zum Ausdruck gekommen. 
Die Stellung der Allerheiligenkirche 
im Stadtplan von Erfurt.
	        
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