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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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zweifellos in enger Zusammendrängung noch weit ungünstiger 
wirken. Selbst der Eindruck des Unfertigen kann nicht 
schrecken in einer Entwicklung, die, bewußt und zielsicher 
angestrebt, schon von vornherein den Stempel des orga 
nischen Endzustandes erkennen läßt. 
Als Folge dieser weiträumigen Siedelung sind auch die 
Bodenpreise im Industriebezirk, abgesehen von einzelnen 
ausgesprochen städtischen Zentren noch recht mäßige. Sie 
werden noch niedrige sein und dauernd niedrig erhalten 
werden können in einem System, das die Ausnutzungs 
möglichkeit des Bodens beschränkt. 
Denn in diesem Systeme ist den Bodenpreisen beim An 
steigen der mühelose Weg über die fortschreitend stärkere 
bauliche Ausnutzung versperrt, und es bleibt ihnen nur der 
Weg über das Ansteigen der Nutzungspreise, der Mieten. 
Dieser Weg ist aber kein müheloser, bahnfreier; er erfordert 
die Überwindung eines starken Widerstandes, der durch die 
Leistungsfähigkeit der Bevölkerung gegeben ist, und dieser 
Widerstand wird besonders heftig, weil es sich hier um eine 
Bedarfsrichtung handelt, der sich niemand entziehen kann. 
Nur in einer bis zum ausgesprochenen Monopol ge 
steigerten Flächenbeschränkung vermag er leicht und spielend 
überwunden zu werden. In unserem Systeme aber, das die 
Bebauung auf weite Flächen widerstandslos sich ausbreiten 
läßt, das dauernd ein fast unbegrenztes Angebot stellt, wird 
das Monopol des Bodens nach Möglichkeit gemildert, der 
Widerstand gegen das Ansteigen der Bodenpreise wird 
stärker und wirksamer. Im Kampfe um die Grundrente 
entstehen dem Boden Feinde in den eigenen Reihen, Feinde, 
gegen die nur im einzelnen Falle eine besonders bevorzugte 
Stellung schützen kann. 
Wenn dann in diesem Systeme weiter die Gestehungs 
kosten der Ware Baustelle nach Möglichkeit herabgedrückt 
werden durch möglichste Beschränkung der Straßenbau 
kosten und der Straßenllächen, so ist alles geschehen, was 
vom größeren Gesichtspunkt aus zur Lösung der städtischen 
Bodenfrage geschehen kann. Solange die öffentliche Stadt 
erweiterung nicht durchgeführt werden kann, und solange 
der Boden eine Ware des freien Verkehrs bleibt, wird dieser 
Weg der einzige mit Erfolg gangbare sein. 
Niedrige, weiträumige Bebauung und niedrige, relativ 
niedrige Bodenpreise, das sind dann die denkbar günstigsten 
Grundlagen für eine kommunale Bodenpolitik, für die Durch 
führung des Bebauungsplanes, für die Schaffung eines das 
Auge befriedigenden Gesamtbildes, für die Schaffung von 
Parks und öffentlichen Anlagen, für die Regelung der Ver 
kehrsverhältnisse und für die Wirksamkeit eines städtischen 
Grundstücksfonds, der nicht nur zu eigenen Zwecken kauft, 
sondern auch den Umsatz vermittelt, im großen kauft und 
im einzelnen verkauft und so den Grundstücksmarkt flüssig 
erhält. Und alle diese Maßnahmen müssen in diesem System 
sofort und damit zeitig genug die gesamte Fläche ins Auge 
fassen. So rücken die Ziele ins Weite; die Forderungen 
des bewußt angestrebten Endzustandes werden frühzeitig 
genug erkannt und können deshalb ohne Schwierigkeiten 
erfüllt werden. 
Die erste Voraussetzung für die Durchführung dieser 
Siedelungsform ist ein großes Stadtgebiet, eine weite Feld 
mark als Aufnahmegebiet für den Bevölkerungszuwachs. 
Die eng begrenzte Stadt würde bei dieser weiten Siedelung 
schon bald ihre Entwicklung über die eigenen kommunal 
politischen Grenzen hinaus in die Nachbargemeinden hinein 
treiben, und das kann man von ihr nicht gut verlangen. 
Diese Grenzen müssen weit, sehr weit gefaßt sein, um auf 
viele Jahrzehnte hinaus die Bevölkerungszunahme aufzu 
nehmen, und sie müssen je nach Bedarf ohne Schwierigkeit 
weiter hinausgeschoben werden können. Im rheinisch-west 
fälischen Industriebezirk haben diese Verhältnisse bei der 
weiträumigen Besiedelung schon lange treibende Macht er 
langt und weitgreifende Eingemeindungen zur Folge gehabt. 
Was hier zwingende Folge gegebener Bedingungen ist, das 
muß bei der modernen Stadt zur Einleitung dieser Be 
dingungen als notwendige Voraussetzung durch eine ziel 
bewußte Eingemeindungspolitik von den Städten und der 
Regierung angestrebt werden. 
Wer gewährleistet nun die Durchführung einer solchen 
weiträumigen Außensiedelung bei den Städten? Es steht zu 
erwarten, daß die nächste Zeit in einem Reichswohnungs 
gesetz*) ein Wohnmindestmaß festgesetzt, und so die zu weit 
gehende Ausnutzung der Räume unterbunden wird, Ein 
solches Wohnmindestmaß aus allgemein gültigen gesundheit 
lichen Gesichtspunkten abgeleitet, hat nichts Ortsindividuelles 
an sich und kann deshalb unbedenklich für das ganze Reich 
gleichmäßig festgelegt werden. Die Einleitung einer niedrigen 
und weiträumigen Bebauung durch die Bauordnungen, die 
anschließen muß an gegebene Verhältnisse, liegt aber ganz 
auf ortsindividuellem Gebiet und kann deshalb nicht für 
das ganze Land gleichmäßig geregelt werden. Hier kann 
nur das streng gehandhabte Aufsichtsrecht der Regierung 
dem Guten den Weg ebnen, wenn die Stadt als solche 
Schwierigkeiten macht. In letzter Linie wird man aber den 
gesunden Sinn unserer Städte vertrauen-können. Die städti 
sche Boden- und Wohnungsfrage ist nachgerade so brennend, 
das allgemeine Interesse an der Lösung derselben so groß 
geworden, daß man erwarten kann, daß die Städte recht 
gerne ihre Hand zu einer Lösung bieten werden, wenn sie 
erst die Möglichkeit einer solchen Lösung erkannt haben, 
und daß sie dies selbst unter Zurückstellung der ortsindivi- 
duellen Interessen gegen die der Allgemeinheit tun werden. 
Ist erst die Ausnutzung des Bodens durch Wohnungs 
gesetz und Bauordnungen beschränkt, so wird sich als 
letzte Folgerung die erleichterte Ansiedelung auf der ganzen 
Fläche Bahn brechen und Bahn brechen müssen, wenn 
nicht die gesamte Stadtentwicklung erschwert oder selbst 
unmöglich gemacht werden soll. 
Wir fassen zusammen. Die Lösung der Wohnungsfrage 
ist möglich. Man kann die Raumausnutzung beschränken 
und eine niedrige, weiträumige Bebauung erzwingen. Aber 
diese Maßnahmen fordern gleichzeitig, wenn sie nicht zu 
einer unerschwinglichen Erhöhung der Nutzungspreise, der 
Mieten und in letzter Linie zu einer Unterbindung der Stadt 
entwicklung führen sollten, die Ausbreitung der Bebauung 
auf weite Flächen und zwar die Ausbreitung unter er 
leichterten Bedingungen, sie fordern eine Siedelungsart, der 
die gesamte große Außenfläche zur Verfügung gestellt wird, 
den Bruch mit der städtischen Eigenart, mit der ge- 
*) Inzwischen ist der Entwurf eines Landeswohnungsgesetzes er 
schienen, dessen Grundgedanke die Festlegung eines Wohnmindestmaßes 
und seine Erhaltung durch eine Wohnungsaufsicht, die Beschränkung 
der Bodenausnutzung durch Zonenbauordnungen und die Erleichterung 
des Anbaues durch mildere Handhabung des Fluchtliniengesetzes bildet. 
Man kann nur wünschen, daß der Entwurf zum Gesetze wird, und daß 
der Sinn und das Wollen dieses Gesetzes genügend erkannt wird, so 
daß es trotz seiner milden Fassung sein Ziel, eine weiträumige städtische 
Siedelung, erreicht.
	        
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