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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 9.1912 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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als wenn man bei der Perspektive eines Innenraumes die 
Seitenwände fortläßt und nur den Blick auf eine einzige 
Wand zeichnet, die sich scheinbar nach beiden Seiten ins 
Unendliche dehnt. Ich bin überzeugt, sie wären zu anderen, 
brauchbareren Lösungen gekommen, wenn sie sich die 
Hauswände, auch nur als große Massen, hineingezeichnet 
hätten. So haben sie zum Teil sehr anmutige Parkaus 
schnitte, oft sehr reizvoll und mit künstlerischem Gefühl, 
dargestellt — wie z. B. das Schaubild des Entwurfs 
„Civibus“ —, aber diese Ausschnitte könnten aus jedem 
größeren Parke entnommen sein; zur Lösung gerade dieser 
Aufgabe tragen sie nichts bei. 
Viele Bearbeiter sind auch in den Fehler verfallen, zu 
viel in die Anlage hineinpacken zu wollen. Da finden sich 
Inseln, Terrassenanlagen und alle nur denkbaren Motive der 
Gartenkunst auf dem engen Raume zusammengedrängt. 
Das muß natürlich zu unruhiger und zerrissener Wirkung 
führen, die den Massen der Hausfronten gegenüber doppelt 
kleinlich wirkt. 
Das Preisgericht hat daher auch durch sein Urteil sehr 
klar ausgesprochen, daß es die schlichtesten, klarsten 
Lösungen, die mit den einfachsten Mitteln arbeiten, für die 
besten hält; einige lange, möglichst wenig unterbrochene 
Rasenstreifen, eine Wasserfläche, zu der die tiefe Lage des 
Parkes erwünschten Anlaß bietet, von geschlossener Gesamt 
form, und in dem schmalen, östlichen Teil des Parkes 
einige geometrisch angelegte Schmuckbeete, dazwischen die 
Spiel- und Ruheplätze, alles in einfachen großen Linien — 
mehr darf in den Parkstreifen nicht hinein. Es ist erstaun 
lich, wie ähnlich sich die preisgekrönten Entwürfe in ihren 
Grundrissen sehen. Sie behandeln alle den westlichen 
breiten Bogen symmetrisch, indem sie zwei lange Rasen 
flächen, die von Bäumen umgeben sind, hineinlegen; im 
nördlichen Bogen schließt dann die Wasserfläche an, die 
mit dem Kirchenplatz in Verbindung gebracht ist und mehr 
oder weniger an den Untergrundbahnhof herantritt; östlich 
des Untergrundbahnhofes dann ein Spielplatz. Der südliche 
Bogen zeigt, der Wasserfläche entsprechend, eine freiere, 
etwas mehr landschaftliche Gestaltung und endet nach 
Osten wiederum in einen Spielplatz; das schmale östliche 
Verbindungsstück ist mit geometrischen Blumenanlagen 
geschmückt. Diese Anordnung findet sich bei Bräuning 
(I. Preis, Tafel 7) fast genau so wie bei Hensel (ein 
III. Preis, Tafel 11) und bei Spindler (II. Preis, Tafel 7). 
Bei dem Entwurf von Seeck und Freye (ein III. Preis, 
Tafel 11) fehlen die langen Rasenstreifen; der Grundriß 
wirkt daher nicht ganz so ruhig wie die drei anderen. 
Im einzelnen und im Charakter, den die Ausbildung 
dieser Grundgedanken erfahren hat, bestehen natürlich 
erhebliche Unterschiede. Bei Bräunings Entwurf 
berührt die schlichte, zurückhaltende Darstellung be 
sonders angenehm. Er hat überhaupt keine Schaubilder 
eingesandt; seine Architekturen sind sehr fein und zeugen 
von hohem künstlerischen Geschmack, wenn mir auch die 
auf Säulen ruhende Brückenbahn nicht so ganz einleuchten 
will; vor allen Dingen versperren die vielen Säulen 
doch auch Blick und Weg im tiefliegenden Park — vgl. 
Tafeln 8 u. 9. 
Spindler hat einen Grundplan, der wohl um keinen 
Deut schlechter ist als der mit dem I. Preis gekrönte, und 
daneben sehr gut durchgearbeitete farbige Schaubilder ge 
liefert — vgl. Tafeln 9 u. 10. An diesen gefällt mir am 
besten, daß sie durchaus ehrlich, den Park so zeigen, 
wie er in Wirklichkeit aussehen wird. Eingefaßt, ja 
etwas eingeengt von hohen Mietshäusern mit nüchternen 
Fassaden. Vor diesen Bildern wird einem klar, daß es 
falsch wäre, den Parkring ganz streng symmetrisch und 
architektonisch anzulegen, wie es z. B. der Entwurf 
mit dem Kennwort „Und in Poseidons Fichtenhain“ 
tut. Denn solche architektonische Anlage verlangt Be 
ziehungen zu einer sie beherrschenden Architektur, 
wie es auch bei den Architekturgärten der Renaissance 
und des Barock stets der Fall war. Es ist aber natür 
lich unmöglich, solche Beziehungen der Parkanlage zu 
den vielen sie umgebenden verschiedenen Häusern her 
zustellen. Ebenso wäre aber eine völlig landschaftliche 
Behandlung auf dem engen Raume ganz unmöglich; es 
wird daher das Richtige sein, wie schon im Programm 
empfohlen und in den preisgekrönten Entwürfen auch durch 
weg geschehen ist, eine gewisse Symmetrie nur in der 
Massenverteilung zu erstreben, an den Hauptpunkten archi 
tektonischen oder gärtnerischen Schmuck in symmetrischen 
Formen zusammenzufassen, im übrigen aber die Rasen- 
und Wasserflächen weniger streng zu behandeln. In 
Hensels Entwurf scheint mir diese Mischung landschaft 
licher und architektonischer Gartenkunst am besten 
gelungen zu sein, doch stehen seine Schaubilder nicht 
auf der Höhe der anderen. Seeck bringt sehr gewandt 
dargestellte, geschmackvolle Architekturbilder, von denen 
der ausgezeichnete Untergrundbahnhof in schlichten 
Formen, die sich der gärtnerischen Umgebung gut ein- 
fügen, die geradlinig materialmäßige Eisenbetonbrücke und 
die Gruppe, die eine Kirche in Verbindung mit Schütz 
mauern und Straßenbrücke zeigt, hervorzuheben sind 
(Tafel 12). 
Von den anderen Entwürfen fallt der mit dem Kennwort 
„von Knobelsdorf“, zu dem sich Heinrich Straumer als 
Verfasser bekennt, durch seine großen flotten Kohleschau 
bilder auf; mit seiner etwas gesuchten Planlösung jedoch 
kann man sich nicht ganz befreunden (Tafeln 13 u. 14). 
Der Entwurf „Blaue Blumen“ bringt hübsche Bildchen, aber 
der Plan, der einen Versuch darstellt, die geschwungenen 
Formen des Parkes in gerade Linien zu fassen, erregt 
Befremden. Überhaupt gibfs hier, wie so oft, mehr 
Auswahl von guten Schaubildern, als von guten Plänen, 
weil die zeichnerische Darstellung bei uns entschieden 
besser entwickelt ist, als die Fähigkeit, sich sach 
lich mit einer neuen Aufgabe auseinanderzusetzen. Die 
Tafeln zeigen einige dieser zeichnerisch vollendeten 
Blätter: Aus dem Entwurf mit einigen Noten als Kenn 
zeichen ein Parkbild; ein ähnliches aus dem Entwurf 
„Kraft und Wissen“, dessen wirklich gute Architekturen 
an Läuger erinnern und dessen Grundriß zwar etwas zu 
zerschnitten erscheinen mag, sonst aber gute Gedanken 
enthält, und endlich ein wohlabgewogenes Kirchenbild aus 
dem Entwurf „Bewegung“. 
So weit wäre ja nun das Werden des Parkringes auf 
dem Tempelhofer Feld in die besten Wege geleitet. Schöne 
Gedanken genug dafür sind da. Wird aber die „Tempel 
hofer Feld“ - Gesellschaft nun auch die preisgekrönten 
Künstler zur Ausführung heranziehen? Davon wird 
es abhängen, ob der Park ein beachtenswertes 
Denkmal neuzeitlichen Städtebaues wird oder 
nicht.
	        
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