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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 9.1912 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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die Unterdrückung herbeizuführen, den Versuch der Ver 
ringerung zu machen. Man wird daran nicht vorbeikommen, 
wenn man nicht die weitere Ausgestaltung der Kleinwohnung 
hemmen will. Die strengen deutschen Bestimmungen über 
Lichthöfe können für teuere, sogenannte hochherrschaftliche 
Wohnungen wirtschaftlich überwunden werden; nicht aber 
für die Arbeiterwohnungen. 
ln Deutschland hat sich noch nicht so sehr das Be 
dürfnis nach Vierzimmerwohnungen mit allen denkbaren 
Bequemlichkeiten herausgestellt, kaum in Berlin. In viel 
höherem Maße anscheinend in Böhmen, wo in Prag und 
Brünn wirklich vollendete Typen sich gebildet haben. Die 
Pläne zeichnen sich aus durch eine helle und geräumige 
Treppe mit Podestfenstern; durch große Zimmer und durch 
weitgehendste Ausnutzung 
des Luftschachtes. Hier ist 
man bezüglich der Licht- 
und Luftversorgung der 
Nebenräume nicht von dem 
Standpunkt der deutschen 
Bauordnungen „Alles oder 
Nichts“ ausgegangen, man 
scheint vielmehr folgendes 
erwogen zu haben, „Zu 
einer vollendeten Wohnung 
gehört Vorraum, Kleider 
ablage, Klosett, Baderaum, 
Spinde, Mädchenkammer 
und Balkon. Auf nichts 
darf verzichtet werden; 
eher muß der Anspruch auf Güte der Einzelheiten ein 
geschränkt werden.“ Hierbei berücksichtigte man auch, 
daß die Zuführung des Tageslichtes zu den Nebenräumen 
bei der Verbreitung des elektrischen Lichtes nicht mehr 
von durchschlagender Wichtigkeit ist, und daß enge Schächte 
sogar ohne Ventilator vorzüglich die Luft absaugen. Bei 
der Durchführung des Wohnungsprogramms ist man wohl 
dort etwas zu weit gegangen, wo Mädchenkammern von 
dem allerdings sehr geräumigen Treppenhaus mit Luft ver 
sorgt sind und auf die unmittelbare Lage der Kammer an 
einer Außenwand verzichtet ist (Fig. 9). Man vergleiche 
die böhmischen Grundrisse, deren Einfluß sich auch nach 
Sachsen hin geltend macht, 
mit dem Nürnberger Plan, 
der die Anordnung der Be 
quemlichkeiten in denkbar 
einfacher, aber unschöner 
und kostspieligster Form 
zeigt (Fig. 10). 
Die Nachteile der Licht 
schächte und Oberlicht 
treppen werden schon bedeu 
tend eingeschränkt, sobald 
die Geschoßzahl vermindert und der Wohnungsflur nicht 
unmittelbar an einen Lichtschacht gelegt wird. Ein falscher 
Weg ist darin zu erblicken, daß die Bauordnungen willkür 
liche Mindestmaße für jedes Geschoß festlegen. Dadurch tritt 
der Lichthof gegenüber den wesentlichen Erfordernissen der 
Wohnung zu sehr in den Vordergrund. Bei einer Planbildung 
müssen die notwendigen Räume zunächst geschaffen werden. 
Der Lichtschacht muß sich mit seinen Abmessungen möglichst 
anpassen, nicht umgekehrt. Wenn schon Mindestmaße fest 
gesetzt werden sollen, dürfen sie nicht, wie vielfach heute, 
willkürlich sein, sondern sie müssen von bestimmten Grund 
rissen ausgehen. 
Die Luft- und Lichtzuführung zur Treppe spielt bei 
der Plangestaltung auch eine wesentliche Rolle. Es ist 
richtig, daß eine einwandfreie Treppe kaum hoch genug 
gewertet werden kann. Aber die Anforderungen an die 
Treppe gehen doch vielerorts zu weit. Sie gründen sich 
auf die Bestimmungen der Berliner Bauordnung, die damit 
zu rechnen hatte, daß zwölf und mehr Wohnungen in 
fünf Geschossen an eine Treppe gelegt wurden. Bei der 
Verkehrsbedeutung einer solchen Treppe müßte die Sicherung 
noch weiter gehen und jede unmittelbare Verbindung von 
Aufenthalts- oder Lagerräumen mit dem Treppenhause ver 
boten werden. Wo aber die Verkehrs 
bedeutung der Treppe zurücktritt infolge der 
Beschränkung der Zahl der Geschosse und 
der Wohnungen auf einer Etage, sollte über 
legt werden, ob nicht bei weniger guter 
Treppenanlage nicht erhebliche Vorteile für 
die eigentliche Wohnung erzielt werden 
können (Fig. 11). In dem Treppenhause wohnt 
man doch nicht. Vielleicht dürfte es vor 
zuziehen sein, in einem Hause mit nur zwei 
Obergeschossen und nur drei bis vier 
Wohnungen die Treppe etwas weniger gut 
zu beleuchten und zu belüften, wenn dafür 
der Wohnungsflur ein Fenster erhalten kann 
oder eine wirtschaftlichere und glücklichere 
Gesamtanlage der Wohnung zu erzielen ist. 
Die vorstehenden allgemeinen Bemerkungen mögen zur 
Beleuchtung des gebrachten Planmaterials, das im übrigen 
für sich selbst spricht, genügen. 
Das Material ist natürlich bei weitem nicht vollständig. 
Manche Städte, die über ausgesprochene gute Normalgrund 
risse verfügen, sind nicht vertreten. Die Pläne nach altem 
Berliner Muster, die den ganzen Osten beherrschen, sind 
nicht gebracht, weil sie heute als überwunden gelten können. 
Auch die sogenannten herrschaftlichen Wohnungen sind 
weniger berücksichtigt. Die vorliegende Veröffentlichung 
soll, abgesehen davon, daß sie den Städten, die Pläne bei 
gesteuert haben, eine Entschädigung für ihre Mühe gewährt, 
nur die Anregung geben zu einem vollkommenen, vielleicht 
von Reichs oder Staats wegen erscheinenden Werk, das 
die am Wohnungsbau interessierte Kreise, Grundstücks 
besitzer, Bauunternehmer und Wohnungsbedürftige, über 
das Beste autoritativ unterrichtet, was auf dem Gebiete 
geleistet wird. 
Durch ein solches Werk, dem weiteste Verbreitung 
zu geben [wäre, könnte die Entstehung guter Wohnungen 
sicherer gefördert werden als durch ein Wohnungsgesetz, 
das uns möglicherweise wieder mit Mindestforderungen be 
glückt, die, wie wir gesehen haben, eine nicht geringe Schuld 
an den heutigen schlechten Wohnungsverhältnissen tragen. 
Wenn das vielfach erstrebte Reichsgesetz zur Ver 
besserung der Wohnungen kommen soll, so dürfte es in der 
Hauptsache nur dreierlei bringen: 
1. Die gesetzliche Sicherstellung der Herausgabe des oben 
angeregten Werkes über Normalwohnungen, das, um 
Fortschritte zu ermöglichen, wenigstens alle fünf 
Jahre die Wohnungsinteressenten, also Behörden, 
Grundstücksbesitzer, Architekten, Unternehmer und 
*i9.n
	        
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