Path:
Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 9.1912 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
113 
sich beschränken und Vergleiche schließen. Um die Billigkeit 
zu gewinnen, mußte es auf die Güte verzichten. Darum 
erschien die Maschinenarbeit zunächst gegenüber der Hand 
arbeit, die in langer Entwicklung alle Wünsche in weit 
gehendster Weise zu erfüllen gelernt hatte, so minderwertig. 
Aber die Zeiten haben sich geändert. Während man früher 
von der Maschine nehmen mußte, was sie gab, ist die 
Maschinenkonstruktion heute so weit gediehen, daß man fast 
der Maschine vorschreiben kann, was sie geben soll. Das 
anspruchsvolle Bedürfnis braucht sich heute nicht mehr 
zurückzuziehen; es darf kühn seine Beschaffenheitsansprüche 
geltend machen. Die Maschine wird heute so konstruiert, 
daß die Fabrikate genau den Anforderungen, seien sie mehr 
oder weniger hoch, entsprechen. 
Wenn die Baupolizei heute ihre Befugnisse richtig aus 
nutzt und sie in Verbindung mit dem Fluchtliniengesetz 
und dem Verunstaltungsgesetz bringt, kann durch die 
Bauordnungen die Entstehung fast vollkommener Wohn 
hausbauten gewährleistet werden. Heute darf das reine 
Wohnbedürfnis, sogar auch das der Minderbemittelten, mit 
seinen Forderungen hervortreten, und es darf sicher sein, 
daß es Aussicht auf Befriedigung hat. Es ist nur not 
wendig, daß diese Forderungen gestellt und klar aus 
gesprochen werden. Dies geschieht am besten durch 
die Schaffung von amtlichen Normalhäusern, die den voll 
kommensten Ausgleich zwischen den gegebenen Faktoren 
darstellen. Nun entsteht allerdings die Frage: Sind wir 
dazu imstande und wissen wir, was wir wollen und müssen, 
besonders auf dem Gebiete des Kleinwohnungswesens? 
Werden wir mit der Festlegung auf bestimmte Wohnhaus 
arten nicht die Entwicklung zum Bessern auf halten? Hier 
müssen wir sagen; Durch die soziale und wirtschaftlich- 
bauliche Entwicklung hat sich das Bedürfnis in bezug auf die 
Wohnungen nach jeder Richtung geklärt. Der Streit zwischen 
den Ansprüchen von Behörde und Publikum einerseits und 
der Leistungsfähigkeit von Publikum und Unternehmertum 
anderseits hat zahlreiche Normalwohnungen jeder Art ent 
stehen lassen, die immer in mehr oder weniger guter Form 
wiederkehren und in ihrer Grundgestalt durch die freie 
Architektentätigkeit in absehbarer Zeit nicht mehr zu ver 
bessern sind. Diese Normalgrundrisse leiden heute nur 
noch unter dem Übelstande, daß die eine scheinbare Freiheit 
lassenden, vielfach verschiedenen Einzelbestimmungen der 
Bauordnungen die Grundform verhältnismäßig selten wirklich 
abgeklärt in die Erscheinung treten lassen. Hier werden 
die Möglichkeiten, die die Bauordnung gewährt, von unzu 
länglichen Kräften ausgenutzt, dort wird immer wieder der 
vergebliche Versuch gemacht, der Bauordnung eine neue 
Möglichkeit abzuringen und dabei die Vervollkommnung 
des glücklich Erreichten vernachlässigt. Ferner ist zu be 
achten, daß Einzelbestimmungen nicht alle Nebenumstände 
berücksichtigen können und sie infolgedessen zuweilen gute 
Anlagen ausschließen oder zur Entstehung mangelhafter 
baulicher Gebilde drängen. 
Aber trotz aller Mängel des heutigen Systems dürfen 
wir kühn behaupten: Manches ist hier und dort entstanden, 
was wir als vollkommen, als erstrebens- und nachahmungs 
wert freudig anerkennen dürfen. Heute können wir zahl 
reiche Wohnhäuser als gut, als normal im weitesten Sinne 
hinstellen, so daß wir wohl in der Lage und auch berechtigt 
sind, bei der Abfassung von Bauordnungen von bestimmten 
Wohnhaustypen auszugehen und die Häusermaschine, die 
bis heute meistens Halbzeug lieferte, für Fertigfabrikate zu 
konstruieren, ohne fürchten zu müssen, eine glückliche 
Weiterentwicklung zu unterbinden. Wie bereits ausgeführt, 
hat heute die Baupolizei durch ihre ausgedehnten Befugnisse 
die Fähigkeit, die Bauordnung einzurichten, fast wie sie 
will, und die Entstehung bestimmter Wohnhausarten zu er 
zwingen. Eine Schwierigkeit liegt allerdings darin, die 
richtigen Häusertypen für die einzelnen Gegenden, die ver 
schiedenartige wirtschaftliche Verhältnisse und Wohnsitten 
haben, zu finden; hinzukommt, daß manchmal eine vor 
zügliche Wohnungsart in dem einen Ort nicht aufkommen 
und die Wohnsitten nicht beeinflussen konnte, weil eine an 
sich vielleicht gute Bauordnungsbestimmung in dem be 
sonderen Falle ein Hindernis bildete. Die Überwindung 
der erwähnten Schwierigkeit könnte versucht werden durch 
einen öffentlichen Wettbewerb. Hierbei ist zu bedenken, daß 
die einheimischen Architekten zu sehr in den Fesseln der 
geltenden Bauordnung und der herrschenden Sitte liegen, 
während die auswärtigen zu wenig mit den örtlichen Ver 
hältnissen vertraut sind. Außerdem lehrt die Erfahrung, 
daß bei solchen Gelegenheiten mehr Architekten- als Unter 
nehmerarbeiten emlaufen. Die ersteren sind natürlich in 
vieler Hinsicht besser, leiden aber oft an dem Fehler der 
Unwirtschaftlichkeit und dem Mangel nüchterner Sach 
lichkeit. 
Die Stadt Aachen wählte einen anderen Weg, um vor 
dem Erlaß einer neuen Bauordnung eine Übersicht darüber 
zu erhalten, wie in deutschen Landen heute tatsächlich ge 
wöhnliche Wohnhäuser unter einem möglichst vollkommenen 
Ausgleich der Interessen gebaut werden. Sie sandte ein 
Rundschreiben an eine Reihe von deutschen, österreich- 
ungarischen und schweizerischen Städten, dessen wesent 
licher Inhalt wie folgt lautete: 
„Um für die Stadt Aachen, welche zurzeit mit der Um 
arbeitung ihrer Bauordnung beschäftigt ist, zu guten, d. h. 
zweckentsprechenden und rentablen Grundrissen für Miet 
häuser zu gelangen, die eine nach jeder Richtung hin ein 
wandfreie Aufschließung von Baugelände ermöglichen, ge 
statte ich mir die Bitte, mir die Skizzen von typischen 
Grundrissen, die sich durch die dortige Bauordnung für 
Mietwohnungen jeder Art herausgebildet haben, übersenden 
zu wollen. Ich gehe hierbei auch von der Erwägung aus, 
daß manche guten Grundrisse nach der einen Bauordnung 
möglich sind, nach der anderen nicht, und möchte für Aachen 
vermieden sehen, daß anerkannt Gutes ausgeschlossen würde. 
Meine Anfrage bezieht sich nur auf rentable ortsübliche 
Planbildungen, die dort gewissermaßen Allgemeingut ge 
worden sind.“ 
Das Rundschreiben hat bei den Stadtverwaltungen 
natürlich eine recht verschiedenartige Aufnahme gefunden. 
Die einen hatten keine Zeit oder keine Arbeitskräfte, die 
anderen kein Material, weil die Bautätigkeit zu wenig lebhaft 
sei oder eine neue Bauordnung ihre Wirkung noch nicht 
ausüben konnte. Eine große Stadt behauptete sogar, es sei 
nicht Aufgabe der Baupolizei, für gute Grundrisse zu sorgen. 
Die meisten Städte haben aber die Bedeutung der Umfrage 
anerkannt und lehrreiche Beiträge eingeliefert, die nunmehr 
einem weiteren Kreise zugänglich gemacht werden. 
Die zahlreichen, dem praktischen Leben entnommenen, 
verschiedenen Grundrisse, die auf den Tafeln eine möglichst 
systematische, allerdings auch durch die gebotene Raum 
ausnutzung bedingte Zusammenstellung gefunden haben,
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.