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Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 9.1912 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Werksteine, Bruchsteine, glasierte und unglasierte Ziegel, 
verschiedene Putzarten, Zink, Kupfer, Schiefer, Pfannen und 
schließlich noch Holzschindeln zeigen. Auch der Edelputz 
und die Mansarden haben keine Besserung gebracht, ja man 
ist bald froh, aus der „edel“ geputzten und wild begiebelten 
neuesten Neustadt in die alte Neustadt zu gelangen mit ihren 
Renaissance-Fassaden, die wenigstens straßenformende Ge 
simse und keine „abwechselungsreichen“ Aufbauten haben. 
Auch die etwas künstlichen Versuche mancher Bauberatungs 
stellen, die Häuserzeilen aus individuellen Elementen zu 
sammenzusetzen, müssen als vielfach mißglückt bezeichnet 
werden. 
Bei dem Anblick so mancher neuen Straße wird man 
an die Sammlung eines Hundefangcrs erinnert, nicht an die 
erquickliche Meute des Hundezüchters. Wir sehen ein mit 
Annoncen gefülltes Zeitungsblatt, nicht die auch äußerlich 
bei aller Einfachheit reizvolle Seite eines guten Buches. Es 
bieten sich uns Varietäten, aber keine Qualitäten. Wer 
durch eine Villenkolonie schreitet, erschreckt, daß für viel 
fach dieselben Zwecke noch so wenig Einheitliches gefunden 
ist, daß noch so wenig-Klarheit über das einzigVollkommene 
herrscht, daß die Schrullen der Bauherren und die künst 
lerischen Schlacken der Architekten so wenig das lautere 
Gold der vollkommenen Zweckerfüllung zu Tage treten 
lassen, wie dies in der alten Zeit der Fall war. Eine Ein 
schränkung der Individualität der Reihenhäuser wäre also 
sicher kein Nachteil; sie wäre sogar zu begrüßen. Denn 
die verständige Gleichartigkeit der gewöhnlichen Häuser 
bringt erhebliche künstlerische Vorteile. Wenn wir eine 
Schweizer Kuhherde, eine Meute echter Hunde, ein Regiment 
Soldaten oder ein altes Dorf besehen, so sind wir trotz der 
fast vollständigen Gleichheit der Einzelglieder künstlerisch 
befriedigt. Wir werden nicht müde, das Ganze zu schauen, 
und sind nicht enttäuscht, wenn wir das Einzelne vor 
nehmen. Im allgemeinen ergötzt die Verschiedenartigkeit 
der Stellung, der Gruppierung, oder ein aus irgendeinem 
berechtigten Grunde hervortretender Einzelteil; im Besonderen 
immer wieder die äußerste Zweckmäßigkeit und die in der 
Schattierung sich zeigende Liebe der Durchbildung. Es 
schadet also nichts, wenn die Bauordnung davon absieht, 
jedem Alltagsbauherrn oder Architekten Raum zu gewähren, 
sein unberechtigtes Individualitätchen zur Geltung zu bringen 
oder sein unsympathisches Bedürfnis, sich vorzudrängen, zu 
befriedigen. Das gewöhnliche Wohnhaus soll, wie der 
Soldat, unauffällig in der Reihe stehen und das Leuchten 
und Glänzen den Gebäuden überlassen, deren Zweck und 
deren Bedeutung ein Recht dazu gibt. Dann wird auch 
von selbst der so schmerzlich entbehrte Rhythmus den 
Städtebildern wieder eigen werden. 
Damit kommen wir zu dem Hauptvorteil, den das 
Normalhaus bietet, dem Vorzug, der dem Städtebau zugute 
kommt. Man kann wohl sagen, daß der Städtebauer heute 
in mancher Beziehung sehr im Dunkeln tappt. Er legt 
Straßen an, er schafft Baublöcke und weiß nicht, welcher 
Art Häuser daran gebaut werden sollen. Die Baupolizei 
setzt hintere Baufluchtlinien fest und ist im unklaren da 
rüber, was für Grundrisse in die oft willkürlichen Be 
grenzungen der Baufläche hineingezwungen werden können. 
Baublöcke und hintere Baufluchtlinien können nur richtig 
geschnitten und angeordnet werden, wenn Normalgrundrisse 
zugrunde gelegt werden. Die Hausnormalien liefern die 
eigentlichen Elemente, die Urzellen des Städtebaues, aus 
denen mit Hilfe der Statistik Bewohnerzahl und Bedürfnisse 
an öffentlichen baulichen Anlagen sich außerordentlich sicher 
ergeben. Sie geben die Möglichkeit, die Neustadt von innen 
nach außen zu bauen, während es heute mangels der Normal 
häuser gang und gäbe ist, eine Schale, ein Gerippe durch 
Straßen zu bilden und zu warten, ob und mit welchem 
bisher unbekannten Inhalt sie sich füllen wird, einen Inhalt, 
der natürlich oft zu wenig, manchmal zu viel Platz darin 
hat. Das Normalhaus, das einerseits dem Techniker Arbeit 
erspart, gibt ihm anderseits wieder Arbeit, indem die Er 
schließung der Baugelände, die Zusammenstellung von 
Normalhäusern, der Aufbau kleiner Stadtteile ihm eine reiz 
volle neue Aufgabe stellt. In der Bauordnung ist daher auch 
die Möglichkeit vorzusehen, alle Arten von Normalhäusern 
durcheinander zu bauen, weil sie sich in jeder Hinsicht 
vorzüglich ergänzen können. Diese Möglichkeit soll dazu 
reizen, die freie Architektentätigkeit häufiger für die Ge 
staltung kleiner Stadtteile heranzuziehen. 
In dem Vorstehenden ist versucht worden, darzulegen, 
welche Zusammenhänge zur Bildung der heute üblichen 
Haustypen geführt haben, und nachzuweisen, daß der fest 
gestellte Maschinencharakter der Bauordnungen als etwas 
Notwendiges, aus den Verhältnissen Herausgewachsenes 
und daher Natürliches anzusehen ist. Ferner ist gezeigt 
worden, wie die Möglichkeit und Natürlichkeit der me 
chanischen Benutzung der Bauordnung Nachteile und Vor 
teile dem Bauwesen gebracht hat. Nachteile, indem un 
gelernte Unternehmer die Ausführung des größten Teiles 
aller Bauten an sich reißen konnten unter Zurückdrängung 
der Fachleute und der individuellen Lösung der Bau- 
aufgaben; Vorteile, indem die berechtigten Ansprüche der 
Wohnungsbedürftigen klargestellt und die Mittel ihrer Be 
friedigung in der Erhöhung der baupolizeilichen Befugnisse 
gefunden wurden. Zur Verringerung der Nachteile und zur 
Erhöhung der Vorteile wurde vorgeschlagen, die Verbesserung 
der Bauordnungen auf der Grundlage ihrer natürlichen 
Eigenschaften, die aus ihrem Maschinencharakter sich er 
geben, zu versuchen; dabei wurde daraufhingewiesen, daß die 
verständige Gleichförmigkeit des Maschinenerzeugnisses bei 
Massenbedarf, insbesondere die Beschränkung der Möglich 
keit einer übertrieben individuellen Gestaltung landläufiger 
Wohnhäuser aus wirtschaftlichen und künstlerischen Gründen 
etwas Gutes und bei der Häuserherstellung geeignet ist, die 
Bauherren von dem schlechten Einfluß der baulich Halb 
gebildeten zu befreien und den Fachleuten neue dankbare 
Aufgaben zuzufuhren. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, 
daß es sich nur darum handeln darf, die Bauordnungen 
als eine Häusererzeugungsmaschine, die vom Wohnbedürfnis 
und dem Erwerbssinn der Bauunternehmer getrieben wird, 
richtig zu bewerten und auszubilden, sie in eine Verfassung 
zu bringen, die ein einwandfreies Erzeugnis verbürgt, das 
nicht Halbzeug, sondern einigermaßen Fertigfabrikat ist. Die 
Mängel der alten Bauordnungen sind dieselben, an denen die 
ersten Maschinen gelitten haben. Bei deren Entstehen galt es, 
zunächst, die Möglichkeit auszunutzen, irgend etwas Brauch 
bares billig in großen Mengen herzustellen. Billig und in 
Masse, wenn auch schlecht, war notgedrungen die Parole. 
Das Bedürfnis mußte sich mit der Fabrikware auseinander 
setzen und sich zufrieden geben mit dem, was die Maschine 
unter den gegebenen Bedingungen leisten konnte. Der 
Maschine gegenüber konnte das Bedürfnis sich zunächst 
nicht einfach mit seinen Wünschen durchsetzen, es mußte
	        
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