Path:
Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 9.1912 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
111 
vom Häuserbau nicht ferngehalten werden kann, gehindert 
wird, das Vollkommenere zu liefern. Sie muß mehr auf 
Fertigware eingestellt werden, und dazu müssen für die 
landläufigen Wohnhäuser Normalien geschaffen werden, die 
der Bauordnung fix und fertig entspringen, an denen der 
Stümper nicht mehr viel verderben kann, an denen der 
Techniker und Künstler aber noch reichlich zeigen kann, 
was er vermag. 
Diese Art, die Bauordnung bewußt als modernste 
Maschine zu behandeln und sie als solche zu erhöhter 
Leistungsfähigkeit zu bringen, wird den Baumeistern, die 
freie Künstler sein und bleiben wollen, zunächst nicht 
sympathisch sein. Sie werden einwenden, eine noch voll 
kommenere Maschine werde dem Baufach noch mehr den 
Kunstcharakter nehmen, indem die Möglichkeit der indivi 
duellen Gestaltung des Hauses weiter beschränkt werde. 
Der Einwand, der auf den ersten Blick einleuchtend scheint, 
erweist sich bei näherer Untersuchung nicht als stichhaltig. 
Die heute noch manchmal gestellte Forderung der Indivi 
dualität für jedes Haus hat doch nur eine beschränkte 
Berechtigung. 
Eigenart ist notwendig und gut wie das Salz. Sie ist 
aber auch wie das Salz nur in geringen Mengen und am 
richtigen Platze zu verwenden. Zu viel Eigenart wirkt wie 
versalzene Speise. Zu viel Eigenart ist in den letzten Jahr 
zehnten auch auf dem Gebiet des Bauwesens geboten worden; 
dadurch erscheinen die neueren Stadtbilder oft so wenig ge 
nießbar. Die Gründe, die zum Verlust des Gefühls für das 
Normale auf künstlerischem Gebiet geführt haben, zum Ver 
gessen der Tatsache, daß Eigenart nur eine Schattierung des 
Normalen sein darf, um nicht zur verletzenden Unart zu 
werden, sind verschiedenartig. Zunächst können diese Vor 
gänge angesehen werden als Gegenwirkung gegen eine 
akademisch-eklektizistische Versumpfung auf künstlerischem 
Gebiet und gegen die gleichmachende Richtung des 19. Jahr 
hunderts, des Maschinenzeitalters, das manche berechtigte 
Eigenart unterdrückte; dann aber auch als Spiegelbild des in 
unserer Zeit herrschenden freien Wettbewerbes, der im all 
gemeinen zum Vordrängen zwingt und Zurückhaltung und 
Unterordnung mit Mißachtung und geschäftlichen Nachteilen 
bestraft. Die heutige Vorliebe für die Ausschreitungen, die 
Künstler und Kunstschriftsteller bei der Pflege des Individu 
alismus begingen, die sich nicht scheuten, den hergebrachten 
Geschmack links und rechts zu ohrfeigen, war wohl auch 
von einem ehrlichen Drang, die Fesseln der Überlieferung 
abzustreifen, hervorgerufen; aber wie überall spielte das 
Geschäft, die Reklamesucht, auch keine geringe Rollo. 
Das Grobindividuelle in der Kunst darf aber nur als 
eine vorübergehende Erscheinung angesehen werden; denn 
in der allgemeinen Entwicklung strebt alles zum Normalen, 
d. h. zu vollkommenen Rasseeigenschaften. Es ist nicht 
natürlich, daß Menschen, die sich mit Recht fürchten, durch 
Schlitzaugen oder rote Haare oder die kleinste Anormalität 
in Kleidung oder Gesellschaftsform aus der Reihe zu treten, 
auf die Dauer in der Kunst einen sogenannten verrückten 
Geschmack betätigen und sich insbesondere mit ihren Häusern 
in unfeinerWeise vordrängen. Es wird sich sicher wieder die 
alte Lehre Bahn brechen, daß das Vollkommene nur in der 
Züchtung der Art, in der Pflege der Überlieferung, in der 
Achtung vor der guten Schule erreicht werden kann. Wenn 
eine große Bewegung Neues gebracht hat, muß auch eine Zeit 
des Ausreifens kommen zur Vervollkommnung und Be 
festigung des Erreichten. Was von alten Kunstwerken heute 
Geltung hat, ist auch nicht grob individuell. Die größten 
Werke des menschlichen Geistes auf dem Gebiete der 
bildenden Kunst sind verfeinerte Normalien. Der griechische 
Tempel, die gotische Kathedrale sind Typen, an denen der 
Laie eigenartige Züge schwer entdeckt. Dem Kölner Dom 
hat man mit großem Unrecht vorgeworfen, sein Chor habe 
denselben Grundriß wie die ältere Kathedrale von Amiens. 
Das sind schwächliche Ästheten, die in der Kunst die persön 
liche Willkürlichkeit mit ihrem Stimmungsreiz über klares 
Zielbewußtsein stellen. Die Alten hatten einen zu gesunden 
Sinn, um aus Furcht wegen Nachahmung angezeigt zu 
werden, das, was für den Zweck als das Vollkommenste 
anerkannt war, nicht zu wiederholen. Sie zeigten ihre 
Schöpferkraft nicht an unpassender Stelle, an dem, was 
fertig, was vollendet war. Sie bauten auf dem Fundament 
des klar als richtig und schön Erkannten weiter, ohne an 
den glücklich gefundenen Normalien eine unberechtigte 
Originalitätssucht auszulassen. Auch die Angriffe, die der 
Baumeister des Berliner Domes erfahren hat, können nur 
in geringem Maße als berechtigt anerkannt werden, wenn 
man sich aus der Zeitströmung auf einen erhöhten Stand 
punkt begibt. Raschdorf wollte eine Kuppel bauen und mußte 
dieselbe Erfahrung machen, die die Baumeister des Parthenon 
und des Kölner Domes gemacht hatten. Wie Iktinus die 
dorische Säulenordnung und Meister Gerhard den Grundriß 
von Amiens, so fand Raschdorf die Kuppel von St. Peter 
vor, die die Kuppel an sich, die Normalie, darstellt. 
Bildhauer und Maler haben sich darin gefunden, mit 
dem Menschen als einer Normalform zu rechnen. Wenn sie 
einen Menschen darstellen müssen, versuchen sie nicht ihre 
Originalität dadurch zu beweisen, daß sie ihm etwa einen 
Rüssel ansetzen. Sie formen ihm immer wieder eine Nase. 
Ebenso kann sich auch kein Kuppelbauer dem Vorhandensein 
von Michelangelos Werk entziehen, wenn bei Raschdorfs 
Berliner Dom auch nicht mit Unrecht die persönliche Note, 
die manche andere Kuppel trotz St. Peter besitzt, vermißt wird. 
Das Grobindividuelle wird also in Zukunft wohl nicht 
mehr die allgemeine Wertschätzung finden, sondern eher 
das zur Vollendung durchgebildete Normale. Darum wird 
es kein zu großes Unglück sein, wenn die Bauordnung den 
Schrullen ungebildeter Bauherren und der unkünstlerischen 
Willkür unreifer Architekten etwas weniger Spielraum läßt. 
Die Häuser, um die es sich bei dieser ganzen Erörterung 
hauptsächlich handelt, haben auch das geringste Recht, 
individuell behandelt zu werden; sie müssen in Massen her 
gestellt werden und sind deshalb schon in anbetracht der 
ganzen wirtschaftlichen Entwicklung dazu bestimmt, 
Maschinenfabrikat zu werden. Aber auch die künstlerische 
Einsicht verlangt mit Recht die Abwendung von dem Streben, 
Reihenhäuser eigenartig zu gestalten, in denen alltägliche 
Menschen Drei-, Vier-, Fünfzimmerwohnungen füllen, die 
froh sind, wenn sie ein leidlich gesichertes Dasein haben, 
denen jedes Individualitätsgelüst fernliegt. Die üble Sucht 
bei Bauherren und Architekten, entgegen jeder guten Sitte 
mit seinem Hause durch Äußerlichkeiten aufzufallen, hat 
die Kunst der Fassadengestaltung sich veräußerlichen und 
anker- und steuerlos in Willkürlichkeiten und Anarchie 
ausarten lassen. Wie oft sieht man Häuserreihen, die auf 
beschränkter Fläche sämtliche Bauformen und Bau^ 
Stoffe zur Schau tragen, die nicht nur alle denkbaren 
Fenster-, Erker- und Giebelformen aufweisen, sondern auch
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.