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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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zu sammeln. Aus der gegenseitigen Ergänzung der wirt 
schaftlichen Bedürfnisse der beiden Stadtteile soll sich dann 
auch im Norden Prags jener Zustand entwickeln, der 
im Südosten zwischen der Neustadt und den angrenzenden 
Vororten beiderseits so segenbringend sich erwiesen hatte. 
Es wäre allerdings zu spät zu erwägen, ob es für Prag 
nicht vorteilhafter gewesen wäre, das Sanierungsviertel 
nicht als Handelsviertel, sondern als das eigentliche kul 
turelle Zentrum des Königreiches auszugestalten, wo sämt 
liche öffentliche Gebäude im Rahmen neuer, entsprechend 
auszugestaltender monumentaler Straßen- und Platzanlagen 
Raum gefunden hätten. Zu beklagen ist es sicherlich im 
eigensten Nutzen Prags, daß die Sanierung nicht von 
diesem hohen Standpunkte aus durchgeführt wurde, ohne 
natürlich zu untersuchen, ob eine solche Lösung auch 
vom Geldstandpunkte durchführbar gewesen wäre. 
Die Belvedere-Platte am linken Moldauufer bildet mit 
ihrer großen zusammenhängenden Fläche ein geradezu 
ideales Gelände für jede Art der Bebauung, und daher wohl 
auch die einzige Möglichkeit für die Anlage einer Vorstadt, 
welche die gewünschte Ergänzung zur Altstädter Sanierung 
bilden würde, aber natürlich nur dann, wenn eine ent 
sprechend glückliche Verbindung der beiden Stadtteile trotz 
des bedeutenden Höhenunterschiedes wird bewerkstelligt 
werden können. 
An Vorschlägen zur Lösung dieser reizvollen Aufgabe 
mangelt es nicht, und die nächsten Tage sollen schon 
eine Entscheidung in dieser Angelegenheit bringen, nachdem 
in Prag eine Enquete zur Beurteilung der teils Wett 
bewerben, teils privatem Fleiße entstammenden Vorschläge 
zusammengetreten ist. Dieselbe wird sich, wie aus dem 
Vorhergesagten deutlich hervorgeht, mehr mit der Be 
urteilung wirtschaftlicher als technischer Fragen zu befassen 
haben, denn gerade in diesem Falle, wo die verhältnismäßig 
geringe Entwicklungsfähigkeit des neuen Stadtgebietes ge 
hoben werden soll, wird es dringend notwendig werden, nur 
die Ausführung solcher technischen Hilfsmittel zuzulassen, 
deren Durchführbarkeit durch keine wirtschaftlichen Opfer 
von dauernd nachteiligem Einfluß auf die Entwicklungs 
fähigkeit der betroffenen Stadtteile bedingt ist. 
Die sämtlichen eingereichten Entwürfe für die geplante 
Verbindung der Altstadt mit der Belvedere-Platte kann man 
ohne Rücksicht auf abweichende Einzslheiten von unter 
geordneter Bedeutung in folgende Gruppen einteilen: 
1. in Lösungen mittels Tunnels, 
2. in solche mittels Einschnitte in die Bergplatte, 
3. in Lösungen mit Tunnels und Einschnitten und 
4. eine Lösung mittels Spiral- oder Turmstraße, welch 
letztere hier näher beschrieben werden soll. 
Schon der erste Blick auf den Entwurf sagt uns, 
daß die erstgenannten drei Gruppen eigentlich keine un 
mittelbare Beantwortung der gestellten Frage bedeuten, 
weil diese Lösungen die Prager Altstadt nicht mit der 
Belvedere-Platte, sondern erst mit der nördlich gelegenen 
Gemeinde Bubentsch verbinden, von wo aus dann aller 
dings die Belvedere-Platte auf Umwegen zugänglich ge 
macht würde. Doch nicht genug damit. Durch die Aus 
führung eines Einschnittes würde die Platte in zwei Teile 
zerrissen werden, und es würde weiterer, teuerer Brücken 
bauten bedürfen, um diesem Übelstande wenigstens teil 
weise wieder abzuhelfen. Da es aber im vorliegenden Falle 
auch bei Anlage von Tunnels nicht möglich wäre, das 
darüber liegende Gelände zu verbauen, ergibt sich sowohl 
bei diesen als auch beim Einschnitte der große weitere 
Nachteil, daß ein sehr bedeutender Teil des kostbarsten, weil 
der Mutterstadt am nächsten gelegenen, Bodens für die 
Verbauung verloren gehen müßte. Die weite unbewohnte 
Strecke, die sich zwischen der Altstadt und der Aus 
mündung aus einem Tunnel oder unverbautem Einschnitte 
unvermeidlich ergibt, dürfte wenig geeignet sein, die Ent 
wicklung der in Betracht kommenden Stadtteile zu fördern; 
einem verbauten Einschnitte würden aber noch immer die 
vorangeführten Mängel anhaften, weshalb auch der Schreiber 
dieser Zeilen von diesem seinem ursprünglichen Entwürfe 
abgekommen war, um statt dessen seinen Turmstraßen 
entwurf einzureichen, der unter Vermeidung der auf 
gezählten Übelstände noch immer eine bequeme Verbindung 
der Altstadt mit der Belvedere-Platte ermöglichen würde. 
Die nachstehende Beschreibung diene zur Erläuterung des 
Entwurfes. 
Die hinter der Svatopluk-Cech-Brücke zur Höhe der 
Platte emporzuführende Verbindung soll, wie aus dem 
Entwürfe ersichtlich, als schraubenförmige Fläche von rund 
100 m größtem äußerem und ca. 55 m kleinstem innerem 
Durchmesser von der Kote 197,50 in zusammen vier und 
einer halben kreisförmigen Wendung bis zur Kote 230,00 der 
Belvedere-Platte ansteigen. Die Gesamtbreite dieser Turm 
straße beträgt mit Rücksicht auf den zu erwartenden leb 
haften Verkehr und bei Annahme einer zweigleisigen 
Straßenbahn rund 22 m. Die beigefügte Tafel gibt Auf 
schluß sowohl über das Gefälle als auch über die Gesamt 
längen der einzelnen Bahnkurven des geplanten Straßenzuges. 
Die Straße durchläuft bei jeder Wendung an der Seite 
der Belvedere-Platte eine Art Tunnel, um dann wieder ans 
Tageslicht herauszutreten, wo sie eine leichte und 
luftige Galerie mit schöner Aussicht auf das unterhalb 
liegende Prag mit dem herrlichen Moldaustrome bilden würde 
und sich zum nächsten Tunnel einbiegt, um so nach der 
vierten Wendung die Höhe der Platte zu erreichen.
	        
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