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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb. 6. 
lang es, die Preise von 71 alten Häusern auf ein solches 
Maß zurückzuschrauben, daß deren Ankauf möglich wurde. 
Immerhin schwankten die Preise noch von 206 Mk. bis 
1027 Mk. für das Quadratmeter; der Durchschnittspreis betrug 
— noch hoch genug — 477 Mk., womit sich eine Gesamt 
summe von 3216000 Mk. ergab. 
Nach Abschluß dieser Verhandlungen wurde sofort zu 
der überaus umständlichen Ermittlung der Mietwerte 
in der ganzen Umgegend des umzubauenden Viertels ge 
schritten. Dabei waren sorgfältige Einzelerhebungen über 
die Mietpreise von Läden, Geschäftsräumen, Magazinen 
und Wohnungen erforderlich. Durch Zusammenstellung 
der gewonnenen Zahlen ließ sich alsdann leicht ein Über 
blick über den Wert der verschiedenen Geschäftslagen ge 
winnen. 
Die nächste Aufgabe war die Aufstellung eines Grund 
planes für die Neuanlage des in Betracht kommenden 
Gebiets, (Vgl. Textbild 6.) Hierfür war von Anfang an der 
Gedanke maßgebend, die bestehenden Straßenzüge in der 
Hauptsache zu belassen und nur soweit unbedingt nötig 
abzuändern bzw. zu erweitern. Im Mittelpunkt des umzu 
bauenden Gebiets lag der Geißplatz, bisher wenig gewürdigt 
und von manchem Stuttgarter nie gesehen, aber ein echtes 
und gerechtes Stück Alt-Stuttgart. Mit sicherem Blick wurde 
dieser Platz nunmehr zumKernpunkt des ganzen Unternehmens 
gemacht und dementsprechend mit besonderer Liebe ausge 
stattet. Zur Belebung des Verkehrs wurden sodann die Stein 
straße, sowie die senkrecht zu ihr verlaufende Nadlerstraße, 
je unter Erbreiterung auf 11 m Lichtweite (während sie 
früher durchschnittlich nur 5,5 m, ja teilweise bloß 4,25 m 
Breite hatten), als Hauptverkehrsadern durchgeführt. Auf 
diese Weise wurde ein unmittelbar durchgehender Verkehr 
von der Königstraße über die Neue Brücke, die Nadlerstraße 
und den Ilgenplatz bis zur Eberhardstraße, sowie gleichzeitig 
von der Eberhardstraße durch die Steinstraße bis zu dem 
vor einigen Jahren neu erbauten Rathause bzw. dem Markt 
platz ermöglicht. In entsprechender Weise erfuhren auch 
die Geiß- sowie Schreinerstraße Erbreiterungen auf rund 
7 m; außerdem wurde anstatt einer bisher zu der Eberhard 
straße parallel laufenden schmalen Hofeinfahrt eine neue 
8,80 m breite Straße geschaffen und mit dem Namen der 
seiner Zeit infolge des Rathaus-Neubaus eingegangenen 
Metzgerstraße belegt. Endlich wurde noch anstatt eines früher 
vom Geißplatze nach der Eberhardstraße führenden engen 
Häuserdurchgangs, der nur dem Fußverkehr diente, eine 
neue 8 m breite Durchfahrt geschaffen. An Stelle des durch 
diese Straßenerbreiterungen der Stadt zufallenden neuen 
Gebiets im Gesamtbeträge von 11 a wurde von dieser ein 
Teil des die Eberhardstraße begleitenden alten Stadtgraben 
gebiets, das bisher Marktzwecken diente — der sogenannte 
„Häfelesmarkt“ — abgegeben, so daß nun für die Überbauung 
wieder der gleiche Platz wie früher zur Verfügung stand, 
und die Eberhardstraße die Breite von 19 m erhielt. In den 
auf diese Weise festgelegten Baublöcken wurden nunmehr 
die einzelnen Häuser bestimmt und in flüchtigen Skizzen 
entworfen. Je nach der Geschäftslage (Eck- oder Mittellage) 
und dem dadurch bedingten Wert erfolgte alsdann ihre 
Einteilung in sechs verschiedene Klassen, für welche Boden 
preise von 800 bis 300 Mk. für das Quadratmeter zugrunde 
gelegt wurden. Die für jede einzelne Gebäudeklasse aufzu 
wendenden Kosten wurden alsdann nach dem Kubikmeter 
des zu umbauenden Raums berechnet. 
Diese Vorarbeiten bildeten die Grundlage für die Auf 
stellung des Finanzplans. Die zu erwartende Rente setzte 
sich zusammen aus den Mietpreisen der Läden, Geschäfts 
räume, Magazine und Wohnungen und ergab sich durchschnitt 
lich zu 4,2 °/ 0 des Gesamtaufwands, der aus dem Kaufpreise 
der Bauplätze, sowie den Neubaukosten bestand, während 
die Abbruchkosten annähernd durch den Abbruchwert der 
Häuser gedeckt wurden. Damit war klar, daß das Unter 
nehmen nur durchgeführt werden konnte, wenn sich Geld 
zu einem Zinsfüße von 3% beschaffen ließ. Von den übrig 
bleibenden 1,2 °/ 0 mußten für die Käufer der neugebauten 
Häuser zur Deckung von Unkosten, Steuern, Verwaltungs 
kosten usw. noch etwa 0,8 °/ 0 in Rechnung genommen werden, 
während die übrigbleibenden 0,4 °/„ den schließlich sich er 
gebenden Gewinn darstellten. Die Beschaffung der erforder 
lichen Mittel zu dem genannten Zinsfuß ist das Verdienst 
des rührigen Vorsitzenden des oben erwähnten Vereins, 
Geh. Hofrat Dr. v. Pfeiffer. Zunächst ging er selbst mit 
gutem Beispiel voran und stellte aus eigenen Mitteln die 
Summe von 1 Mill. Mk. zur Verfügung, während der Verein 
250000 Mk. spendete. Sodann gab die Stadtgemeinde, in 
Anerkennung der großen Vorteile des geplanten Umbaus 
für die Gesundheits- wie Verkehrsverhältnisse der Altstadt 
— durch Beschluß vom 11. Dezember 1905 — weitere 
4 Mill. Mk. Somit stand für die Ausführung die Gesamt 
summe von 5250000 Mk. zur Verfügung, und zwar zu einem 
Zinsfüße von 3 °/ 0 , 30 Jahre unkündbar und in 1 °/ 0 igen Jahres 
beträgen rückzahlbar. 
Nachdem die Finanzierung so gesichert war, handelte 
es sich um die Art und Weise der Ausführung des 
Unternehmens. Das nächstliegende wäre gewesen, die Stadt 
hätte selbst die Arbeit in die Hand genommen. Hiervon 
wurde indes aus verschiedenen Gründen abgesehen: einmal 
wollte die Stadtgemeinde die Gefahr nicht allein tragen; so 
dann hätten lie neu zu erbauenden Häuser doch nicht auf
	        
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