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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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portikusgeschmückten Markgtafenpalast und Privatpalästen auf den anderen 
Ecken, deren durch den Vorgefundenen Fächer erschwerte Grundrisse 
Meisterlösungen darstellen, wie Weinbrenners von seinen Schülern ge 
sammelte Werke zeigen. 
In den Rondellplatz münden symmetrisch Erbprinzen- und Markgrafen 
straße, nach den genannten Toren im O. und W. ziehend und bedeutende 
Bauten Weinbrenners enthaltend. In der ersteren liegt die katholische 
Stadtkirche, eine stattliche Nachbildung des Pantheons in Rom. Andere 
Gebäude W.s sind die - Infanterie- und Kavalleriekaseme, das Stände 
haus, verschiedene Apotheken, Gasthäuser und Bankgebäude, wie zahlreiche 
herrschaftliche und bürgerliche Wohnhäuser. Abgebrannt und durch Neu 
bauten ersetzt sind Hoftheater und Synagoge. Als Baudirektor hat 
Weinbrenner auch in vielen badischen Städten charaktervolle und trefflich 
angeordnete Werke geschaffen, z. B. das Kurhaus in Baden-Baden, die 
Kommandantur in Freiburg u. s. f. Meister Weinbrenner war sowohl in 
der Anlage als in der Durchführung des Städtebaues ein ungewöhnlich 
erfolgreicher und vorbildlicher Architekt. Aus seiner Schule gingen 
Hübsch und Eisenlohr hervor, die den Grund zur späteren Technischen 
Hochschule in Karlsruhe legten. Gerstner, Frankfurt a. M. 
D as Königlich Sächsische Ministerium des Innern hat mit Dekret 
vom 10. Oktober 1910 die Bauordnung für das Plangebiet der 
GARTENSTADT HELLERAU genehmigt, und zwar zunächst nur 
auf die Dauer von 2 Jahren. 
Die Gartenstadt hofft auf Grund diesen die künstlerischen Absichten 
fördernden Bestimmungen durchführen zu können und somit zum ersten 
Male in größerem Umfange zu zeigen, was die baukünstlerischen Kräfte 
der Gegenwart bei genügender Bewegungsfreiheit und richtiger Organisation 
vermögen. Gegenwärtig sind etwa aoo grossere und kleinere Ein-, Zwei- 
und Vierfamilienhäuser nach Entwürfen von Riemerschmid, Fischer, 
Muthesius, Tessenow, Hempel, Höhrath, Tscharmann, Kühn errichtet und 
bewohnt, ferner befindet sich im Betriebe die Fabrikanlage der Deutschen 
Werkstätten für Handwerkskunst, G. m. b. H., von Riemerschmid ent 
worfen, und eine Waldwirtschaft ebenfalls von Riemerschmid. Endlich 
der Marktplatz mit den Geschäftshäusern, dem Gasthause mit Saal und 
Fremdenzimmern und einem Ledigenheim, sämtlich von Riemerschmid. 
Bekanntlich bleibt das ganze Land aus sozialpolitischen Gründen Eigentum 
der Gartenstadt-Gesellschaft bzw. der Baugenossenschaft, die sich all 
mählich in Stiftungen umwandeln werden, und die Häuser können dem 
zufolge nur gemietet werden. Das Mietverhältnis ist von seiten der 
Gesellschaft unkündbar. Eine elektrische Straßenbahn verbindet Hellerau 
mit Dresden in etwa 20 Minuten. 
Im folgenden teilen wir die wesentlichsten Bestimmungen aus der 
Bauordnung mit dem Bemerken mit, daß auch die Bestimmungen über 
Bauweise und Nebengebäude denselben sozialen und künstlerischen Geist 
atmen. 
Alle Baugesuche für das Plangebiet Hellerau sind vor Einreichung 
bei der Gemeindebehörde durch einen der Gesellschaft Hellerau zur Seite 
stehenden Sachverständigenausschuß, der Bau- und Kunstkommission 
Hellerau, durchzuprüftn. Dieser hat dafür zu sorgen, daß die Bebauung 
in einer durchaus künstlerischen Weise erfolgt und im allgemeinen das 
Gelände weniger ausgenutzt wird, als es nach dem allgemeinen Baugesetz 
zulässig wäre, 
Veckehrsstraßen erhalten ein 20 cm starkes Packlager und eine 
15 cm starke Schotterdecke, Wohnstraßen einen 15 cm starken Unterbau 
aus Grobschlag und eine 12 cm starke Schotterdecke. Bei feinem Sand 
als Untergrund bleibt auch bei Wohnstraßen die Forderung eines Pack 
lagers Vorbehalten Als Verkehrsstraßen in diesem Sinne gelten bis auf 
weiteres die Straßen 1 und 6, die Dresdener Straße, der Pillnitz-Moritz 
burger Weg, die Straße 2, die Hendrichstraße und der Kommunikations- 
weg nach Klotzsche-Rähnitz. 
Oie Einfügung von durchgehenden Wohnstraßen in die Baublöcke 
ist zulässig. Die Breite solcher Wohnstraßen muß mindestens 4 m 
betragen. Die Gebäude haben jedoch von der Straßenfiuchdlne einen 
solchen Abstand zu erhalten, daß eine spätere Verbreiterung der Straße 
auf 8 m möglich ist. Das zu dieser Verbreiterung erforderliche Land ist 
auf Erfordern der Baupolizeibehörde unentgeltlich, pfand- und oblastenfrei 
an die Gemeinde abzutreten. 
Um die Schaffung entsprechender Straßenbilder zu erleichtern, werden 
besondere Baufluchtlinien nicht aufgestellt. Vordergebäude müssen jedoch 
von den jenseits der Straße liegenden Vordergebäuden stets einen Abstand 
von mindestens 12 m, im Kleinwohnhäuserviertel von mindestens zo m 
haben. 
Das Plangebiet zerfällt in fünf Bauzonen, und zwar: 
A. Kleinhäuserviertel, 
B. Villenviertel, 
C. Viertel für Wohlfahrtseinrichtungcn, 
D. Gelände für Fabrikanlagen, 
E. Das übrige Gelände bleibt bis zum Erlaß von Bauvorschriften 
von der Bebauung ausgeschlossen, soweit nicht einzelne Teile 
ausgeschieden und einem der Viertel A, B, C, D einbezogen 
werden. 
A. Kleinhäuserviertel. 
Im Kleinhäuserviertel sollen in der Regel nur Einfamilienhäuser, in 
offener Bauweise oder zu Gruppen vereinigt, errichtet werden. Die 
Häuser dürfen, insoweit sie in Gruppen zusammengeschlossen werden, 
nur aus Erdgeschoß und ausgebautem Dach, oder aus Erdgeschoß und 
Obergeschoß mit oder ohne Dachausbau bestehen. Freistehende Wohn 
häuser können Erd-, Obergeschoß und ausgebautes Dach erhalten. Ein 
Uber dem x. Obergeschoß gelegenes, ausgebautes Dach darf nur zur Hälfte 
der Baufiäche abzüglich der Treppe zu Wohnzwecken hergesteellt und 
benutzt werden. In Einfamilienhäusergruppen kann von der Errichtung 
von Brandmauern zwischen den einzelnen Häusern abgesehen, doch muß 
mindestens in einer Entfernung von je 30 m eine Brandmauer errichtet 
werden. 
Am Marktplatz dürfen die Häuser in geschlossener Reihe errichtet 
werden. In bezug auf ihre Höhe gelten die Uber Gruppenbauten ge 
troffenen Bestimmungen, 
An den Plätzen und im Bedarfsfälle im Interesse des Straßenbildes 
sind bei ausreichender Grundstücksgröße Ausnahmen zulässig. 
Näher als 1,75 m an die Nachbargrenze herantretende Umfassungen 
sind als Brandmauern auszuführen oder in geeigneter Weise feuersicher 
zu verkleiden. 
Bei der Stellung der Gebäude zueinander und ihrer Höhenbemessung 
ist daraul Bedacht zu nehmen, daß jeder freistehenden, mit Fenstern ver 
sehenen Gebäudeseite ein Lichteinfallwinkel von 45 0 gewährleistet bleibt. 
Die Baugrundstücke dürfen höchstens zu einem Viertel ihrer gesamten 
Fläche mit Wohn- oder Nebengebäuden bebaut werden. 
Die lichte Höhe der Wohnräume soll nicht unter 2,50 m betragen, 
sie kann jedoch in besonderen Fällen, namentlich bei genügender Grund 
fläche und 2ur Ermöglichung des Baues von freistehenden Einfamilien 
häusern bis auf 2,30 m herab zugelassen werden. Die Mindestfläche der 
bewohnten Räume einer Wohnung hat 45 qm zu betragen. 
B. Villenviertel. 
Im allgemeinen dürfen die Grundstücke nur mit freistehenden Ein 
familienhäusern bebaut werden. Bei ausreichender Grundatücksfläche und 
genügenden seitlichen Abständen sollen, soweit es für die architektonische 
Ausgestaltung des Straßenbildes erwünscht ist, auch Gtuppenbauten nach 
gelassen sein. Die Baugrundstücke dürfen bis zu höchstens einem Fünftel 
mit Wohn- und Nebengebäuden besetzt werden. Hauptwohngebäude 
dürfen höchstens zwei Vollgeschosse und ausgebautes Dach erhalten. 
Mehr wie drei Wohnungen dürfen in einem Hause nicht eingerichtet 
werden. 
Die lichte Höhe der Wohn- und Arbeitsräume soll nicht unter 2,60 m 
betragen: bei wirtschaftlichen Nebenräumen kann bei genügender Grund 
fläche und genügendem Lufträume eine lichte Höhe bis zu 2,30 m nach 
gelassen werden. 
Die seitlichen Grenzabstände müssen mindestens betragen bei ein 
geschossigen Häusern 4 m, bei zweigeschossigen Häusern 4,50 m, bei 
eingeschossigen Gtuppenbauten 6 m und bei zweigeschossigen Gruppen 
häusern 8 m. Ausgebautes Dach ist hierbei nicht als Geschoß gerechnet. 
Vor und hinter dem Hauptgebäude ist mindestens ein freier Raum
	        
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