Publication:
1911
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-12573227
Path:

DER STÄDTEBAU
116
sichtlich möglichst geringer Beeinträchtigung des Eigentums
rechts. Das Traufrecht im alten Sinne ist, da wir heute
im Gegensatz zu früheren Zeiten unsere Dächer mit Rinnen
versehen, an und für sich gegenstandslos, denn der Nachbar
würde im äußersten Falle nur durch den von der Saum
schicht herabgehenden Tropfenfall „belästigt“ werden können,
eine Belästigung, die weit hinter der zurücksteht, die er
sich durch Geräusche und Gerüche vom Nachbargrundstück
bis zu einem „erheblichen“ Grade gefallen lassen muß. Der
Nachbar kann aber unter Umständen in der freien Ver
fügung über die entsprechende Grenzstrecke, möglicherweise
auch in der Errichtung eines Seitengebäudes, behindert
werden, und es empfiehlt sich dann, in der Ortsbauordnung
einen Grenzabstand zwischen Nebengebäude und Nachbar
grenze von mindestens 1,75 m zu verlangen. Dies ist etwa
das Maß, innerhalb dessen der Grenze zugekehrte Um
fassungen als Brandmauern ausgeführt werden müssen, und
genügt dabei auf alle Fälle, den Zwischenraum begehbar
und sauber halten zu können. Dahingehende Vorschriften
haben sich bereits bewährt und dienen ganz wesentlich
dazu, das Gesamtbild eines namentlich von einer Anhöhe
aus zu überblickenden Ortes vor Verunstaltung durch zahl
lose, halb durchgeschnittene Seitengebäude zu schützen.
Überdies macht diese nur folgerichtige Forderung eines Bau-
wiches auch für das Seitengebäude und seine Bedeckung
durch ein Satteldach alle mehr oder weniger geschraubten
kunstpolizeilichen Vorschriften überflüssig, wiez. B.: „Neben
gebäude müssen im Stile des Hauptgebäudes ausgeführt
werden“ und dgli Eine fast selbstverständliche Vorschrift,
welche die Größe eines Seitengebäudes von der Größe des
zugehörigen Wohngebäudes abhängig macht und sie etwa
mit höchstens einem Drittel oder einem Viertel der Grundfläche
desselben umgrenzt, fehlt in den meisten Bauordnungen.
Die über Hauptgesims- und Firsthöhen für Nebengebäude
erlassenen Vorschriften überschreiten das für solche Anlagen
angemessene Maß meistens bei weitem und leisten nur
ihrer späteren Ausnützung durch Wohnungen Vorschub.
Mit diesen Bemerkungen über das Nebengebäude und
seine Behandlung in der Ortsbauordnung ist zugleich an
gedeutet worden, auf welche einfache Weise man einem
allgemein verbreiteten Bauunfug mit Erfolg zu Leibe gehen
kann, wie man der alten, in jahrtausendelanger Geschichte
bewährten Urform des Hauses, dem mit einem Satteldache
gedeckten, prismatischen Baukörper wieder zu seinem Rechte
verhelfen kann. Man beschränke daher nicht, wie allgemein
üblich, die Firsthöhe auf ein bestimmtes Maß und zwinge
nicht zu gekünstelten Dachlösungen. Niemand legt die
Firsthöhe schon der Kosten halber höher an als notwendig.
Aus demselben Grunde lege man auch nicht ohne Not die
Hauptsimshöhe oder Traufkante fest; die zulässige Stock
werkszahl bestimmt auch diese. Man erzwinge nicht die
Parallelstellung der Häuser zur Straßenflucht durch das
Verbot der Giebelstellung; denn diese ist es gerade, die dem
Nachbargrundstücke den günstigsten Lichteinfall gewährt
Dann erhalten wir von selbst diejenige Hausform wieder,
die sich in jeder Stellung und jeder Nachbarschaft dem
Straßenbild und der Landschaft harmonisch einfügt, deren
Einfachheit und Selbstverständlichkeit mit dem großen ein
fachen Maßstab der sie umgebenden weiten, freien Natur
in Einklang stehen wird. Erstreben doch selbst in den
Städten die Kunstanschauungen der Gegenwart nicht mehr die
Sonderschönheit einer Fassadengestaltung, nicht belebte Um
rißlinie und auffallenden Zierat, wie sie in vielen ländlichen
Ortsbauordnungen durch bestimmte Wünsche in Bezug auf
Erker, Türme und Giebel absichtlich hervorgerufen werden
sollen. Dem modernen Baukünstler, wie dem mit der
neuzeitlichen Wohnungskultur vertrauten Bauenden gelten ja
auch Häuser heute nicht mehr als minderwertig, wenn sie ohne
hohes Sockelgeschoß mit ihrem Erdgeschoß unmittelbar auf
der Gartenfläche aufsitzen, obgleich dies in vielen Ortsbau
ordnungen aus „Schönheitsrücksichten“ verboten wird.
Die Forderungen neuzeitlicher Baukultur sind in
Hunderten von Schriften, mit und ohne Abbildungen, deutlich
ausgesprochen, und sie haben nach langen Kämpfen auch
in unseren Heimatschutzgesetzen ihren Ausdruck gefunden.
So erfreulich dies nun auch erscheinen mag, so nahe liegt
aber auch der Gedanke, ob solche Sondergesetze mit ihren
vielen, Ihre Anwendung erschwerenden Verklausulierungen
dann überhaupt nötig sein müssen. Ihr Wert für den
Augenblick soll nicht verkannt werden, aber ihr Fortbestehen
würde die Anerkennung eines ungesunden Zustandes als
eines normalen bedeuten, denn die Vertretung unserer
gesamten Baukultur und ihrer modernen Wünsche darf
nicht in einem Ausnahmegesetz gesucht werden. Solchen
Wünschen zu entsprechen, ist die Ortsbauordnung berufen.
In einer solchen verlange man nun aber nicht ln der dem
16. Jahrhundert entnommenen Ausdrucks weise, daß Gebäude
ihrer Umgebung „zur Zierde“ gereichen sollen, sondern man
gebe, der unverkennbar erzieherischen Seite der Bau
ordnung eingedenk, einfache Bestimmungen, die äußerlich
rein bautechnisch zweckmäßig erscheinen und guten
gesundheitlichen Grundsätzen entsprechen, und man erreicht
das Gewünschte auf einem .natürlichen Wege. Man spreche
kein Wort von Baukunst oder Baustil, aber man verschärfe
vor allem die Paragraphen, in denen die fachliche Befähigung
des Bauenden bzw. des Bauausführenden gewertet wird, und
man wird ohne Kampf und ohne gelegentliche Niederlage
dasselbe erreichen, was mit Heimatschutzgesetzen nur unter
dem beständigen Widerstande des sich in seiner vermeintlichen
Baufreiheit beeinträchtigt fühlenden Baupublikums zu
erreichen ist.
Dieser Widerstand ist psychologisch erklärlich, bedeutet
aber keine unbedingt notwendige Begleiterscheinung bau
gesetzlicher Maßnahmen. Geben wir solchen Maßnahmen
neue und zeitgemäße Ausdrucksformen, die an der großen
Wandelung, die sich mit dem Wandel unserer gesamten
Kultur auch in Bezug auf Zweck und Wesen der Bau
ordnung vollzögen hat, nicht vorbeisehen, so läßt sich solcher
Widerstand für die Zukunft wohl beseitigen. Die Bau
ordnung hat heute, im Gegensatz zu vergangenen Zeiten,
die überwiegend mit den Formen örtlicher Polizei verordnungen
arbeiteten, Aufgaben zu erfüllen, die sich aus dem ver
änderten Wirtschaftsleben und der Trennung von Kunst und
Handwerk ergeben haben. Namentlich hat sie die Aufgabe
und auch die Möglichkeit —, die große Kluft zu über
brücken, die heute zwischen der alten guten Bauüberlieferung
und den Folgen eines durch die Gewerbefreiheit in falsche
Bahnen geleiteten Bauschulwesens klafft. Sie wird aber
diese Aufgabe leichter in ländlichen Gebieten als in den
Städten erfüllen können. Hier besteht noch in vollem Um
fange die Möglichkeit, Entwickelungen vorzubereiten, und
ihre Ergebnisse verjüngend auch auf die Städte einwirken
zu lassen.
Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, verdient auch
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