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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER5STÄDTEBAU 
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NEUE BÜCHER UND SCHRIFTEN. 
B RINCKMANN ÜBER DEUTSCHE STADTBAUKUNST 
IN DER VERGANGENHEIT. Trotz des historisch 
klingenden Titels verfolgt Brinckmann in seinem vorzüg 
lichen neuen Buche „Deutsche Stadtbaukunst in der Ver 
gangenheit“*), wenigstens in erster Linie, kein kunst 
historisches Interesse; die Schrift ist vielmehr ein hoch 
bedeutsames Merk- und Richtzeichen in der gegenwärtig in 
gewaltigem Flusse befindlichen Entwicklung unserer künst 
lerischen Betrachtungsweise des Städtebaues — eine prak 
tische Tat, nicht die Arbeit eines Antiquars! Das Buch be 
deutet eine überraschende Bereicherung des überkommenen 
Besitzes von klaren Vorstellungen über die künstlerischen 
Wirkungen gruppierter Gebäude, eines Besitzes, dessen 
Vorhandensein beim Architekten und dessen Mitgenießen 
beim Laien als Vorbedingung anzusehen ist, für die archi 
tektonische Kultur, der wir mächtig zustreben. Um Brinck- 
manns Buch richtig zu würdigen, ist ein kurzer Rückblick 
erforderlich. 
Das einst so reiche Erbteil klarer Vorstellungen über künst 
lerische Wirkungen im Städtebau hat uns der Rationalismus 
seit dem Ende des 18. Jahrhunderts schwer vernachlässigt, und 
in den dann folgenden gewaltigen politischen Kämpfen und 
wirtschaftlichen Verschiebungen und bei dem katastrophen 
ähnlich sich vollziehenden Wachstum unserer Städte ist der 
köstliche Nibelungenhort großenteils — abhanden gekommen. 
Vergessen war die im Laufe der Jahrhunderte errungene 
Erfahrung der alten Baumeister und ihr tiefer Einblick in 
die Gestaltungsfähigkeit des unbedeckten Raumes, Ver 
klungen das ehrgeizige, verführerische Spiel, private und 
Öffentliche Bauten als Material, als Bausteine zu nutzen 
zur Gestaltung und Gliederung weihevoller Festsäle oder 
bunter Schaubühnen mit dem funkelnden, aber so schwer 
richtig zu fassenden Himmel als Dach. „Straßen und Plätze 
als lebendige Gebilde aufzufassen, sie als bestimmt zu be 
grenzende Luftvolumina statt als formlose Reste zwischen 
Baublöcken zu geben, sie in gute Verhältnisse zueinander 
zu setzen, endlich sogar rhythmische Funktionen in ihrer 
Raummasse zum Ausdruck zu bringen,“ „mit der Fähigkeit 
unseres Anschauungsvermögens zu rechnen, eine Folge 
räumlicher Eindrücke zu verbinden und einen rhythmischen 
Bewegungsvorgang zu erleben“ ... ein stolzes Spiel, aber 
ein gefährliches Spiel, voller Hinterhalt und perspektivischer 
Neckereien für den Anfänger, aber faszinierend und un- 
auslernbar selbst für den Erfahrensten. AU das war ver 
loren. Wohl staunte man die gewaltige Wirkung der alten 
Leistungen noch an, aber über ihre Ursachen war man sich 
unklar, dachte man nicht nach, und bei Neubauten waltete 
der herztötendste Schematismus und erzeugte ödeste, würde 
lose Langeweile. Der erste, der die alten Quellen feuriger 
Lava wieder aufdeckte, aus denen die städtebaulichen 
Meisterschöpfungen der Gotik und des Barocks einst gegossen 
wurden, war Camillo Sitte mit seinem unübertrefflichen 
Werke über den „Städtebau nach seinen künstlerischen 
*) A. E. Brinckmann: Deutsche Stadtbaukunst in der Vergangenheit. 
Mit 39 Lageplänen und 78 Ansichten. Verlag Heinrich Keller, Frank 
furt a. M., igi z. Dr. Brinckmann Ist Privatdozent der Kunstgeschichte 
an der Technischen Hochschule zu Aachen. 
Grundsätzen“.*) Dieses Buch hätte dem geistlosen Schema 
tismus, der die belanglose Reißbrettsymmetrie für das A und O 
moderner Stadtpläne hielt, den Todesstoß gebracht, wenn 
nicht, ach, dieser geistlose Schematismus, plötzlich vors 
Messer gestellt, unerwartet gerade genug Geist bewiesen 
hätte, um sich das verwirkte Leben zu retten — indem er 
nämlich unverzüglich nach Lektüre des Sitte’schen Buches 
mit fliegenden Fahnen aus dem Lager der Symmetrie, der 
geistlosen Regelmäßigkeit, ins Lager der geistlosen Un 
regelmäßigkeit, der „erzwungenen Ungezwungenheit“ 
(wie Sitte es nannte) überging. Während Sitte (ein 
Freund Albert Ilgs, des Neu-Entdeckers eines der größten 
Meister des Barockstils, Fischers von Erlach) ein leiden 
schaftlicher Verehrer des Barocks war und immer aufs 
neue voller Bewunderung von den „barocken Meistern“ und 
den „gewaltigen und künstlerischen Effekten ihrer gerad 
linigen und rechtwinkligen Anlagen“, von der „ganz neuen 
Welt des Städtebaus in der Barocke“ sprach und das „große 
barocke Muster“ für den Städtebau empfahl, während Sitte 
sich in seinen eigenen Stadtplanentwürfen (z. B. Olmütz, 
Marienberg) von krummer Romantik gänzlich frei gehalten 
hatte, fand er, trotz alledem, unaufmerksame Verehrer im 
Lager der Schematiker, die ihn zum Apostel der Unregel 
mäßigkeit ausriefen. Wieso? Weil er nachgewiesen hatte, 
daß Reißbrettsymmetrie keine unerläßliche Vorbedingung der 
Stadtbaukunst ist, weil er gezeigt hatte, daß die romanischen 
und gotischen Künstler es verstanden, das Auge über eine 
auf dem Reißbrett bestehende Unregelmäßigkeit in Wirklich 
keit geschickt wegzutäuschen, so daß „sie gar nicht schadet, 
weil sie eben nicht bemerkt wird“. Ja, er fand schematische 
Verehrer, die unter seiner Ägide zwar nicht mehr schach 
brettartige Stadtpläne herunterliniierten, aber noch albernere 
irregewordene Schachbretter durcheinander wackeln lassen 
zu dürfen glaubten, und die sich künftig von der Qualität 
eines Planes durch einen schnellen Blick überzeugen wollten 
einfach durch die Feststellung, daß auch ja jede gerade 
Linie und jede symmetrische Platzanlage vermieden worden 
war, und daß alle Plätze „geschlossen“, am liebsten zugebaut, 
seien. Und das unter Berufung auf Camillo Sitte, dessen 
Ansprüche an „Geschlossenheit“ durch den wahrlich nicht 
„geschlossenen“ Platz di S. Dominico in Modena befriedigt 
wurden, weil dort dem Beschauer des den Platz be 
herrschenden Gebäudes keine klaffenden Löcher sichtbar 
sind; auf Camillo Sitte, der die Abgeschlossenheit der 
prächtigen Säulenhöfe der Universität und anderer Wiener 
Monumentalgebäude beklagt und die Forderung aufstellt, 
solche „geschlossene“ Plätze im Sinne „der alten Barock 
meister“ auf einer Seite offen zu lassen, damit sie der Be 
völkerung wirklich zugute kommen (siehe „Der Städtebau“ 
IV. Auf!., S. 49, 84 u. 94). Gegen die willkürlichen, geist 
losen Entstellungen der Sitteschen Anregungen wurde schon 
des öfteren von Praktikern und Theoretikern des Städte 
baues Verwahrung eingelegt; aber noch ist wohl kein Ein 
spruch nerviger erhoben worden, als wie ihn Brinckmanns 
neuestes Buch darstellt. Meister Camillo Sitte hat geschrieben, 
*) Besprechung der vierten vermehrten Auflage von Theodor Goecke. 
— Siehe S. 68, Jahrgang 1909 der Zeitschrift. D. S.
	        
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