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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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scheidener Architektur ein, wie auch der Verfasser mit 
folgenden Worten betont: 
„Man hat sich bemüht, die Gebäude der Pflanzen- 
weit unterzuordnen. Jegliche Monumentalität wurde 
vermieden, die Höhenentwicklung beschränkt, so daß 
sich die Gebäude bescheiden dem Ganzen einfügen.“ 
Die Grundrisse sind gut, der Charakter den Bauformen 
angemessen. Die Gruppierung der Nebengebäude um den 
Haupteingang ist zu loben. 
Wettbewerbsentwurf „Hansa II“. 
II. Preis. Architekt Franz Seeck, Steglitz und Garten 
künstler Paul Freye, Charlottenburg. 
Sehr gut ist die Aufschließung des Grundstücks durch 
die durchlaufende, einmal gebrochene Achse gelöst. Die 
Gebäude stehen zweckmäßig und architektonisch gut. Die 
Annahme, daß späterhin Nord- und Südeingang gleiche Be 
deutung erhalten werden, führte zu der Anordnung der 
zwei im Winkel sich treffenden Hauptstraßen. 
Die Gesamtanlage ist systematisch in für sich ab 
geschlossene Friedhöfe kleineren Umfangs gegliedert, welche 
durch Gräben und Hecken abgeschlossen sind. Diese eigen 
artige Aufteilung wird als reizvoll und künstlerisch eigen 
artig erkannt. Auch wird sie die Orientierung erleichtern. 
Die ganze Fläche ist sehr gut ausgenutzt. Auch inner 
halb der Einzelfriedhöfe ist Pflanzenwuchs in wirksamer 
Anordnung vorgesehen. 
Die Ausführung in Abschnitten ist sehr erleichtert. Die 
großen Hauptwege dürften reizvoller ausgebildet sein. 
In der architektonischen Gestaltung liegt ein sicherer 
und bedeutender Stimmungsgehalt, der in den kleinen Zeich 
nungen besser, als in der aus dem Rahmen der ganzen 
Arbeit störend herausfallenden Perspektive zur Geltung 
kommt. 
Wettbewerbsentwurf „Morituris“. 
III. Preis. Architekt Professor Friedrich Ostendorf, 
Karlsruhe. 
Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Arbeiten 
bringt dieser Entwurf eine Lösung in strengem monu 
mentalem Charakter. Obgleich eine solche Lösung eine 
geringere Belegungsfahigkeit des Geländes bietet und da 
durch, sowie wegen der architektonischen Anforderungen 
kostspieliger wird, so steht doch nichts im Wege, auch 
eine solche Auffassung gelten zu lassen. Bei der vor 
liegenden Lösung wird rückhaltlos anerkannt, daß eine 
einheitliche, aus einem Guß gestaltete Arbeit geschaffen ist. 
Ein ausgesprochener aber leicht zu beseitigender Fehler 
liegt in der schweren Zugänglichkeit vom Nordportal aus. 
Dazu fügen wir im Textbüde 1 den Lageplan, der nun 
mehr zur Ausführung bestimmt ist. Die Vorzüge des Wett 
bewerbsentwurfs sind bei der Durcharbeitung, die sich auch 
auf eine etwas veränderte Anordnung der Bauwerke er 
streckt, noch gesteigert worden, so daß eine in jeder Be 
ziehung befriedigende Schöpfung erwartet werden darf. 
DER KIRCHPLATZ SAINTE GUDULE IN BRÜSSEL. 
Von THEODOR GOECKE, Berlin. 
Im Jahrgange 1909 unserer Zeitschrift haben wir auf 
Seite 29 bis 33 die Übersetzung eines in französischer Sprache 
auf dem Tage für Denkmalpflege zu Lübeck im Jahre 1908 
gehaltenen Vortrages „Über das Freilegen von alten Kirchen“ 
von Ch. Buls, dem früheren Bürgermeister von Brüssel und 
bekannten Städtebau-Ästhetiker, gebracht.*) Die brennende 
Frage der Freilegung wurde dort für den Dom zu Antwerpen 
und Tournay, sowie für die Kirche St. Pierre in Löwen mit 
Glück zu lösen versucht, und zwar mit Beigabe je eines 
Schaubildes und eines Lageplans der drei Bauwerke. 
Nunmehr ist der französische Urtext nebst den Lage 
plänen erschienen, bereichert erstens um ein Vorwort und 
zweitens um ein weiteres Beispiel, nämlich die Kirche 
S. S. Michel et Gudule in Brüssel betreffend. In dem Vorworte 
wird erklärt, daß die Neuherausgabe der Anregung des 
Vorsitzenden jener Tagung, Geheimen Hofrats Professor 
Dr. v. Oechelhäuser wegen der völligen Übereinstimmung der 
Anschauungen mit denen des Geheimen Hofrats, Professor 
Dr. Gurlitt, der die Verhandlungen damals einleitete, zu 
verdanken ist. In der Tat hat sich der Verfasser damit ein 
großes Verdienst erworben, namentlich auch um die Städte 
baukunst, denn das hinzugefugte vierte Beispiel greift be 
*) Esthitique des Villes. L’lsolement des Vieilles j£glisea par Ch. Buls, 
President du Comitl des Etudes historiques du Vieux-Bruxelles. Bruxelles, 
Llbrairie Nationale d’Art et d'Histoire, Q, Van Oest et Cie. igio. 
sonders weit über die Denkmalpflege hinaus auf wichtge 
städtebauliche Fragen über. 
Wer hat nicht im Sommer 1910 beim Besuche der 
Brüsseler Weltausstellung auch diese Kirche besucht und 
sich über die Straßendurchbrüche ihrer Umgebung ge 
wundert, und wem ist dabei nicht der Turm des neuerbauten 
Klubhauses an der Ecke der Rue du Treurenberg und der Rue 
des Colonies aufgefallen, von unten, der Place Sainte-Gudule, 
aus gesehen das Platzbild bereichernd, und von oben, von 
der Rue Royale am Parc aus gesehen, die Kirchengruppe 
störend! Es gibt eben einen Unterschied in der Gruppierung 
der Baumassen in der Ebene und an der Berglehne! Wie 
der Verfasser dies in klarer Anschaulichkeit darlegt, gibt 
der Schrift des Herrn Chr. Buls noch einen besonderen Reiz. 
Die Kirche steht etwa auf halber Höhe zwischen der 
Ober- und Unterstadt mit ihrer Westfront auf einer im 
Jahre 1861 bei Regelung der Platzanlage vorgelegten 
Terrasse nebst großer Freitreppe, die den ziemlich steilen 
Abfall des Platzes für das Auge mildert und das Bau 
werk mächtig heraushebt. Vergleiche Textbild 4. Die 
Freilegung der Westfront durch Vergrößerung des Platzes 
bis zu einem Maße, das gerade einen günstigen Abstand 
zur Betrachtung des Bauwerkes bietet, muß als gelungen 
bezeichnet werden. Weniger aber die Begradigung der 
nach oben hin noch dazu auseinanderlaufenden Flucht 
linien, rechts bis zur Rue de la Chancellerie in der Höhe
	        
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