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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Kulturboden zum erstenmal mit den Fluchtlinien eines Be 
bauungsplanes in Berührung kommt, lassen sich neuzeitliche 
Fragen des Städtebaues klar bezeichnen und austragen. Hier 
sind auch Versuche möglich, die in den Großstädten und 
ihren zwingenden wirtschaftlichen Verhältnissen gar nicht, 
oder nur mit Ungeheuern Schwierigkeiten zu ermöglichen 
sind. Wir gründen, abgesehen von Gartenstädten, keine 
Städte mehr. Aber diese Gartenstädte können wegen ihrer 
Bodenbesitz verhältnisse hier nicht in Betracht gezogen werden. 
Auch werden sie einheitlich geschaffen, sie entwickeln sich 
nicht. In der Einstellung eines ländlichen Plangebietes da 
gegen in den Rahmen der Wohnungsfrage mit allem, was 
in städtebaulicher Hinsicht zu ihr gehört, nehmen wir bereits 
die spätere Entwicklung einer Stadt in ihrer frühesten Jugend 
in die Hand. Es wird an uns liegen, wenn künftige Geschlechter 
mit höherer Wohnkultur uns dafür preisen, daß wir dem 
Besitztum ihrer Voreltern als dem jugendlichen Körper ihrer 
Stadt die . richtige Gattung anerzogen haben, daß wir auch 
das Verständnis für den ethischen Wert des Grundbesitzes 
allen kapitalistischen Unterströmungen zum Trotz ihnen un 
geschmälert überlieferten. Danken werden sie uns vor allem, 
wenn wir ihnen die Wege zu städtebaukünstlerischen Mög 
lichkeiten, die sich unserer Kurzsichtigkeit vielleicht entziehen, 
offengehalten haben. 
Daß dies nicht leicht ist, liegt auf der Hand. Es bedeutet 
heute den Bruch mit zahlreichen veralteten Überlieferungen, 
die Beseitigung von Anschauungen, die ihre Berechtigung von 
Zuständen und Gepflogenheiten vergangener Zeiten herleiten, 
die für uns nicht mehr maßgebend sein dürfen, weil die 
Voraussetzungen für ihr Entstehen und Wirken im Wandel 
der Kultur verwischt oder überholt worden sind. 
Die Aufgabe der folgenden Ausführungen ist es, solche 
Vorgänge auf unserem Städtebau-Gebiet zu beleuchten, und 
es sei das Bauordnungswesen herausgegriffen, weil haupt 
sächlich auf ihm veraltete Vorschriften mit neuzeitlichen 
Anschauungen in Widerspruch geraten. 
Das Bauordnungswesen im allgemeinen gipfelt, wie be 
kannt, in zwei Hauptformen, der Landesbauordnung und 
der Ortsbauordnung. Über die Notwendigkeit von Landes 
bauordnungen besteht heute wohl kein Zweifel, und Staaten, 
die über solche nicht verfügen, werden sie über lang oder 
kurz erhalten müssen. So überaus schwierig es nun ist, 
Landesbauordnungen für große Gebiete mit sehr verschiedener 
Bevölkerung, sehr mannigfaltiger Erwerbstätigkeit und viel 
leicht sehr abwechslungsreichen, klimatischen und geolo 
gischen Verhältnissen zu schaffen, so liegt doch die Gefahr, 
hierbei grundsätzliche Fehlgriffe zu tun, heute nicht mehr 
so außerordentlich nahe als in früheren Zeiten. Die lebhafte 
Neigung wissenschaftlich arbeitender Architekten und In 
genieure für die Fragen der Allgemeinheit, die sie drängt, 
eine reiche künstlerische und praktische Erfahrung in den 
Dienst dieser Allgemeinheit zu stellen, wenn nicht anders, 
denn in Verbindung mit irgend einer Baupolizeibehörde, er 
möglicht es heute jeder Regierung, zu einer brauchbaren 
Landesbauordnung zu kommen, die aus der gegenwärtigen 
Lage der Dinge heraus neugeschaffen, nicht nur veralteten 
Überlieferungen aufgepaßt würde. 
Daß diese Möglichkeit nicht immer verwirklicht wird, 
darf uns nicht wundem, wenn wir die Behandlung berück 
sichtigen, die mancher andere an und für sich vortreffliche 
Gesetzentwurf durch die Landesvertretung erfahrt. Dieselbe 
Erscheinung, die wir im kleinen in allen Kommissions 
sitzungen beobachten können, daß nämlich die emsige und 
reife Arbeit eines einzigen arbeitsamen, den Stoff voll 
ständig beherrschenden Kopfes durch die Mehrheit der Bei 
sitzer in scheinbarer Mitarbeit zerpflückt und bis zur Un 
brauchbarkeit umgestaltet wird, beherrscht auch gelegentlich 
das Schicksal eines Landesbauordnungsentwurfs bei seiner 
Durchberatung in der Landesvertretung. Das Ergebnis ist 
leicht ein Kompromiß, der kaum etwas anderes zeigen kann, 
als den Grad des Verständnisses einer gesetzgebenden Körper 
schaft für neue [Aufgaben. Man lese die Kommentare zu 
Landesbauordnungen oder die Landtagsverhandlungen, z. B. 
über das sächsische Heimatschutz-Gesetz vom 10. März 1909, 
und man wird die hier vertretene Anschauung bestätigt 
finden. Der gewitzigste Regierungskommissar wird selten 
in der Lage sein, scheinbar berechtigten Einwürfen von 
Abgeordneten sofort schlagend zu begegnen, er sei denn 
geradezu der Schöpfer des Gesetzentwurfes. Die Befähigung 
zu parlamentarischer Schlagfertigkeit wird sich aber wohl 
selten mit der Fähigkeit zur gesetzgeberischen Kleinarbeit 
in einer Person vereinigt finden. 
Was wir von einer Landesbauordnung fordern dürfen, 
ist inhaltlich ihre Übereinstimmung mit den Anschauungen 
der im Leben der Baukunst, der Technik und des Städte 
baues maßgebenden Kreise, nicht in erster Linie die Rück 
sicht auf die zufälligen Meinungen einer bunt gemischten 
Landesvertretung. Diese Eigenschaft der Landesbauordnung 
setzt aber wieder Vorbildung und Vorkenntnisse voraus, die 
nur durch planmäßige Beschäftigung mit dem Stoffe er 
worben werden können. Vor allem aber fachliche Erfahrung. 
Hier ist nun die Frage aufzuwerfen, ob solche fachlichen 
Erfahrungen nicht der Landesbauordnung restlos dienstbar ge 
macht werden können, wenn die Schaffung von Landes 
bauordnungen der verflachenden Einwirkung der Landes 
vertretungen entzogen wird. Im allgemeinen wird ja mit 
solchen Bauordnungen ein neues materielles Recht nicht 
geschaffen; vereinzelte Punkte, in denen dies dennoch der 
Fall sein sollte, mögen den bekannten gesetzgeberischen 
Apparat beschäftigen. Alles übrige wird einer entsprechend 
ausgestalteten Abteilung des Ministeriums des Innern Vor 
behalten bleiben können; denn es handelt sich hier um 
wichtige innere Vorgänge im Wirtschaftsleben des Volkes, 
die von seiner Gesamtheit jedoch kaum richtig erkannt und 
daher auch nicht geregelt werden können. Die außer 
ordentlich verwickelten Beziehungen des Bauwesens zu 
Wissenschaft und Kunst, zu Technik und Volkswirtschaft 
verlangen eine Vertretung des Landesbauordnungswesens 
an einer Stelle, die uns Gewähr dafür bietet, daß auch 
die letzte Fassung einer Vorschrift von Persönlich 
keiten ausgeht, die die Materie wirklich durchdrungen 
haben und alle Konsequenzen einer baugesetzlichen Ver 
ordnung deutlich vorauszuschauen befähigt sind. Der Kampf 
der Parteien im Landtag mit ihren sich gegenüberstehenden 
Wirtschafts- oder Parteiinteressen ist jedoch nicht der ge 
eignete Boden für die endgültige Ausgestaltung einer Landes 
bauordnung. 
Vor 20 Jahren möchte die hier vertretene Anschauung 
wohl allgemein als „paradox“ angesprochen worden sein; 
fehlte es doch sowohl an geeigneten Fachleuten wie an 
geeigneten Verwaltungsbeamten, die über den Rand des 
grünen Tisches hinauszublicken vermocht hätten, oder die 
gar imstande gewesen wären, ihnen aus technischen und 
volkswirtschaftlichen Interessenkreisen entgegen strömende
	        
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