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Volume H. 7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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keinen Park von gleicher Größe in seiner Nachbarschaft 
besitzt. 
In ihrem weiteren Verlauf würde die Durchgangsstraße 
die Lenn6- und Tiergartenstraße benutzen. Hier könnte 
das Bedenken erhoben werden, daß durch den zu er 
wartenden Verkehr der Kemperplatz zu stark belastet und 
zu einem zweiten Potsdamer Platz gemacht werden könnte. 
Auf dem Potsdamer Platz sind von den fünf dort aus 
mündenden Straßenzügen vier mit einer größeren Anzahl 
von Straßenbahnlinien besetzt, während keine einzige von 
den auf dem Kemperplatz ausmündenden Straßen eine solche 
Linie aufweist. Auch ist wohl nicht daran zu denken, daß 
die ruhige Viktoriastraße und die nie mit Häusern zu be 
bauende Siegesallee jemals einen Verkehr, wie die ähnlich 
gerichteten Straßenzüge der Königgrätzer Straße nördlich 
und südlich des Potsdamer Platzes erhalten werden, ins 
besondere dürfte ein größerer Verkehr von Lastwagen auf 
den vom Kemperplatz ausstrahlenden Straßen, die behufs 
Ent- oder Beladung längere Zeit stehen und den Durch 
gangsverkehr hindern oder verlangsamen, in Anbetracht 
der geringen Anzahl von Geschäftshäusern in den fraglichen 
Straßen dauernd ausgeschlossen sein. Endlich entfallt für 
den Kemperplatz der nicht unerhebliche Verkehr zum und 
vom Potsdamer Bahnhof und seinen Vorortbahnhöfen. Es er 
scheint sonach auch für die Zukunft wenig begründet, den 
Verkehr des Kemperplatzes demjenigen des Potsdamer 
Platzes gleichzusetzen. Im übrigen würde, wie an jedem 
wichtigeren Platz in einer Weltstadt, auch am Kemperplatz 
eine Verkehrsregelung durch Organe der Straßenpolizei ge 
boten sein. Weiterhin ist die Besorgnis ausgesprochen 
worden, daß die Villengrundstücke auf der Südseite dieser 
Straßen in ihrem Werte geschädigt würden. Dagegen ist 
zu bemerken, daß diese Grundstücke verhältnismäßig tiefe 
Vorgärten besitzen, ferner daß diese Straßen bei einer 
Breite von 20 bis 30 m zwischen den Einfriedigungen der 
Vorgärten und des Tiergartens erforderlichenfalls eine 
andere Anordnung erhalten könnten, dergestalt, daß der 
Durchgangsverkehr abseits der Villen an die Tiergartenseite 
gelegt und an der Villenseite nur eine schmale Wohnstraße, 
welche ausschließlich für den Verkehr der Villen bestimmt 
ist, angelegt würde. Da auch die Durchgangsstraße, weil 
mangels aller Geschäftshäuser mit stehenden, in Be- oder 
Entladung befindlichen Wagen nicht zu rechnen ist, nur 
eine geringe Breite erfordert, so bliebe zwischen beiden 
Straßen ein ausreichender Streifen für Fußgänger, Reiter 
und gärtnerische Anlagen. Die Kosten einer solchen 
Änderung der Straßenanlage würden allerdings bedeutend 
sein und müßten billigerweise zu einem erheblichen Teil 
von den beteiligten Villenbesitzem getragen werden. 
Ihre weitere Fortsetzung würde die Durchgangsstraße in 
der Hitzigstraße finden, Hier könnte es erwünscht er 
scheinen, zur Abkürzung des Weges und Vermeidung der 
Umfahrung mehrerer scharfer Straßenecken den Häuserblock 
zwischen Tiergarten-, Hitzig-, Friedrich-Wilhelm- und 
Rauchstraße diagonal zu durchfahren. Die Kosten auch 
dieses Durchbruchs erscheinen einigermaßen erheblich und 
würden zweckmäßig erst aufzuwenden sein, wenn die 
Notwendigkeit sich herausstellte oder die Anwohner der 
dadurch entlasteten Straßenstrecken zu angemessenen Bei 
trägen sich bereitfinden ließen. 
Mit der Erreichung des Kurfürstendammes an der 
Corneliusbrücke würde die durchgehende Verkehrsstraße 
vom Alexanderplatz im Osten nach Halensee im Westen 
gewonnen sein. Trotz der Länge dieser fast geradlinig 
durch das Herz von Berlin gehenden Verkehrsstraße würden 
nur zehn Grundstücke bzw. Vorderhäuser von dem Durch 
bruch getroffen, und es blieben so erhebliche Gebäudeteile 
und Restgrundstücke übrig, daß ein sehr großer Bruchteil 
der Erwerbskosten wieder eingebracht werden könnte* 
so daß die Stadt Berlin eine verhältnismäßig nur geringe 
Summe, vorbehaltlich zeichnerischer und rechnerischer 
Begründung geschätzt auf sechs bis höchsens zehn Millionen 
Mark, würde aufzubringen haben. 
Schließlich möchte es noch als wünschenswert zu be 
zeichnen sein, daß in Berlin wie in vielen kleineren Städten 
ein Verein bzw. ein Fonds zur Verschönerung Berlins ge 
bildet würde, mit dessen Hilfe noch vieles zur Verschönerung 
unserer prächtigen Haupt- und Residenzstadt geschehen 
könnte, wenn wohlgesinnte Alt- und Neu-Berliner an seiner 
Auffüllung durch einmalige oder wiederkehrende Gaben sich 
beteiligen wollten. 
Vorstehender Zuschrift eines erfahrenen Freundes Berlins 
haben wir gern Raum gegeben, wenn wir auch in 
erster Linie nach wie vor für den Durchbruch der Fran 
zösischen Straße eintreten. Wie unseren Lesern bekannt, 
sind beide Vorschläge schon im Wettbewerbe um einen 
Grundplan für Groß-Berlin aufgetaucht. Anscheinend ohne 
Kenntnis davon hat auch Geheimer Archivrat Wolff den 
Vorschlag zum Durchbruch der Jägerstraße neuerdings in 
der deutschen Bauzeitung wieder aufgenommen. Der den 
Durchbruch der Französischen Straße betreffende soll 
Zeitungsnachrichten zufolge im Ministerium der öffentlichen 
Arbeiten näher geprüft und verworfen worden sein, und zwar 
aus Gründen, die genau so gegen den anderen, den Durch 
bruch der Jägerstraße betreffenden, eingewendet werden 
können. Es ist ein Verdienst des Herrn Einsenders, nach 
gewiesen zu haben, daß diese Einwände nicht stichhaltig 
sind. 
In der Tat ist nicht einzusehen, warum infolge des einen 
oder des anderen Durchbruches der Verkehr am Kemper 
platz sonderlich zunehmen oder sich gefahrdrohender ge 
stalten soll. Es handelt sich in beiden Fällen doch nur 
1. um eine schlankere Durchführung des von der Königs 
straße und dem Schloßplatze herkommenden, nach 
dem Westen gerichteten Verkehrs, der sin der Mauer 
straße auf eine Barrikade stoßen würde und deshalb 
entweder schon lange vorher zum Hausvoigteiplatz 
oder in die Charlottenstraße einlenkt, um sich durch 
die Leipziger Straße und über den Potsdamer Platz zur 
Bellevuestraße durchzuquetschen oder etwas später 
die Friedrichstraße oder Kanonierstraße einschlägt, 
um über den Wilhelmsplatz und die Voßstraße zur 
Lennestraße zu gelangen; 
2. aber um eine Ablenkung des bereits von der Stralauer 
Straße und dem Molkenmarkte sich durch die Ger- 
traudtenstraße und die Leipziger Straße wieder der 
Bellevuestraße zustrebenden, vielleicht auch noch 
eines Teiles des der Potsdamer Straße bis zur Brücke 
und dem Schiffahrtkanale folgenden Verkehres. 
Nur der letztere würde den Kemperplatz mehr beiästen, 
während die BeUevuestraße und somit der Potsdamer Platz 
und die Leipziger Straße erheblich entlastet werden müßten.
	        
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