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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb. i. 
weniger, als auf unsere Tage herübergerettete Dokumente 
mittelalterlicher Kultur auf der Balkanhalbinsel, und ihr 
eigenartiger Reiz ist insbesondere in diesem Umstande bgründet. 
Als Bosnien im 15. Jahrhundert seine Selbständigkeit 
an die Türkei verloren hatte, da mag die islamitische Herren 
religion Mohammeds noch stark genug gewesen sein, auch 
kulturell für die unterjochten christlichen Balkanländer — 
im Innern der Halbinsel, niemals aber für die unter vene 
zianischem Einfluß stehenden Küstengebiete — einen Gewinn 
zu bedeuten. Ihre Spannkraft ließ aber bei den ersten 
kriegerischen Mißerfolgen ihrer Bekenner und den inneren 
Wirren derart nach, daß die Herrschaft des Halbmonds in 
der Folge nicht bloß alle kulturfördemde Kraft eingebüßt 
hatte, sondern auch jedweden äußeren Antrieb einer weiteren 
kulturellen Entwicklung von ihren Ländern fernhielt. Die 
überschüssigen geistigen Kräfte aber, welche sonst unter 
gleichen Umständen schon aus den gegebenen Verhältnissen 
heraus zweifellos einen gewissen Fortschritt hervorgebracht 
haben würden, haben sich bei dem kriegerischen Geiste 
der Bevölkerung und den sich stetig ergebenden Anlässen 
zu seiner Betätigung in Bürgerkriegen aufgebraucht, wenn 
sie sonst durch keine äußeren Verwicklungen in Anspruch 
genommen waren. 
Diesen Umständen haben wir es also hauptsächlich zu 
danken, daß in den zwei schönen Ländern, in Bosnien und in 
der Herzegowina, im Jahre 1878, als die österreich-ungarische 
Armee die Save überschritten hatte, die Bevölkerung mit 
ihrer Lebensweise ihren Lebensanschauungen und Ge 
bräuchen nach, den mittelalterlichen Zuständen angehörte, 
ohne jedoch selbst jemals die Höhe der europäisch mittel 
alterlichen Kultur erreicht zu haben. Ja, die Behauptung 
dürfte noch richtiger und durchaus nicht übertrieben sein, 
daß der Kulturzustand des größeren Teils der einheimischen 
Bevölkerung der beiden Länder auch heute noch geradezu 
an biblische Zustände erinnert. 
Die Lehre Mohammeds hat, als die Religion des herr 
schenden Teiles der Bevölkerung, nicht bloß auf die 
Denkungsweise und die Gestaltung der sozialen Zustände 
und Lebensführung der eigenen Bekenner, sondern mittelbar 
auch auf die gesamte Bevölkerung eingewirkt, und sie hat, 
wahrscheinlich infolge des langanhaltenden Stillstandes 
der Kulturstufe der Bewohner Bosniens über ihr Gemüt, 
über ihr Tun und Schaffen, ja über ihre ganzen Siedelungen 
und Städte den Schleier einer schwermütigen Stimmung 
gebreitet. 
Es kann wohl möglich sein, daß in diesem Jahr 
hunderte dauernden Verhältnisse der gegenseitigen Sich- 
ergänzung der Natur des Landes mit ein Teil an diesem 
Zustande zukommt; merkwürdig bleibt diese Stimmung 
immer, welcher sich kein emfindlicheres Gemüt auch heute 
noch entziehen kann, wo der ursprüngliche Zustand der 
Städte und sonstiger Ortschaften der Hauptsache nach er 
halten blieb. 
Das innige Verhältnis zwischen der Bevölkerung und 
der sie umgebenden Natur konnte sich hier um so mehr 
vertiefen, als es durch keine äußeren Einflüsse gestört 
wurde, und dieses innige Verhältnis konnte es allein zuwege 
bringen, daß die bosnischen Städte trotz ihrer losen Struktur 
und bei weniger als handwerksmäßiger Ausführung der 
einzelnen Bauten eine feinst empfundene Er 
gänzung der Natur selbst bedeuten und von diesem 
Gesichtspunkte aus auch für die moderne Städtebaukunst, 
insbesondere aber für die Anlage der Gartenstädte, als 
mustergültig hingestellt zu werden verdienen. 
Der Kulturzustand, welcher diese Städtebilder hervor 
brachte, durfte übereinstimmen mit jenem, welchen offenbar 
Henrici vor Augen hatte, als er in seiner Abhandlung über 
„Volkskunst“ sagte: 
„An eine Volkskunst, wie sie Mielke*) zu ersehen 
scheint, knüpfen sich noch andere Bedingungen, die wohl 
schwerlich jemals wieder erfüllt werden können. Es ist 
die Stetigkeit der Verhältnisse und die Abgeschlossenheit 
der Stämme und Landschaften, innerhalb deren Grenzen 
gewisse Techniken und Kunstformen ganze Geschlechts 
folgen hindurch gepflegt werden können, ohne namhafte 
Beeinflussung von außen und ohne eigenes Verbreitungs 
bedürfnis. Es ist ferner die materielle Unabhängigkeit 
solcher Landschaften vom Weltverkehr, die Fähigkeit 
der Völkerschaften, in engem Kreise wohlhäbig zu 
existieren, allein durch die Erträgnisse des eigenen ab 
gegrenzten Bodens. Das ist nicht mehr und kommt 
schwerlich wieder zurück.“ 
Meines Erachtens ist es Henrici schwerlich in den 
Sinn gekommen, daß es solche Gegenden in Europa bis auf 
den heutigen Tag geben könnte. 
Die Harmonie der bosnischen Städtebilderspiegelt 
ganz getreu das seelische Gleichgewicht ihrer Erbauer und 
Bewohner wieder, welches wiederum als eine Frucht der vor 
erwähnten kulturellen Zustände hingestellt werden kann: 
Die seelische Harmonie und die Höhen der Kultur wohnen 
leider auf entgegengesetzten Polen. 
Da ich nun den Geist geschildert hatte, welcher die 
bosnischen Städtebilder hervorgebracht hatte, erübrigt mir 
wenig mehr als Erklärung der beigeschlossenen Bilder zu 
*) K. Henrici bespricht in dieser Abhandlung das Werk von Mielke 
über Volkskunst.
	        
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