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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 8.1911 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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teile steht in erster Linie die Beschränkung dei* Höhe für 
den zusammenhängend noch unbebauten südlichen Teil der 
Biegenstraße und ihrer Seitenstraßen auf höchstens zwei 
Obergeschosse, wie sie durch das Ortsstatut gegen Ver 
unstaltung festgelegt ist; hierdurch wird erreicht, daß der 
Blick von Osten auf die Bergstadt, insbesondere auch die 
Umgebung der Universität und die Terrassenwirtschaften 
für den Rest des Stadtteils erhalten bleibt. 
Eine Abschwächung der übertriebenen Höhe der be 
bauten Teile des Biegenviertels in der Wirkung, sowie eine 
Verdeckung der Hinterfronten und der schiefwinkligen Ver 
schneidungen soll herbeigeführt werden durch die Rand 
bebauung mit ein- bis zweistöckigen Einfamilienhäusern in 
geschlossener Bauweise, wie sie das Ortsstatut gegen Ver 
unstaltung für die noch zu bebauenden Teile der Uferstraße 
und der Grimmstraße vorsieht. Diese soll auch in den in 
Betracht kommenden Teilen der Südstadt durchgeführt 
werden, so daß, wenn auch mit Unterbrechungen, die Stadt 
auf dem rechten Lahnufer für den mit der Eisenbahn 
Vorüberfahrenden und den Spaziergänger auf den Anhöhen 
links der Lahn mit einem Kranze freundlicher niedriger 
landhausartiger Gebäude eingefaßt erscheint, 
Die Eintönigkeit im Straßenbilde der Biegenstraße selbst 
läßt sich außer durch die bereits ausgeführte Krümmung 
in der Linienführung am Nordende in Verbindung mit der 
Baumpflanzung der Uferstraße, besonders im südlichen 
Teile des Straßenzuges, noch wesentlich mildem, wie 
das in den hier wiedergegebenen Entwürfen zum Ausdruck 
kommt, deren Durchführung gegenwärtig in die Wege ge 
leitet wird. 
Als günstiger Umstand kommt hier zu Hilfe die Absicht 
der katholischen Gemeinde, auf einem an der Ecke der 
bisherigen verlängerten Savignystraße und der Biegenstraße 
erworbenen Gelände eine Pfarrkirche zu errichten. Es ist 
allerdings nötig, daß Kirchengemeinde und Stadtverwaltung 
einmütig Zusammenwirken; es besteht die Absicht, der 
Kirchengemeinde das Eingehen auf die Wünsche der Stadt 
dadurch zu erleichtern, daß an der Südseite der Kirche ein 
Platz angeordnet wird. Marburg ist arm an Plätzen; das 
erklärt sich aus der bergigen Lage. Um so weniger darf 
versäumt werden, in der Talstadt in geeigneter Lage Plätze 
anzulegen; einem praktischen Bedürfnis wird der Platz an 
dieser Stelle insofern entsprechen, als er an der natürlichen 
zukünftigen Hauptverkehrsader, die Nord- und Südstadt mit 
ihren beiden Bahnhöfen zu verbinden bestimmt ist, liegt« 
gute Verbindung sowohl mit der Altstadt als auch der apf 
der linken Lahnseite geplanten Stadterweitemng bekommt 
und dadurch wie von vornherein dazu bestimmt erscheint, 
als Ableger des für die jetzige Größe der Stadt längst zu 
kleinen und nur beschränkt erweiterungsfähigen alten Markt 
platzes am Rathause zu dienen. Der Vorschlag der Stadt 
verwaltung geht nun dahin, den Hauptturm der Kirche in 
die Straßenflucht zu rücken, so daß er für den höher be 
bauten Teil der Biegenstraße den Abschluß bildet. Um für 
den Anblick von Süden her diese Wirkung noch zu verstärken 
und den Blick auf die Kirche hinzulenken, soll in diesem 
Teile der Straße die westliche Bauflucht um 5,0 m zurück 
gezogen werden, so daß sich hier neben dem eigentlichen 
Bürgersteig noch ein Kiesweg für Fußgänger vor den mit 
Sicherheit hier zu erwartenden Geschäftshäusern ergibt; es 
wird beabsichtigt, diesen Streifen mit niedrigen breit unter 
brochenen Mauern einzufasseh und auf diesen die Straßen 
laternen aufzustellen. 
Die Nordfront der Kirche wird von dem Nachbargnmd- 
stück der Biegenstraße so weit abgerückt, daß die dort 
bereits vorhandene Fensterfront unbeeinträchtigt bleibt; der 
Zwischenraum wird durch einen Laubengang geschlossen. 
Die Westfront der Kirche wird eingebaut; es schließen sich 
daran die Pfarrgebäude derart, daß vor der Westfront ein 
Vorplatz entsteht, auf welchem die Aufstellung einer Marien 
säule gedacht ist; die Regelung der Eigentumsverhältnisse 
wird es ermöglichen, daß der im Besitze der Kirchen 
gemeinde zu belassende Vorplatz als Luftraum den an 
grenzenden Häusern zugute kommt, welche aber außerdem 
einen in die architektonische Durchbildung einzubeziehenden 
Hofraum erhalten. Die Fenster dieser Gebäude, welche 
auf dem Grundeigentum der Kirchengemeinde errichtet 
werden, gehen also entweder auf öffentliche Straßen oder 
auf nicht zu bebauende Flächen von straßenmäßigem 
Charakter. Der Vorplatz ermöglicht in Verbindung mit 
den überbauten Durchgängen, welche unmittelbar an die 
Westfront anschließen, sowie der Laubenganganlage an der 
Biegenstraße, daß die Prozessionen die Kirche ganz inner 
halb des Kirchengrundstuckes umschreiten können. 
Es besteht begründete Hoffnung, daß die Beteiligten 
auf dem aussichtsvollen Wege des Einvernehmens weiter 
Vorgehen werden, und daß die- Aufgabe im beiderseitigen 
Nutzen einer befriedigenden Lösung entgegengeführt wird. 
BOSNISCHE STÄDTE. 
Von JOSEF FOSPISIL, Architekt, Sarajevo. — Hierzu Tafeln 3 bis 5 und Textbild 1. 
Die eigenartige Schönheit der bosnischen Städte verfehlt 
nie ihre Wirkung auf den das Land besuchenden Fremden, 
und mag dieser mit noch so hoch gespannten Erwartungen 
seine Reise in die neuen Balkanprovinzen der Habsburger 
Monarchie antreten. Es ist aber nicht so sehr das 
„Orientalische“, wie vielfach behauptet wird, was den bos 
nischen Städten ihren eigenartigen Reiz verleiht, es ist auch 
nicht die Mischung der westlichen mit den östlichen Lebens 
anschauungen, deren Verkörperung wieder andere in den 
bosnischen Städten entdeckt haben wollen. Ihr Zauber 
beruht auf ganz anderen Eigenschaften und ist leider so 
flüchtiger Natur, daß er in kürzester Zeit der Vergangenheit 
angehören wird, und schon die nächste Geschlechtsfolge nicht 
imstande sein wird, sich auch nur ein annäherndes Bild 
ihrer heutigen Schönheit zusammen vorzustetlen, wenn 
nicht noch im letzten Augenblicke alle berufenen Faktoren 
alles daransetzen, um für die künftigen Geschlechter zu 
retten, was sich noch retten läßt. 
Die bosnischen Städte, deren Schönheit zum großen 
Teile in ihren herrlichen Lagen begründet ist, üben ihre 
Wirkung doch nicht durch diese allein und auch nicht etwa 
durch großartig angelegte und architektonisch durchgebildete 
Monumentalbauten, weil solche in ihnen so gut wie un 
bekannt sind. Sie sind vielmehr nichts mehr und nichts
	        
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