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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 7.1910 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
67 
MITTEILUNGEN. 
D er tiroler Landtag und der schütz der 
HEIMISCHEN BAUWEISE. Im Laufe der letzten Jahre 
hat sich wiederholt gezeigt» daß alte Hituser zerstört und an deren Stelle 
moderne Neubauten errichtet wurden, die den althergebrachten,, ehr 
würdigen Charakter ganzer Straßen und Stadtteile in der bedauerlichsten 
Weise ungünstig beeinflussen. Vor allem sei in dieser Richtung auf die 
in der Maxia-Theresien-Straße entstandenen Neubauten, die Kaffeehäuser 
„Maximilian 41 und „Maria Theresia«, Warenhaus Bauer-Schwarz verwiesen, 
aber auch auf dem offenen Lande wurden mehrfach Bauten zur Aus 
führung gebracht, die das ganze Landschaftsbild stören; es bietet weder 
die allgemeine Tjrolerische, noch die Innsbrucker Bauordnung irgend 
eine Handhabe, gegen derartige Verirrungen des guten Geschmacks wirksam 
Stellung zu nehmen. Die Eigenart des Landes soll aber doch nach Mög 
lichkeit geschützt und erhalten bleiben und wurde schon wiederholt in 
verschiedenen Zeitungen, besonders in reichsdeutscben Blättern, über den 
Niedergang der Eigenart in Tirol geschrieben. Ein Weiterschreiten in 
dieser Richtung aber bedeutet, abgesehen davon, daß es um manches alte 
Haus überhaupt jammerschade ist, auch keine geringe Gefahr für den 
Fremdenverkehr, der dadurch einen Rückgang erfahren kann, daß das 
eigenartige Landschaftsbild verunstaltet und in alten Städten allzu Modernes 
auf die bestehende historische Umgebung aufgepfropft wird. 
Um all diesen Bestrebungen entgegenzutreten, bat sich in Tirol der 
„Verein für Heimatscbutz in Tirol« gebildet, der zwar mit sehr aner 
kennenswertem Eifer für die Erhaltung des Althergebrachten eintrltt, aber 
für sich Ulein zu schwach ist, um ohne Hilfe der Behörden den drohenden 
Niedergang aufzuhalten. Die Behörden selbst aber sind, da ihnen gesetz 
liche Bestimmungen nicht zu Gebote stehen, häufig auch nicht in der Lage, 
Verunstaltungen und Störungen der Orts- und Landschafts-Bilder hintan 
zuhalten, 
Es kann nun keineswegs verkannt werden, daß der gegenwärtige Zu 
stand der Gesetzgebung infolge der hinsichtlich des Schutzes der heimischen 
Bauweise bestehenden Lücken ein bedenklicher ist, aber andererseits muß 
diese Frage mit großer Vorsicht behandelt werden, damit zu weitgehende 
Eingriffe in das Privatrecht, die sieb nicht rechtfertigen ließen, vermieden 
werden. Es darf daher diese Frage unter keinen Umständen Übers Knie 
gebrochen werden, sondern wäre noch einem eingehenden Studium unter 
Zuziehung von Sachverständigen und von Vertretern der beteiligten Kreiee 
zu unterziehen. Andererseits aber scheint es dringend geboten, den Bau 
behörden gewisse Handhaben zu bieten, durch welche sie in die Lage 
versetzt werden, allzu krassen Verletzungen des guten Geschmacks wirk 
sam entgegentreten zu können, 
Oer Landtag hat infolgedessen den folgenden beiden Gesetzen zu 
gestimmt; 
I. 
Gesetz 
betreffend Abänderung einzelner Bestimmungen der Tirolischen Bau- 
Ordnung. 
Die §§ 7, 26, 29, 32, 46, 84 und 83 des Gesetzes vom 15. Oktober 1900, 
L.-G.-Bl. Nr. 1 ex 1901, womit für Tirol eine Bauordnung erlassen wurde, 
werden teilweise abgeändert, und zwar in folgender Art; § * 
§ 7- 
Der zweite Satz des ersten Absatzes hat in Hinkunft zu lauten: 
„Hiebei sind die Anforderungen des Verkehrs (§ 5), der Gesundheit, 
der Peuerslcherheit usw., sowie die Eigenart des Ortsbildes zu berück 
sichtigen.« 
§ 26. 
Ala neuer zweiter Absatz ist einzufügen: 
„Dachdeckungen, welche das allgemeine Ortsbild oder Landschaftsbüd 
erheblich beeinträchtigen, sind zu .vermeiden.« 
5 29. 
Ist zu streichen und durch folgende Fassung zu ersetzen: 
„Der Behörde steht das Recht zu, grobe, das Orts- oder Land 
schaftsbild störende Schönheitsfehler, auffallende Verstöße gegen die 
heimische Bauweise, sowie eine allzu grelle Färbelung der Ansichtsseite 
zu untersagen.« 
§ 32- 
Im dritten Absätze ist folgender Zusatz zu machen: 
...... beeinträchtigt wird; auch ist bei deren Herstellung auf hei 
mische Vorbilder tunlichst Bedacht zu nehmen.« 
g 46. 
Nach Punkt 3 ist als vierter Punkt beizusetzen: 
,.4. In jenen Fällen, In denen es sich um Villen oder Wohngebäude 
von mindestens acht Wohnbestandteilen, bei anderen Bauten um eine 
verbaute Grundfläche von mindestens 150 qm handelt, der Laudesausschuß 
unter Übermittlung einer einfachen Plansklzze; diesem steht es frei, zur 
Verhandlung einen Vertrauensmann mit beratender Stimme auf Kosten 
des Landes zu entsenden, doch kann die Bauvcrhandlung auch ohne 
seine Vermittlung oder Äußerung durebgeführt und die Erledigung des 
Baugesuches (§§ 47 und 48) hinausgegeben werden. Von dieser Be 
stimmung sind ausgenommen landwirtschaftlichen Zwecken dienende 
Bauten.« 
§ 82. 
Als neuer zweiter Absatz ist einzulügen: 
„Dachdeckungen, welche das allgemeine Orts- bzw. Landschaftsbild 
erheblich beeinträchtigen, sind zu vermeiden. 4 * 
§ 85. 
Am Schlosse dieses Paragraphen ist anzufügen: 
beeinträchtigt wird; auch ist bei deren Herstellung auf 
heimische Vorbilder tunlichst Bedacht zu nehmen. 1 * 
II. 
Gesetz 
betreffend Abänderung einzelner Bestimmungen der Innsbrucker Bau- 
Ordnung. 
Der erste Absatz des § 6t des Gesetzes voni 30. März 1896, L.-G.-Bl. 
Nr. 3t, mit welchem eine Bauordnung für die Landeshauptstadt Innsbruck 
erlassen wurde, hat in Hinkunft zu entfallen und zu lauten wie folgt: 
§ 61. 
„Die Wahl des Baustils für einen auszuführenden Neubau oder Um 
bau bleibt im allgemeinen dem Bauherrn überlassen, doch muß sich die 
äußere Gestaltung des Baues harmonisch dem Stadtbilde einfügen, wobei 
in erster Linie die heimische Bauweise und Eigenart bevorzugt werden 
soll. Der Behörde steht es frei, grobe architektonische Fehler, sowie offen 
kundige Verstöße gegen vorstehende Bestimmungen zu beanstanden und 
die Ausführung derartiger Pläne zu untersagen.**
	        
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