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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 7.1910 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Verkehrsbedürfois 4er Fuhrwerke und Straßenbahn an 
der Ecke gründlich, dem Personenverkehr freilich nur 
ungenügend abhelfen würde, eine Herausnahme des 
Eckhauses bei a — und zwar entweder des ganzen Ge 
bäudes 311—314 samt dem Nachbarhause 310: unter Be- 
lassung der Ecke y, nach der strichpunktierten, die Fort 
setzung der Ostflucht der Türkenstraße sowie des Stid- 
randes des Marktplatzes bildenden Linie, oder nur der 
Teile 311 und 312 des Gebäudes: unter Festhaltung der 
Ecke x nach der punktierten Linie. In beiden Fällen wäre» 
wie schon bemerkt, die oben angeführte Grundregel des 
Städtebaus eingehalten und damit das elementarste Kunst- 
gefühl befriedigt; denn ein unmittelbarer Durchblick vom 
Marktplatz zur Mainzer Straße und umgekehrt wäre bei 
dieser Anordnung unmöglich, wenn auch bei der Annähe 
rung von der einen wie anderen Seite aus der Platz bezw. 
die Straße sich schon etwas früher dem Gesichtskreis 
öffhen würde, als bei Festhaltung der seitherigen Ecke a. 
Auch könnte wohl, wenigstens bei Durchführung der strich 
punktierten Linie, durch entsprechende Ausgestaltung des 
neu zu errichtenden Gebäudes ein erträglicher Abschluß 
des Marktplatzes geschaffen werden; etwas schwieriger 
wäre allerdings dieses Ziel bei Benutzung der punktierten 
Linie zu erreichen, weil man alsdann vom Marktplatz aus, 
anstatt wie bisher auf eine eben durchlaufende Hauswand, 
auf eine gebrochene Ecke blicken und dadurch einen 
ziemlich unruhigen Eindruck dieses Abschlusses erhalten 
würde; doch könnte auch dies zur Not noch hingenommen 
werden. *) Dagegen erheben sich zwei andere künstlerische 
Bedenken gegen die Durchführung dieses Plans. Einmal 
würde man bei Aufstellung auf dem Platz des abge 
brochenen Hauses nun außer dem Marktplatz sofort auch 
die in dem verflossenen Jahrzehnt nach Westen hin er- 
breiterte „Türkei“ überblicken und in dem angenehmen 
Eindruck der abgeschlossenen Platzwirkung des Marktes 
nicht unwesentlich beeinträchtigt werden durch den gleich 
zeitigen Blick auf die verunglückte Türkenstraße mit der 
aus ihrem natürlichen Bauzusammenhang herausgerissenen 
katholischen Kirche im Hintergrund. Vor allem aber 
könnte es nicht genug bedauert werden, wenn das Ge 
bäude 311—314 fallen müßte. Dieses Haus paßt so vor 
züglich an seinen jetzigen Platz und weiß mit seiner breit 
hingelagerten Masse so viel von alter Wohlhabenheit und 
behäbigem Bürgersinn zu erzählen, daß es wirklich jammer 
schade wäre, diesen geschichtlich gewordenen und jedem 
echten St. Johanner zweifellos fest ans Herz gewachsenen 
Abschluß des Marktes zu vernichten. Es ist wohl unbe 
denklich zu sagen, daß durch jede andere, wenn auch 
künstlerisch noch so hoch stehende, Ausbildung dieser 
Abschlußwand das Platzbild gegenüber dem bisherigen 
Zustand verlieren müßte. 
*) Diese punktierte Linie fällt mit der Trennungelinie der beiden 
Teile 31s und 313 des Qesamthauses 3x1—314 zusammen und hat mit 
der vorderen Ecke gerade die Entfernung 18 m von der abgeschrägten 
Hausecke o. Es wäre also der Forderung des Programms schon mit dem 
Abbruch der beiden vorderen Gebäudeteile 31 x und 31a genügt. Ob 
freilich eine Erhaltung des Restes 313 und 314 praktische Bedeutung hat, 
Ist nur an Ort und Stelle auf Grund eingehender Untersuchungen zu ent 
scheiden. Vermutlich würde eine derartige Teilung des Hauses nicht nur 
auf erhebliche technische Schwierigkeiten stoßen, sondern auch künstlerisch 
kaum von Wert sein. 
2. Zurücklegung der Ecke o (siehe Abb. b, Tafel 25)* 
Aus dem bisherigen folgt, daß schwerwiegende, haupt 
sächlich künstlerische Bedenken gegen die aus Rücksichten 
des Fährverkehrs nicht zu beanstandende Zurückrückung 
der Ecke a sprechen. Es bleibt somit nur noch übrig* 
den Hebel an der Ecke 0 anzusetzen. Wie im folgenden 
ausgeführt wird, weisen sowohl verkehrstechnische wie 
künstlerische Gründe daraufhin, daß diese Ecke wegge- 
nommen wird. 
a) Zieht man außer dem bisher nur berücksichtigten 
Fährverkehr auch die Bedürfnisse der Fußgänger an 
Straßenenge 0—a in Erwägung* so ist zu sagen, daß es 
nicht die Ecke a, sondern die Ecke o ist, welche das 
größte Menschengewühl und die meisten Zusammenstöße 
von Personen aufweist. Das läßt sich ohne weiteres be 
obachten, wenn man etwa mittags um 12 oder abends um 
6 Uhr an dieser Stelle sich aufstellt und dem vorüber 
flutenden Menschenstrom zuschaut. Dieser bewegt sich, 
von der Bahnhofstraße herkoramend, fast' ausschließlich 
dem nördlichen Gehwege des Marktplatzes entlang bis zur 
Ecke o, wo er sich teilt, um entweder in die Türkenstraße 
abzubiegen oder, diese Überquerend, auf den nördlichen 
Gehweg der Obertorstraße überzugehen. Nur ganz ver 
einzelte Personen überschreiten die Straßenenge und gehen 
auf dem südlichen Bürgersteige der Obertorstraße weiter. 
Das hat wohl zum Teil darin seinen Grund, daß dieser 
südliche Bürgersteig sehr schmal ist und in beängstigender 
Nähe der Straßenbahngleise sich hinzieht. Der Haupt 
grund ist aber zweifellos der, daß überhaupt jedes Über 
schreiten eines stärkeren Wagenverkehrsstroms für den 
Fußgänger Unannehmlichkeiten mit sich bringt und daher 
nach Möglichkeit vermieden wird. Es ist deshalb auch 
bei etwaiger Zurückrückung der Ecke a und Erbreiterung 
des südlichen Gehwegs der Obertorstraße wohl kaum zu 
erwarten, daß sich der Fußgängerstrom nunmehr zur Er 
reichung dieses Gehwegs von der Ecke 0 aus quer über 
die erbreiterte Obertorstraße hinüberbewegen würde. Viel 
mehr würde er sich, um nur die wenig verkehrsreiche 
Türkenstraße überschreiten zu müssen, nach wie vor in 
der Hauptsache auf der Nordseite halten und damit an der 
Ecke 0 auch in Zukunft bedeutende Störungen und Unan 
nehmlichkeiten verursachen. Diese Schwierigkeiten würden 
noch dadurch gesteigert, daß das an der Ecke o befind 
liche Haus „zum Vetter Nickel“ unglückseligerweise eine 
Wirtschaft ist* die Kinomathographenbetrieb hat und deren 
Besucher durch die an der abgeschrägten Ecke ange 
brachten Türe immer unmittelbar senkrecht auf den vor- 
übereüenden Menschenstrom stoßen. Bei Zurückrückung 
der Ecke a würden zwar die eben besprochenen Unzu- 
träglichkeiten durch entsprechende Verbreiterung des Geh 
wegs an der Ecke o etwas gemildert, nie aber ganz be 
hoben werden können, was namentlich deshalb bedenklich 
erscheint, weil für die Zukunft hier jedenfalls noch eine 
Steigerung des Personenverkehrs zu erwarten sein dürfte. 
Eine richtige Abhilfe ist daher nur durch Zurttcklegung 
der Ecke 0 möglich. Eine solche würde einerseits die 
Fußgängerfrage an der Wurzel angreifen, andererseits für 
den Fährverkehr genau dieselben Vorteile bringen, wie 
eine Zurücklegung der Ecke a; nur die Straßenbahnlinie 
müßte in beiden Fällen etwas verschieden gelegt werden. 
b) Abgesehen von diesen verkehrstechnischeaSchwierig- 
keiteu bildet die Ecke o aber auch wegen künstlerischer
	        
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