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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 7.1910 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Häuserblocks zwischen Obertor- und Durchbruchstraße — 
könnten wohl durch entsprechende Überbauung derStraßen- 
einmündung umgangen werden. Dagegen erheben sich 
schwerwiegende Gründe verkehrstechnischer, gesundheit 
licher wie wirtschaftlicher Natur gegen einen Durchbruch. 
Vom verkehrstechnischen Standpunkt aus ist zu 
sagen, daß mit einer Straße von 5,40 m Fahrbahnbreite, 
durch die überdies noch ein Straßenbahngeleise geführt 
werden soll, weder im Augenblick, noch in Zukunft, wo 
sich die Anforderungen zweifellos noch steigern werden, 
dem Verkehr gedient sein kann. Wenn dieser auch stets 
nur nach einer Richtung gehend gedacht ist, so ließe sich 
doch nicht vermeiden, daß bei der guten Geschäftslage der 
Straße öfters Fuhrwerke vor den Häusern zu halten ge 
zwungen sind. Sobald aber dies geschieht, namentlich bei 
verschiedenen Häusern hintereinander, wäre die Straße 
nahezu gesperrt, also für den übrigen Verkehr unbrauch 
bar. Eine derartig enge Gasse würde in einer Geschäfts 
gegend auch ohne Straßenbahn nur zur Not genügen, mit 
Straßenbahn aber ein Unding darstellen, das bei bestehen* 
den Straßenzügen da und dort notgedrungen hingenommen 
werden muß, aber niemals neu geschaffen werden darf. — 
Aber auch abgesehen von dieser Enge der Straße selbst 
würden die Anschlüsse an die bestehenden Straßen bezw. 
Plätze stets schwache Punkte der Anlage bilden. Beim 
Übergang vom Marktplatz in die Straße würde sich der 
bisher in der Hauptsache auf der Nordseite dieses Platzes 
bewegende Fuhrwerksverkehr nunmehr in unzweckmäßiger 
Weise zersplittern und dadurch den östlichen Teil des 
Platzes für Marktzwecke völlig unbrauchbar machen. 
Auch die Einmündung der Gasse in die Straßenkreuzung 
der Schillerallee und Mainzer Straße wäre nicht gerade 
wünschenswert. Vor allem aber wäre mit der Schaffung 
dieser Straße für den wunden Punkt der ganzen Frage, 
nämlich die Ecke 0—a rein nichts gewonnen, da diese 
trotzdem noch umgestaltet werden müßte. 
Aber auch aus gesundheitlichen und Wirtschaft* 
liehen Gründen muß es mit Rücksicht auf das Licht- und 
Luftbedürfnis der für die Durchbruchstraße in Aussicht 
zu nehmenden Geschäftshäuser als durchaus unzulässig 
bezeichnet werden, eine derartige Straße neu bauen zu 
wollen — von dem Lärm der Straßenbahn in solcher Enge 
gar nicht zu reden —! Auch würde wohl der nur mit er 
heblichen Geldopfern zu erkaufende tiefe Eingriff in die 
seitherige Bebauung des Blocks (es müßte so ziemlich die 
ganze von a bis n umgrenzte Fläche fallen) die Auf 
wendungen für die zweifelhaften Vorteile einer derartigen 
Straße in keiner Weise lohnen. 
II. Erweiterung der Obertorstraße. 
■ Es bleibt also nur die erste Idee übrig, nämlich die 
Obertorstraße selbst gründlich umzugestalten, und hier 
gelangt man nun sofort zu dem eigentlichen Kernpunkt 
des Ganzen, die zwischen Gebäude 424 und 311 gelegene 
Straßenenge o—a, für die es, wie im folgenden gezeigt 
werden soll, im Grunde nur eine einzige Lösung gibt. Ein 
weiterer entschieden minder wichtiger Teil der Aufgabe 
bezieht sich auf die Gestaltung der Straße selbst und kann, 
nachdem einmal die Ecklösung festgelegt ist, in ver 
schiedener Weise weiter durchgeführt werden, da dies 
mehr oder weniger Geschmackssache ist, während die 
Eckbildung eine Frage grundsätzlicher Natur darstellt. 
A. Die Ecklösung. 
Die Straßenenge o—a ist für die Gestaltung des Ver 
kehrs von einschneidenster Wirkung: zunächst hat sie für 
die Straßenbahn als Notbehelf eine unliebsame Geleisver 
schlingung erforderlich gemacht, sodann zwingt sie alle 
Fuhrwerke gerade an der engsten Stelle diese doppelte 
Geleisbahn zu überqueren und endlich gestattet sie auch 
dem Fußgängerstrom nur ganz schmale Gehwege, die bei 
dem lebhaften Personenverkehr schon jetzt in keiner Weise 
mehr ausreichen, geschweige denn einer späteren weiteren 
Steigerung genügen. Es muß also unter allen Umständen 
diese Ecke, die jetzt — schräg gemessen — 9,50 m lichte 
Öffnung hat, erweitert werden und zwar nach dem Pro 
gramm auf 18 m Zwischenraum. Diese Erbreiterung kann 
auf 2 Arten vorgenommen werden, nämlich durch eine 
Zurücklegung entweder der Ecke a oder der Ecke o. , 
1. Zurücklegung der Ecke a (siehe Tafel 25 Abb. a). 
a) Eine solche ist bereits in dem Flucbtlinienplan 
der Stadt vom Jahr 1890 vorgesehen und zwar nach der 
gestrichelten Linie p—q—r, durch die nicht nur die Ober 
torstraße auf die Breite der Mainzer Straße gebracht, 
sondern auch die Faßstraße etwas erweitert würde. Durch 
diese Zurückrückung der ganzen Baulinie würde nun aber, 
wie schon im Programm ganz richtig bemerkt ist, das 
geschlossene Marktbild völlig zerstört werden. Man würde 
schon vom Marktbrunnen aus die ganze fast endlos sich 
hinziehende geradlinige Zeile der Mainzer Straße Über 
blicken und das ruhige Sicherheitsgefühl, das einen jetzt 
auf dem Marktplatz überkommt und das überall da auf- 
tritt, wo man an einem ringsum abgeschlossenen Ort sich 
befindet, wäre ein für allemal dahin. Ein solcher Plan 
konnte bloß in einer ausschließlich dem Moloch „Verkehr“ 
dienenden und diesem jede höhere künstlerische Emp 
findung aufopfernden Zeit, wie es leider die eben erst hinter 
uns liegende gewesen ist, aufgestellt werden. Seine Durch 
führung wäre, auch in etwas veränderter Gestalt, eine nie 
wieder gutzumachende Sünde gegen die Grundregeln der 
hochentwickelten mittelalterlichen wie auch der, erst jetzt 
wieder zu jener alten Höhe emporstrebenden, neuzeitlichen 
Städtebaukunst. Der vorliegende Gedanke ist daher über 
haupt nicht weiter erörterbar. Um das geschlossene Markt 
bild zu wahren, muß vielmehr zu allermindesten eine der 
beiden Ecken x oder y festgehalten werden, da diese den 
Schlüsselpunkt für den Durchblick vom Marktplatz nach 
der Mainzer Straße wie umgekehrt bilden. — Aber auch 
die Weiterführung der Teilstrecke q—p der gestrichelten 
Linie nach Süden, entlang der Paßstraße erscheint nicht 
angebracht. Einmal weist diese Straße zurzeit überhaupt 
keinen Verkehr auf und sodann dürfte es auch in Zukunft 
neben der breiten Schillerallee (Abb. 1 im Text) kaum not 
wendig sein, in unmittelbarer Nähe noch eine weitere Ver 
kehrsstraße nach Süden zu führen, ganz abgesehen davon, 
daß es überaus bedauerlich wäre, wenn an der hier in ruhiger 
Abgeschiedenheit gelegenen evangelischen Kirche künftig 
einVerkehrsstrom vorbeigeleitet und das gegenüberliegende 
hübsche altertümliche Haus abgebrochen werden würde. 
Die für später vorgesehene Verlängerung der Faßstraße 
bis zur Saar könnte wohl ebensogut in den Zug der Schiller 
allee verlegt werden. 
b) Dagegen wäre eine Möglickeit, die unter Wahrung 
der grundlegenden künstlerischen Gesichtspunkte dem
	        
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