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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 7.1910 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU . 
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mit Kleinbauten bestanden, die den Eintritt von Luft und 
Licht in ausreichendem Maße gestatten. Sodann sind auch 
die Grundstücke nicht so tief, daß sie, um bebauungsfähig 
zu bleiben, viel von ihrer Fläche missen könnten. Alle 
diese Umstände trugen dazu bei, die beteiligten Kreise von 
einer gewaltsamen Umgestaltung des bestehenden abzu 
halten und für die möglichste Erhaltung des überlieferten 
Zustandes zu gewinnen. Vergl. Doppeltafel 17/18. 
Die einzige Straße, die für einen nennenswerten Ver 
kehr in Frage kommt, ist die von Norden nach Süden 
durchlaufende Provinzialstraße, innerhalb der Stadt „Lange 
Straße“ benannt. Sie ist an den beiden Enden und in der 
Mitte auf die Dauer zu schmal und wird an diesen Stellen 
auf eine Breite von 10 m gebracht. Im Übrigen kommen 
größere Anschnitte nur bei den Straßeneinmündungen vor, 
welche allerdings fast durchweg zu eng sind. 
Die bisherigen Sackgassen „Sack"- und „Poggen- 
straße“ sollen bis zu den nächstgelegenen Straßen in der 
Weise durchgelegt werden, daß ihre Fortsetzungen die be 
troffenen Grundstücke vorteilhaft aufteilen und in ihrer 
Linienführung den Charakter der Anfangsstrecken nicht 
verleugnen. Um die entgegenstehenden Gebäude zu schonen, 
wurden die Verlängerungen seitlich angesetzt, so daß sich 
kleine, willkommene platzartige Erweiterungen bildeten. 
Die den größten Teil der Stadt umfassende Wall- 
promenade ist mit rückwärtigen Fluchtlinien bedacht, da 
mit die Hintergebäude nicht allzu aufdringlich herantreten 
können. Östlich der Langen Straße beträgt diese Bau 
beschränkung 6 m, während sich die Westseite mit einer 
solchen von durchschnittlich 2,5 m begnügen mußte in An 
betracht der geringen Tiefe der anstoßenden Parzellen. 
Hiermit wäre der Rahmen der zukünftigen Bebauung 
im Grundriß festgelegt; zu hoffen bleibt, daß auch die 
Füllung der Form dem Überlieferten würdig angepaßt 
wird, zur Zierde des ganzen Ortsbildes sowohl wie zur 
Höherschätzung der Einzelwerte. 
ZUR STÄDTISCHEN BODENFRAGE. 
I. Vortrag von R. CAPELLMANN, Ingenieur, im Haus- und Grundbesitzerverein zu Aachen, am 3. Juni 1909. 
Die städtische Bodenfrage leitet ihren Ursprung her 
aus den unhaltbaren Wohnungsverhältnissen von Berlin. 
Dort ist eine Bevölkerung von mehr als zwei Millionen 
Menschen zusammengepfercht auf beschränktem Raume, 
bei engen Straßen, in fünfstöckigen Massenmiethäusern 
mit winzigen Höfen bei schier unglaublichen Mietpreisen. 
Es ist dort ein Wucher mit Bauplätzen getrieben worden, 
der in 30 Jahren die Preise stellenweise bis auf das 500- 
fache erhöht hat. Die Ansammlung der Reichs- und 
Staatsbehörden, des Bankwesens, des Handels, der Indu 
strie, der Kunst und der Wissenschaft, das Leben der 
Großstadt mit seinen Licht- und Schattenseiten haben 
immer neue Scharen aus ganz Deutschland zusammen 
gezogen, und führen fortgesetzt neue Scharen hinzu. Für 
sie muß Raum geschafft werden. Pie Vororte sind längst 
zu Großstädten geworden und suchen einander an Be 
deutung und Ausdehnung zu überbieten, wobei ein jeder 
seine Sonderinteressen zu fördern, Lasten abzuschütteln 
bestrebt ist. Sie bilden mit dem alten Berlin zusammen 
ein ungeheures Gemenge von Wohnhäusern, öffentlichen 
und industriellen Bauten, das ohne einheitlichen Bebauungs 
plan, ohne auf ein solches Wachstum vorbereitete Bau 
ordnung, überhaupt planlos zusammengewürfelt worden 
ist. Berlin und seine Organisation waren dem gewaltigen 
Ansturm nicht gewachsen; jetzt schreit es nach Staatshülfe, 
um aus den zahllosen Wirrsalen herauszukommen. Um 
sie zu erlangen, werden die Berliner Zustände grundlos 
verallgemeinert. So entstand der deutsche Verein für 
Wohnungsreform, dessen Generalsekretär Prof. Dr. von 
Mangoldt in Dresden ist. 
Dr. von Mangoldt entwickelt in seiner 1907 erschienenen, 
im Aufträge jenes Vereins verfaßten Schrift: „Die städ 
tische Bodenfrage, eine Untersuchung über Tat 
sachen, Ursachen und Abhülfe“ eine solche Fülle 
belehrenden Stoffes in gründlicher Behandlung und führt 
dabei den größeren Teil der bisher die Frage behandelnden 
Schriften im Auszuge vor, so daß das Werk jedem, der 
mit der städtischen Bodenfrage sich beschäftigt oder sich 
zu beschäftigen berufen ist, unentbehrlich sein dürfte. 
Dr. von Mangoldt will, nachdem er die städtischen 
Wohnungsverhältnisse in den grellen Farben der Berliner 
Zustände geschildert und für alle Großstädte verallgemeinert 
hat, den Übelständen recht energisch zu Leibe gehen. Die 
Stadterweiterung, die heute fast ausschließlich in privaten 
Händen ist, wünscht er in die Hände der Stadt, städtischer 
Körperschaften und des Staates zu bringen, obgleich er zu 
gibt, daß die private Bodenaufschließung durchschnittlich 
nur geringe Gewinnste davon getragen hat, recht häufig 
unter großen Kapitaleinbußen zugrunde gegangen ist, daß 
die Verteuerung der Bauplätze mehr durch die über 
triebenen Forderungen der Urbesitzer, durch die hohen 
Anforderungen der Städte an den Ausbau der Straßen, 
durch den Zinsverlust und durch den Zwischenhandel ver 
ursacht werden. Die Urbesitzer, welche den Boden nach 
Kulturwert erworben oder ererbt haben, heimsen nach 
Dr, von Mangoldt bei dem heutigen System unverdiente 
Reichtümer ein, die sie vielfach nicht einmal zu benutzen 
wissen. Für ihn gibt es kein Natur- oder Wirtschaftsgesetz, 
das Bauland höher in Wert stellte als Ackerland. Dem 
Urbesitzer steht nach ihm nur der Kulturwert zu; der 
Bodenunternehmer darf die Straßenbaukosten, der Bau 
unternehmer die Baukosten, beide nur Zinsen und einen 
mäßigen Gewinn hinzuschlagen. Alles andere ist unver 
dienter Gewinn, welcher der Allgemeinheit zukommt und 
für sie mit allen Mitteln eingefordert werden muß. Zu 
diesem Zwecke soll unter anderen Vorschlägen für das 
Erweiterungsgebiet der Städte eine Stadterweiterungstaxe 
aufgestellt und den Städten das Recht gegeben werden, zu 
den einmal festgesetzten Preisen zu jeder beliebigen Zeit, 
in beliebiger Lage und in beliebiger Menge Gelände zu 
enteignen. Dann haben, so führt er aus, die Städte es in 
der Hand, den Zinsverlust zu vermeiden, indem sie von 
dem zum Kulturwert gekauften Lande nicht mehr in Bau 
plätze umwandeln, als das augenblickliche Bedürfnis er 
heischt; sie haben es In der Hand, die Anforderungen an 
dem Straßenausbau auf eigenem Boden einzuschränken
	        
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