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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 7.1910 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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anderen die Elbseite geöffnet oder geschlossen werden 
soll, die meisten, ja fast alle Entwürfe legen die Axe 
senkrecht zur Elbe und übersehen, daß der Platz 
heute kein Lustgarten mehr ist, auch kein Vorraum 
im Freien für das Opernhaus, sondern ein richtiger 
und echter Verkehrsplatz mit einem durchaus nicht ge 
ringen Trambahn* und Wagenverkehr. An eine Verwirk 
lichung der Semperschen Ideen ist nicht mehr zu denken, 
seitdem der Museumsbau den Zwinger auf seiner vierten 
Seite abschließt und das neue Sempersche Opernhaus an 
stelle des alten abgebrannten weiter zurückgerückt wor 
den war; auch eine breite monumentale Terrassen* und 
Treppenanlage, wie sie Semper als Abschluß an der Elbe 
plante, ist bei den heutigen Verkehrsbedingungen unaus 
führbar. Die Erlweinsche Planung geht hier allein von 
der richtigen Erkenntnis aus, daß der Platz heute in erster 
Linie dem Verkehr dient, dieser sich aber nicht so ent 
faltet, daß eine vom Museum zur Elbe senkrecht gerichtete 
Axe die Platzgestaltung . bedingt. Seine Piatzanlage ist 
aus der Beobachtung der tatsächlichen Verkehrsabwick 
lung heraus entstanden, die den Verkehr von der Brücke 
auf den Platz und umgekehrt leitet. Aus der praktischen 
Anschauung, aus den Bedürfnissen der wirklich sich ge 
staltenden Verkehrsbedingungen heraus hat Eriwein dann 
seine diesen Zwecken entsprechende künstlerische Gestal 
tung des Platzes gesucht und gefunden. Die Axe des 
Platzes ist dementsprechend vom Brückenköpfe nach der 
Platzecke zwischen dem Museum und dem Opernhause 
gerichtet. Das dürfte noch mehr zum Ausdruck kommen, 
wenn nach Fertigstellung des Ersatzbaues für das Italie 
nische Dörfchen der Trambahnverkehr dort anders ge 
staltet werden wird. 
Ein Chiaveri, Pöppelmann, Cuvillie und Gottfried Sem 
per haben dem Flügelschlage ihrer Zeit gelauscht, aus ihrer 
Zeit und deren Bedürfnissen und Bedingungen heraus ge 
plant und gebaut. Freuen wir uns, daß die Erlweinsche 
Planung in ihrer schlichten Bescheidenheit zugleich die 
glücklichste Lösung gefunden hat, indem Erlwein, den 
Alten ebenbürtig, es verstand, den Anforderungen und den 
Bedingungen der Neuzeit durch eine zweckmäßige und 
dabei ästhetisch so hervorragende Gestaltung völlig gerecht 
zu werden. 
DIE VORSTÄDTE VON PARIS 
UND DER NEUE PARKGÜRTEL. 
Von EUGENE H±NARD, Architekt, Paris. 
All das Vorhergehende läßt sich nur auf neu zu 
schaffende Parks anwenden. Es versteht sich von selbst, daß 
es unter keinem Vorwand nötig ist, die bestehenden Parks, 
die von alten königlichen oder fürstlichen Domänen her 
rühren, zu beschränken oder umzugestalten, und die einen 
Teil des künstlerischen Erbgutes einer großen Stadt bilden. 
Was die kleineren Plätze (squares) anbetrifR, muß man sie 
vermehren, auch wenn ihre gesundheitliche Rolle eine 
mittelmäßige ist, denn sie tragen viel zur Fröhlichkeit und 
Schönheit einer Stadt bei. 
Um wirksam zu sein, sollen die Parks nicht mehr als 
zwei Kilometer voneinander Abstand haben, derart, daß 
der weniger begünstigte Einwohner nicht mehr als einen 
Kilometer zu Fuß zu laufen hat, um eine dieser Promenaden 
zu erreichen. Die ganz jungen Kinder und die, die sie 
überwachen, dürfen nicht in die Notwendigkeit kommen, 
alle Tage und oft zweimal am Tage ein Verkehrsmittel zu 
benutzen (Straßenbahn oderUntergrundbahn), deren wieder 
holter Preis, so klein er auch sei, bald eine große Ausgabe 
für die vom Glück nur bescheiden Bedachten werden würde. 
Außerdem sind diese Beförderungsmittel nicht gegen An 
steckungen geschützt und wiegen vom gesundheitlichen 
Standpunkt nicht den Wert eines wenig ermüdenden Wegs 
zu Fuß auf. Dies ist die Antwort, die man den Anhängern 
des gegenwärtigen Zustandes geben muß, die behaupten, 
daß es bei den heutigen Verkehrsmitteln unnötig ist, Ent 
fernungen zu durchlaufen, um eine Promenade in frischer 
Luft zu erreichen. 
Die Parkways oder Avenues-Promenaden verschönern 
eine Stadt sehr; aber ihre Anlage in Paris würde zu 
dem — verhältnismäßig unbedeutenden — Ergebnisse zu 
beschwerliche Enteignungen fordern. Der schönste Park- 
(Fortsetzung und Schluß aus Heft i.) 
way, den wir besitzen, wird gebildet durch die Linie der Kais 
und die Ufer der Seine, wo die Bäume sich harmonisch 
mit den wichtigsten Denkmälern der Stadt verbinden. Wir 
können damit zufrieden sein. 
Seit einigen Jahren ist die öffentliche Meinung über 
das fortgesetzte Verschwinden der alten Gärten in Auf 
regung geraten. Ein Ideenstrom, der alle Tage mächtiger 
wird, zeigt sich zu Gunsten der Anlegung neuer freier 
Räume; und die nahe Abtragung der Befestigungen wird 
es wahrscheinlich möglich machen, zu einem zweckmäßigen 
Ergebnis zu kommen. Wir wollen zuerst prüfen, welches 
der zu erreichende ideale Zweck ist und dann in welcher 
Reihe von Abständen es möglich sein wird, sich ihm zu 
nähern. Betrachten wir das Paris innerhalb der Wälle 
nicht weiter, sondern das ganze Paris und seine Vorstädte, 
wie wir es unter a, Doppeltafel 1/2 festgesetzt haben. 
Textbild 3 zeigt das gegenwärtige Verhältnis, welches 
zwischen der Bodenfläche der Parks und Gärten und der 
Gesamtbodenfläche der Pariser Stadtanlage besteht. Man 
sieht, daß dieses Verhältnis ein wenig niedriger ist als V>° 
der Gesamtbodenfläche. Um Vs dieser Bodeniläche zu er 
reichen, fehlt es Paris an ungefähr 500 Hektar mit Bäumen 
bewachsener Räume. Man wird in Abb. b der Doppel* 
tafel 1/2 den schematischen Entwurf des Erweiterungs 
planes von Paris finden mit den alten Parks und den neuen 
Parks, die atizulegen sind, um diesen Fehlbetrag zu decken: 
die ersteren sind durch einfache, die zweiten durch ge 
kreuzte Schraffierungen bezeichnet. Der neuen Parks 
sollen 34 werden. Neben ihrer Ordnungsnummer bezeich 
net der Plan ihre Bodenfläche in Hektar, die von 8 Hektar 
für den kleinsten bis zu 29 Hektar für den größten wechselt; 
ihre Bodenfläche beträgt im ganzen 463 Hektar. Alle Straßen,
	        
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