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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 7.1910 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
102 
Keller löschen 
können. Bald 
aber ist den 
Kanälen ein be- 
sondererLand- 
streifen als Ab 
ladeplatz 
nebengelagert, 
von dem man 
dann unter der 
eigentlichen, 
höherliegenden 
Straße hin 
durch in die 
Kellerräume 
der Häuser ge 
langen kann, 
bald sind sie 
rechts und links 
von Straßen 
eingefaßt und zeichnen sich meistens durch starken und 
vollen Baumschmuck aus, der sich oft anlagenähnlich an 
ihnen entlang zieht. Einen sehr feinen Reiz bringen auch 
die zahlreichen Brücken in das Bild. Sie bleiben meistens 
sehr einfach, fügen sich aber mit ihrem großen ruhigen, nach 
der Mitte zu größer werdenden Steinbogen und ihren zier 
lichen Eisengitttern geschickt in das Straßenbild ein, zu 
mal sie immer durch ein Tor, ein Haus oder Baummassen 
kräftig eingespannt werden. Durch alle diese einfachen 
Mittel wird immer eine äußerst reizvolle malerische Wir 
kung der Straßenbilder erzielt, und besonders Brügge steht 
hier mit seinen vielberühmten, an Venedig erinnernden 
Einzelheiten an erster Stelle. 
Der Grundplan der belgischen Städte wird, gerade wie in 
Holland, ausgezeichnet durch die Anlage von verschieden 
artigen Plätzen, von denen besonders zwei Gattungen als 
ständiger Typ überall wiederkehren. Es sind dies der Haupt 
platz, der Groote Markt und der 
Fisch- oder Viehmarkt, von 
denen der erstere zu Empfangs 
und Versammlungszwecken, 
der letztere zur Abhaltung von 
Märkten diente. Die Neben 
plätze, zu denen meistens ein 
gebaute Kirchen den Anlaß 
- gaben, verteilten sich je nach 
Bedürfnis in der Stadt. Das 
Beispiel der Stadt Winochs- 
bergen zeigt aber, welcher Reiz 
in das gesamte Städtebild kam, 
dadurch, daß die Plätze alle ver 
schieden ausgebildet wurden, 
und je nach den. gegebenen 
Bedingungen als strenge oder 
malerische Architekturplätze, 
als baumumstandene Märkte am 
Kanal, als Straßenkreuzungen 
oder als intime Kirchplätze sich 
darstellten. 
Über die Lage der Haupt 
plätze zu den Hauptstraßen je 
nach der Größe der Stadt ist bereits oben gesprochen worden. 
Aufmerksam will ich noch machen auf die reichen Einblicke, 
die man bei Seitablegung des Verkehrs immer durch 
kurze, auf das Hauptgebäude gerichtete Straßen erzielte. 
Dieser Grundgedanke, möglichst viele Straßen in ihrer 
Richtung auf ein Bauwerk zu beziehen, finden wir übrigens 
auch bei fast allen anderen Plätzen. Der Platz in Bethunia 
zeigt ein sehr schönes Beispiel der Art, ein monumentales, 
bezeichnendes Bauwerk in möglichster Weise auszunutzen, 
aber auch die großen, berühmten Plätze in Brügge und 
Ypern haben dasselbe Bestreben. Ein Beispiel derselben 
Stilperiode aus Florenz sei beigefügt, um die ganz andere 
Auffassung der Italiener entgegenzustellen. 
Abb. 7. Ypern. 
Haus in der Rue de Dixmüde 52. 
STÄDTEBAULICHE BEMERKUNGEN 
AUS BRÜSSEL, 
Von H. VOLKMANN, Erfurt. 
Wer jetzt zu städtebaulichen Studien nach Brüssel 
fährt, wird außerhalb des Bretterzaunes der Ausstellung 
mehr des Anziehenden finden wie innerhalb. Zwar kann 
man über den Inhalt der inzwischen schon wieder halb 
vernichteten Ausstellung das umfassende Urteil vermutlich 
erst an ihrem Schlußtage sprechen, aber es ist immerhin 
wesentlich, daß Deutschland, dessen Ausstellung von den 
fremden Mächten am großzügigsten einer Darbietung aller 
wirschattlichen Kräfte zustrebt, am wenigsten von dem 
kleinlichen Gedanken der Verkaufsfähigkeit jedes Gegen 
standes geleitet wurde, mit einer gleichzeitigen größeren 
Ausstellung daheim rechnete. Um so lohnender ist ein 
Besuch der Stadt, gerade jetzt; denn Brüssel, das seit 
Mitte des 19. Jahrhunderts eine Stadtbaukunst treibt, die 
zielbewußt eine glänzende Landeshauptstadt zu gestalten 
trachtet, so daß diese Stadt auf den Ehrentitel Klein-Paris 
wie keine andere Anspruch hat — Brüssel hat diesen 
monumentalen Gestaltungsvorgang zu Ehren der im heurigen 
Sommer zu erwartenden Gäste sprunghaft gefördert. 
Die Vorstellung einer Weltstadt mit riesigen Pracht 
straßen, gerichtet aut ragende Monumentalbauten, ist in 
Brüssel wie in der Seinestadt nach der Entfestigung und 
auf den Flächen der alten „Bollwerke“ in Wirklichkeit 
umgesetzt. Dabei ist Brüssel gegen Paris im Vorteil durch 
die stärkere Bewegtheit des Geländes. Verkehrstechnisch 
bedeutet sie an den meisten Stellen einen Nachteil, aber 
den haben die Brüsseler durch die Verkehrsmittel unserer 
Zeit glatt überwunden; künstlerisch enthält sie die Mög 
lichkeit großen Gewinns, und man hat diesen Vorteil 
durch die Hauptrichtungen und die richtige Stellung der 
Hauptbauten glänzend herausgearbeitet. Die für das Auge 
günstigen Vorteile, die eine gerade Straße durch Hebung und
	        
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