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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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der Organismus der Bäderstadt in Schönheit zur Wieder 
erlangung der Gesundheit und zu frohem Lebensgenuß auf. 
Die in einigen unserer bedeutendsten Bäderstädte in 
Aussicht genommenen oder bereits ausgetührten Neuein 
richtungen und Erweiterungen bieten eine willkommene 
Erläuterung zu den vorstehend gegebenen Erörterungen. 
Aus dem von der Stadtgemeinde Karlsbad veranstalteten 
Wettbewerb zur Erlangung von Plänen für die Ver 
bindung der Schloßbrunn- und Marktbrunnkolonnade mit 
der Mühlbrunnkolonnade sind eine Anzahl bemerkens 
werter Entwürfe hervorgegangen, nicht allein bemerkens 
wert wegen ihres mehr oder weniger gelungenen archi 
tektonischen Aufbaues, sondern auch wegen der sich er 
gebenden Gesichtspunkte für die Ausgestaltung des Stadt 
bildes. Es galt in Karlsbad kein weitläufiges, mehrfach 
zu teilendes Gelände zu bebauen; es stand vielmehr nur ein 
geschlossenes ansteigendes Platzdreieck zur Verfügung. 
Ebenso waren die begrenzenden Straßenzüge in fester, 
nicht zu verändernder Lage gegeben. Allerdings war es 
in das Ermessen der Bewerber gestellt, ob sie den vor 
handenen Stadtturm und die ältere Schloßbrunnkolonnade 
erhalten oder beseitigen wollten. Der Schwerpunkt der 
architektonischen Lösung der Aufgabe bestand in diesem 
Falle in dem Auffinden der richtigen Verhältnisse fü; die 
neu zu schaffenden Aufbauten zu den immerhin be 
schränkten Abmessungen des Bauplatzes, zu den geringen 
Straßen- und Platzbreiten und schließlich zu den Formen 
der umgebenden Baulichkeiten. In bezug auf diese For 
derungen möchten wir uns der Meinung des Stadtbau 
direktors Herrn Drobny anschließen, nach welcher bei 
allen eingegangenen Entwürfen der Aufwand an monu 
mentalen Mitteln etwas übertrieben hervortritt; und es 
mag erlaubt sein, für das wesentliche der nachfolgenden 
Erörterungen außer dem durch das Preisrichterkollegium 
gefüllten Urteile auch die von Herrn Drobny als natur 
gemäß besonderen Ortskundigen geäußerten Ansichten 
heranzuziehen. 
Die im Mittelalter und der Renaissanceperiode so. 
selbstverständlich geübte Kunst, die Masse der öffentlichen 
und privaten Gebäude rhythmisch dem Stadtbilde einzu- 
gliedern ohne Vordringlichkeit des einzelnen, ebenso wie 
ein einsichtiger Schauspieler sich dem Ganzen unterzu 
ordnen weiß, scheint der Hauptsache nach der Neuzeit 
verloren gegangen zu sein und muß erat mit Mühe wieder 
erobert werden. Die aus dem Schatze der überlieferten 
Denkmäler und der etwa neu hinzukommenden Er 
findungen dem Architekten zu Gebote stehenden Kunst 
mittel reizen allzusehr die Phantasie zur Nachahmung 
an, so daß es schwer wird die Gefahr einer erdrückenden 
Fülle zu vermeiden. Ein solcher „embarras des richesses“ 
tritt auch sowohl in den preisgekrönten als in den zum 
Ankauf empfohlenen, noch stärker freilich in den meisten 
nicht ausgezeichneten Entwürfen zutage. Dieserhalb muß 
auf die Veröffentlichung in Band III, Heft 3 der Architek 
tur-Konkurrenzen (Verlegt bei Ernst Waamuth A.-G., 
Berlin) im Jahre 1908 verwiesen werden. 
Jedenfalls müßte die Neubebauung genügenden Raum 
zwischen sich und der Dreifaltigkeitssäule und ebenso 
zwischen der hinter dieser liegenden Terrasse offen lassen; 
das einseitig aufsteigende Platzdreieck, wie es hier vor 
liegt, dürfte nicht übereck gelöst werden, weil die diago 
nale Mittelaxe wohl im Grundrisse, nicht aber in der 
Raumwirkung zur Anschauung gebracht werden könnte; 
ferner sollte an der aufsteigenden Straßenflucht keine 
höhere Bebauung stattfinden, da die schräge Linie stört 
und der Ausblick über die ganze Anlage verhindert wird; 
auch dürfte der Bau im oberen Teile des Platzdreiecks 
am besten zurückgeschoben und möglichst mit dem Stadt 
turm in Verbindung gesetzt werden; endlich wäre es 
wünschenswert, die ganze untere Bebauung in geringerer 
Höhenentwickhmg auszuführen, um den Gesamteindruck 
des Ganzen nicht zu beeinträchtigen. 
Ein weiteres lehrreiches Beispiel zur Ausgestaltung 
der Bäderstadt liefert die nach allgemeiner Meinung einer 
Erneuerung und Erweiterung bedürftige Kuranlage in 
Baden-Baden. Für das unzulänglich gewordene Konver 
sationshaus ist ein Neubau wünschenswert, und ebenso 
muß eine neue Trinkhalle geschaffen werden, da die vor 
handene, von Hübsch erbaute und mit Fresken gezierte 
außerhalb des Kurgartens liegt und wegen der zu erstei 
genden Freitreppe für schwächliche Kurgäste beschwer 
lich zu erreichen ist. Der mitgeteilte Plan der Archi 
tekten Scherzinger und Härke versucht für die Frage der 
Zusammenziehung der Baden-Badener Kuranlagen eine 
genügende Lösung zu bieten. Die geplanten Bauanlagen 
gruppieren sich um den Kurgarten und den Hamiltonpark, 
die sich an beiden Ufern der Oos gegenüberliegen. — Siehe 
Tafeln 25 und 26 (Lageplan und Vogelschaubild). Das 
neue Kurhaus erscheint gegen den Berg zurückgeschoben 
und würde reichlichen Platz zur Anlage von langen, teils 
gedeckten, teils offenen Sitzterrassen bieten, die dem jetzigen 
Kurhause besonders fehlen. Die Trinkhalle wäre vorläufig 
in das im städtischen Besitze befindliche „Palais Hamilton“ 
zu verlegen und somit in den Mittelpunkt der Stadt und in 
den nächsten Bereich des Kurgartens zu rücken. Der Haupt 
eingang zum Palais würde von der Luisenstraße durch den 
Anbau eines Portikus mit anschließendem Dienstgebäude 
und langgestreckter Trinkhalle ermöglicht, letztere in der 
Richtung der Insetstraße liegend. Die eine Hälfte der 
Halle öffnete sich gegen Süden und gegen den Hamilton 
garten mit dem Kiosk für Frühkonzerte, während die 
andere Hälfte geschlossen bliebe und mit eigenem 
Orchesterraum ausgestattet würde. Eine Überbrückung 
des Oosbachs in der Mittelaxe würde den Hamilton 
garten mit dem gegenüberliegenden Kurpark in unmittel 
bare Verbindung bringen. Die ältere, von Hübsch erbaute 
Trinkhalle könnte in eine würdige Vorhalle für eine an 
zugliedernde Gemäldeausstellung umgewandelt werden. 
Man könnte nur wünschen, daß der im Entwürfe vorlie 
gende Vorschlag zur Zentralisation der Baden-Badener 
Kuranlagen in absehbarer Zeit in seinen Grundzügen zur 
Verwirklichung gelangen möchte. 
Bei der bedeutenden Steigerung des Nationalwohl 
standes, wie sie in den letzten Jahrzehnten in Deutsch 
land stattgeftmden hat, und um demzufolge den Ansprüchen 
an eine bessere Lebenshaltung genügen zu können, mußte 
auch der Besuch der vornehm ausgestatteten Badeorte 
zunehmen. Mehr als je erstrebt die Menschheit, ein Leben 
in Schönheit zu führen, wozu allerdings die Gesundheit 
den Untergrund bilden muß. Unter diesen Verhältnissen 
entstanden für Kissingen wie andere Orte mehrfach Pläne, 
um durch Anlage neuer Kur- und Konversationshäuser, 
sowie schließlich durch Stadterweitemngen, welche die 
Beschaffung einer größeren Zahl komfortabler Wohnungen
	        
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