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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
164 
Mit dem Bebauungsplan der Hauptstadt hat sich die 
öffentliche Meinung schon seit längerer Zeit beschäftigt. 
Bereits im Jahre 1901 hielt G. H. Knibbs, der Leiter des 
technischen Bildungswesens von Australien, ein bedeuten 
der Ingenieur und Geodät, sowie Vorsitzender mehrerer 
gelehrter Gesellschaften und technischer Vereine, in der 
Royal Society von Neusüdwales einen Vortrag über Be 
bauungspläne, der aut die neue Hauptstadt zugeschnitten 
war. Von den dabei behandelten Anordnungen, Schach 
brett, ein Kreis mit zwei rechtwinkligen Durchmessern 
und ein Kreis mit drei oder vier Durchmessern, endlich 
ein Quadrat mit diagonal verlaufenden Straßen, gab der 
Vortragende der Anordnung den Vorzug, bei der dem 
Stadtplan ein Kreis mit drei Durchmessern zugrunde ge 
legt wird. Er hatte berechnet, daß dabei der Weg zwi 
schen zwei beliebigen Punkten der Stadt mit dem gering 
sten Umweg zurückzulegen sein würde. Zugleich schlug 
J. Sulman, ein führender Architekt von Sydney, in der 
Australischen Gesellschaft zur Förderung der Wissen 
schaften einen spinnwebartigen Grundriß für die neue 
Stadt vor. 
Von den modernen Ansprüchen, die man an einen Be 
bauungsplan stellen muß, scheinen die australischen Fach 
leute noch wenig zu ahnen. Sie haben lange nach einem 
vollständig ebenen Gelände für ihre Hauptstadt gesucht, 
um einen rein geometrischen Bebauungsplan durchführen 
zu können. Da sie aber in der Wahl des Platzes sehr 
beschränkt waren — er mußte an der Bahn Sydney—Mel 
bourne und im Bundesgebiete liegen — so ist ihnen dies 
nicht gelungen. Die Haupthandelsstädte werden stets Syd 
ney und Melbourne bleiben, und diese hätten nie gelitten, 
daß die Verbindung zwischen ihnen der neuen Hauptstadt 
zuliebe einen Umweg gemacht hätte; auch dagegen, die 
Hauptstadt etwa durch eine Zweigbahn an die Hauptlinie 
anzuschließen, hätte man Bedenken gehabt. Da nun die 
Eisenbahn Sydney—Melbourne das Bundesgebiet nur an 
einer Ecke schneidet, war hierdurch der Ort für die Stadt 
nahezu eindeutig festgelegt. 
Bei dem eigenartigen Standpunkt, den die Kommission 
dem Bebauungsplan gegenüber einnimmt, erscheint es er 
wünscht, daß sie für diesen einen internationalen Wettbewerb 
ausschreiben möchte. Freilich wird es denFachleuten außer 
halb Australiens nicht leicht sein, ihre etwaigen Entwürfe 
den örtlichen Verhältnissen anzupassen, doch sind bei einem 
MITTEILUNGEN. 
T7RUMME UND GERADE STRASSEN. In einer Fußnote zu 
AX seinem gleichnamigen Aufsätze in der Zeitschrift „Die Raumkunst“, 
Heft 6 des laufenden Jahres, hat Dr. E. A. Brinckmann den Unterzeich 
neten in Gegensatz zu den städtebaulichen Anschauungen von O. March 
und H. Muthesius zu bringen gesucht. Ein solcher Gegensatz besteht 
nicht und kann auch nicht davon bergeleitet werden, daß der Schriftleiter 
einer von ihm mit Camillo Sitte gemeinsam gegründeten Zeitschrift es 
für seine Pflicht hält, den verstorbenen Freund gegen Angriffe zu schützen, 
selbst wenn diese mehr Berechtigung haben sollten, als es ihm zuzutreffen 
scheint. 
Sittes Ideal war die Akropolis von Athen, wie denn überhaupt seine 
künstlerische Anschauung in der Antike und der davon abgeleiteten Kunst 
der Renaissance und Barocke beruhte. Xn seinem berühmten Buche stellte 
er neben dem Domplatz von Pisa, der Signoria von Florenz als deutsches 
Beispiel die regelmäßige Anlage des Marktplatzes von Breslau. Unregel 
mäßigkeiten nahm er hin, soweit sie noch vom Auge im Sinne genauer 
solchen Wettbewerb immerhin fruchtbare Gedanken zu 
erwarten, und wenn dann etwa die einheimischen Fach 
leute mit der endgültigen Ausarbeitung beauftragt werden, 
so können sie durch die Wettbewerbsentwürfe wenigstens 
auf die Gesichtspunkte hingewiesen werden, die in den 
Kreisen europäischer Sachverständiger, die sich mit diesem 
schwierigen Zweig der Technik befaßt und dabei schon 
Mustergültiges geleistet haben, für den Städtebau jetzt Gel 
tung erlangt haben. 
In gewissen Beziehungen sind andererseits für die neue 
Hauptstadt ganz richtige Grundsätze aufgestellt worden; 
so spricht man von der verschiedenen Bemessung der 
Straßenbreite, je nachdem es sich um stille Wohn- oder 
lebhafte Verkehrsstraßen handelt, und von der Trennung 
des Schnellverkehrs von dem gewöhnlichen Straßenverkehr. 
Besondere Radfahrwege sind in Aussicht genommen und 
auch — was in Australien von großer Bedeutung ist — 
die Überdachung eines Teiles der Gangbahnen zum Schutze 
gegen Sonne und Regen. Die Anlage von Parks, Spiel 
plätzen und dergleichen ist ebenfalls geplant. Wenn sich 
Fabriken nicht vermeiden lassen, so sollen sie in ein be 
sonderes Stadtviertel verwiesen werden, und zwar an der 
der herrschenden Windrichtung entgegengesetzten Seite 
der Stadt. 
Maßgebend für die Wahl von Yaß war auch noch der 
Umstand, daß es nur 190 km von der Jervis-Bai, einem 
ausgezeichneten, natürlichen Haien, entfernt ist. Man be 
absichtigt, die beiden Punkte durch eine Bundesbahn zu 
verbinden, und in Jervis-Bai einen Bundeshafen anzulegen, 
so daß die neue Hauptstadt unabhängig von den Häfen und 
Eisenbahnen der Bundesstaaten wird. 
Die neue Talsperre im Tale des Murrumbidge, die nur 
30 km von Yaß entfernt ist, wird elektrischen Strom für 
die Beleuchtung, den Betrieb der Straßenbahnen und alle 
sonstigen Zwecke liefern. Allerdings liegt sie außerhalb 
des Bundesgebietes, und so wird die Hauptstadt von dem 
Staate Neusüdwales abhängig sein, was nach den Meinun 
gen der gesetzgebenden Körperschaften eigentlich hätte 
vermieden werden sollen. Immerhin hofft man diese 
Schwierigkeiten zu überwinden, und wenn auch Reibungen 
zwischen den Einzelstaaten nicht ganz ausbleiben werden, 
so erwartet man doch, sie beseitigen zu können, und sieht 
in der Gründung der Bundeshauptstadt ein Mittel, die Ge 
meinschaft der Bundesstaaten enger und fester zu knüpfen. 
Regelmäßigkeit idealisiert werden können. Er wollte Rythmus und Ruhe 
trotz allen Unregelmäßigkeiten; er meinte nur, daß zu diesem Zwecke 
nicht überall Symmetrie zu herrschen brauche. 
Die neuere Ästhetik der krummen Straße rührt nicht von ihm, sondern 
von Henrici und Ourlitt her; aber auch diesen ist es niemals eingefallen, 
deshalb die gerade Straße an sich zu verdammen. Und dem Unterzeich 
neten gilt die eine so viel wie die andere; die krumme Straße ist durch 
aus berechtigt, wo sie, wie es heute so oft vorkommt, von der Örtlichkeit 
(zur bequemeren und billigeren Ersteigung von Anhöhen, zur Verfolgung 
bereits vorhandener Wege usw.) bedingt wird. Die von dem Herrn Kri 
tiker angeführten Beispiele könnten nun den Anschein erwecken, als ob 
derartige Zirkelschläge von Sitte gut geheißen worden wären; dieser selbst 
hat noch in seinem Plane für Marienberg in Böhmen die gerade Straße 
bevorzugt — siehe Tafel 73/74» Jahrgang I unserer Zeitschrift — und ist 
nur an wenigen Stellen aus praktischen Gründen davon abgewichen. Seine 
Vorschläge zu einem verbesserten, modernen Städtebausystem enthalten
	        
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