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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Veranden, Baikone u. dgl. geschaffen werden. — Er 
wähnung möge noch die kleine alte Kapelle finden, die 
zu gottesdienstlichen Zwecken neu hergerichtet und mit 
Turmuhr und Glöckchen versehen werden soll, ferner 
das Wartehäuschen an der Trambahn über dem Stein- 
bruche'mit einem Verkaufsladen im Erdgeschosse und 
Aborten im Souterrain. Nach allem, was den wohl durch 
dachten Plänen Oewins bis jetzt zu entnehmen ist, ver 
heißt das Ganze ein Werk zu werden, dem ein weiter- 
reichendes Interesse sicher sein dürfte: besonders wegen 
der Art, wie die großen Schwierigkeiten des Geländes über 
wunden und seine so seltenen Vorzüge zur malerischen Ge 
staltung desGesamtbildesausgenutztsind. Möge nun ein guter 
Stern über der Ausführung walten und möge die Gartenstadt 
Rorschach ihrer Vaterstadt zum Anreiz werden, der ihr 
zu ihren vielen alten Freunden noch mehr neue erwirbt. 
EINE HAUPTSTADT EUR AUSTRALIEN. 
Von Regierungsrat WERNEKKE, Berlin-Friedenau. 
Eine seltene Aufgabe bietet sich dem Städtebauer in 
Australien: nachdem sich durch Beschluß des Parlaments 
vom 9; Juli 1900 die Völker von Neusüd Wales, Victoria, 
Südaustralien, Tasmanien und Westaustralien mit Wirkung 
vom 1. Januar 1901 zu einem Staatenbund (Commonwealth 
of Australia) Unter der englischen Krone vereinigt haben, 
hat sich dieser Bund nunmehr entschlossen, eine Haupt 
stadt zu gründen. Abgesehen von der Anlage Washingtons 
dürfte es kaum schon vorgekommen sein, daß eine Stadt 
von solcher Bedeutung aus roher Wurzel e.rbaut worden 
wäre. 
Die Wahl eines Platzes für die neue Hauptstadt war 
nicht leicht; 8 Jahre sind bis zur Entscheidung vergangen. 
Die Hauptstadt sollte im Staate Neusüdwales liegen und 
mindestens 100 Meilen (160 km) von Sydney entfernt sein. 
Nunmehr hat sich das Parlament für eine Stelle an der 
von Sydney nach Melbourne führenden Bahn, die etwa 
300 km von Sydney und 625 km von Melbourne entfernt 
istj entschieden. Auf dem Gelände, das dem Staatenbunde 
als Staatseigentum (Federal Territory) gehört, liegen zwei 
kleine Orte Yaß und Canberra, die aber nicht etwa den 
Kern der neuen Stadt bilden sollen, diese wird vielmehr 
vollständig neu angelegt. Das Staatsgelände, das für die 
Hauptstadt zur Verfügung steht, ist ungefähr ein Quadrat 
von 20 km Seitenlänge, dessen natürliche Grenzen der Yaß- 
fluß im Norden, der Lake George im Osten und der 
Murrumbidgee« und Melonglofluß im Südwesten, Süden 
und Südosten sind. Das Gelände ist wellig und zum Teil 
mit Eichen, Eschen, Pappeln, Weiden usw., auch mit 
Nadelholz bewachsen. Der Boden ist fruchtbar und bringt 
außer jenen Bäumen Rosen, Chrysanthemen und Obst in 
üppiger Fülle hervor. Die Höhenlage schwankt zwischen 
300 m über dem Meeresspiegel im Tale des Murrumbidgee 
und 670 m am Lake George. Die Baustelle für die Bun 
deshauptstadt selbst liegt auf 550 m Seehöhe. Die mittlere 
Frühjahrstemperatur isti8°C., die des Sommers 21 0 C., 
die des Herbstes 13 U C. und des Winters 11,5 0 C. Die 
höchsten und niedrigsten Temperaturen — aber nur in 
Ausnahmefällen — sind 4- 40,5° und — 6° gewesen. Die 
Regenhöhen in den vier Jahreszeiten betragen 153 mm, 
150 mm, 159 mm, 153 mm. Das Klima ist also sehr gleich 
mäßig. 
Die Wasserversorgung der neuen Stadt wird keine 
Schwierigkeiten machen. Es kann entweder eine Wasser 
leitung mit natürlichem Gefälle von einem Nebenflüsse des 
Yaß angelegt werden, der 62 km von der Hauptstadt ent 
fernt etwa 95 m höher als diese liegt, oder aus einer Tal 
sperre im Tale des Murrumbidgee Wasser entnommen 
werden, das aber künstlich gehoben werden müßte. Das 
Niederscblagsgehiet der erstgenannten Anlage Ist 114 qkm 
groß, reicht also zur Versorgung einer ziemlich großen 
Stadt aus. Man will zunächst eine enge Rohrleitung an- 
legen, und sie dem Wachstum der Stadt entsprechend er 
weitern oder verdoppeln. Die Kosten werden auf 6 060 000 M. 
geschätzt, wovon 140 000 M. vorläufig zurückbehalten wer 
den können und erst zum Ausbau bei zunehmender Be 
völkerung verwendet werden sollen, wenn die erste Anlage 
unzureichend wird. Mit dem Bau der an zweiter Stelle 
in Frage kommenden Talsperre ist vor einiger Zeit be 
gonnen worden, sie wird den Wasserspiegel des Murrum 
bidgee an einer 30' km von der Hauptstadt entfernten Stelle 
um etwa 60 m heben, so daß der Höhenunterschied, der 
jetzt 95 bis 165 m beträgt, stark vermindert wird; die An 
lage der Wasserleitung mit künstlicher Hebung des Wassers 
wird dadurch wesentlich erleichtert. 
Das wellige Gelände mit dem tiefer liegenden Flusse 
bietet für die Entwässerung alle Vorteile, die man ver 
langen kann. 
Bausteine sind in erreichbarer Nähe zu haben, Sand 
stein sogar in unmittelbarer Nachbarschaft und Kalkstein 
in wenigen Meilen Entfernung, Auch Marmor wird nahe 
bei gebrochen, noch dazu in einem an der Eisenbahn ge 
legenen Bruche, so daß die Anförderung keine Schwierig 
keiten macht. 
Eine aus Bausachverständigen bestehende Kommission 
hat schon einen Bericht über die zu errichtenden öffent 
lichen Bauten ausgearbeitet und deren Kosten schätzungs 
weise ermittelt. Es ist in Aussicht genommen: der Bau 
eines Parlamentsgebäudes mit einem Aufwand von 15 000 000 
Mark und einer Bauzeit von 7 Jahren, eines Palastes für 
den Gouverneur mit 1 500 000 M. und drei Jahren Bauzeit, 
eines Regierungsgebäudes für 16250000 M., von dem die 
am notwendigsten gebrauchten Teile binnen Jahresfrist 
hergestellt werden sollen, während der vollständige Ausbau 
5 Jahre dauern soll; endlich der Bau eines Nationalmuseums 
für 3 000 000 M. mit einer Bauzeit von 10 Jahren. Für 
Straßeoherstellungen u.dgl. sind 5 000 000 M. und für kleinere 
Amtsgebäude noch 1 600000 M. vorgesehen. Daß die auf 
blühenden Staaten von Australien imstande sind, die Aus 
führung von Plänen, die so erhebliche Kosten erheischen, 
ernstlich ins Auge zu fassen, beweist, daß sie sich in sehr 
günstigen Geldverhältnissen befinden und großes, anschei 
nend berechtigtes Selbstbewußtsein besitzen müssen. Der 
in Privathänden befindliche Grund und Boden, der für die 
Zwecke der neuen Stadt vom Staate erworben werden 
muß, wird auf 200 M. für 1 ha geschätzt.
	        
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