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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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ausschließlich freie Kräfte im Haushalt der Natur verwandt; 
Die reinigende Wirkung der Bodenschichten, die das Wasser 
durchlaufen muß, die Tätigkeit des Sauerstoffs in der Luft, 
die Totes und Verbrauchtes zersetzt, und die vielfache und 
geheimnisvolle, lebendige umformende Arbeit, die von pflanz 
lichen und tierischen Kleinlebewesen verrichtet wird. Die 
verschwiegenen, immer neues Leben schaffenden Werk 
stätten der Natur haben die Forscher durchleuchtet, alle die 
segensvollen Kräfte beherrschen gelernt — und dieser stillen 
Arbeit ist es im wesentlichen zu danken, daß die Sterblich 
keit in unsren Städten von 28—30 aufs Tausend auf etwa 
18—20 herunterging, d. h, das Hunderttausende von Men 
schen mehr leben bleiben wie früher und Milliarden für 
die Volkswirtschaft verdienen. Hunderte von Millionen sind 
für Wasserversorgungen und Abwasseranlagen in kurzer 
Zeit verwendet worden — und jeder Schritt fast war neu. Bis 
vor wenigen Jahren gab es keine allgemein gültige Lehr 
meinung für das, was bei solchen Bauten zu beachten war; 
auch jetzt noch gehen die Meinungen in vielen Einzel 
heiten weit auseinander, und noch heute muß der Ent 
werfer für diese Anlagen, die so große Mittel fordern, und 
von denen so vieles für die Volksgesundheit abhängt, nicht 
nur ein erfahrener und sachkundiger Ingenieur, sondern 
vor allem ein Gestalter sein. 
Auch diese Anlagen haben das Städtebild geändert. Die 
Brunnen von den Straßen und Plätzen verschwanden, und 
dann die Rinnsteine. Damit war die Möglichkeit gegeben, 
die Straßen so zu pflastern, wie wir es heute in gut ver 
walteten Städten sehen, und nun erst konnte man die Stadt 
ordentlich rein halten. Neben diesen erfreulichen Er 
scheinungen aber gingen auch weniger erfreuliche einher. 
Für die Städte im flachen Land ergab sich die Notwendigkeit, 
große Behälter hoch über der Bebauung anzulegen, um das 
aufgespeicherte Wasser den Häusern mit dem wünschens 
werten „Druck“ zuzuführen. Auch das war eine städte 
baulich ganz neue Aufgabe und sie wurde zunächst kaum 
beachtet. Der Ingenieur, der das Wasserwerk plante, entwarf 
den Behälter fast immer nur seiner Größe nach, und stellte 
einen mehr oder weniger hohen Sockel darunter. Später 
und bis in die neueste Zeit wurden die Wasserwerke 
meist von Firmen gebaut, die hauptsächlich darauf sahen, 
daß das Werk gut arbeitete, und daß sie dabei ihre Rech 
nung fanden, denen aber die künstlerische Ausgestaltung 
der Bauten entweder fern lag oder gleichgültig war. Jetzt 
nachdem sich der Blick geschärft hat, seitdem man sieht, 
daß der Wasserturm die Ansicht einer Stadt beherrscht 
wie wenige Bauten, daß er oft genug das Wahrzeichen 
einer modernen Stadt ist in. dem Sinne, wie es früher 
Kirchen und Dome waren . . . jetzt empfinden es freilich 
die meisten, wie unbefriedigend die Ausbildung der Wasser 
türme ist, und wie sie oft genug ein harmonisches Städte- 
und Landschaftsbild zerstören. Und nun haben sich aus 
den Fehlern heraus nach und nach auch für die Wassertürme 
Formen herausgebildet, die ihn selber befriedigend gestalten 
und ihn in das Städtehild passend eingliedern können. 
Große Städte haben schon vor Jahren damit ange 
fangen, diese Arbeiten in die Hände von Gestaltern zu 
legen. So ist der schöne Wasserturm von Mannheim zu 
stande gekommen, den Halmhuber entworfen hat. (Tafel 
89 a). Er enthält noch keine neuen Ausdrucksmittel, aber 
die erprobten Formen, vorhandener Architekturen sind mit 
gutem Geschmack zweckentsprechend benutzt, und ist damit 
ein Bau geschaffen worden, der künstlerisch befriedigt, und 
in seinem Aussehen seinem Zweck nicht widerspricht. 
Begabte Architekten fanden dann allmählich neue Formen 
und Linien, die den neuen Gedanken Ausdruck geben sollten, 
und es entstanden hier und da moderne Bauten, die geradezu 
vorbildlich sind für die Wege, auf denen weiter gegangen 
werden muß. So z. B. der krönende Turm eines Haupthoch 
behälters für die Wasserversorgungsanlagen im Selzer Gebiet 
(Tafel 90a), der einer Veröffentlichung des Baurat v. 
Boehmer, dem Vorstand der Großherzoglichen Kultur 
inspektion in Mainz, entnommen ist. Wie reich und viel 
fältig die Ausdrucksmittel des Architekten für solche Bauten 
sein können, zeigt die schöne, mit dem ersten Preis eines 
Wettbewerbs gekrönte Lösung, die O. Menzel, Dresden, 
für einen Hochbehälter in Hamburg-Winterhude fand 
(Tafel 91b).*) 
Aber häufig genügt es nicht, Bauten zu gestalten, die 
selber schön sind und die vielleicht auch von einer her 
vorragenden Stelle aus künstlerisch wirken, sondern man 
muß sie in Beziehung bringen zu der gegebenen Umriß 
linie einer Stadt oder einer Landschaft. So war es hei 
dem von mir für Neuhaldensleben geplanten Wasserwerk. 
Die alte Stadt liegt, beherrscht von den Formen der sie 
überragenden Kirchendächer und einiger Stadttürme, eben 
im Land, und der Wasserturm mußte auf eine Anhöhe 
gebaut werden, die die Stadt wenig überragt. Hier fand 
der Stadtbaumeister Flock in der Liebe für die Stadt seines 
Wirkens der technischen Aufgabe eine glückliche archi 
tektonische Lösung, indem er dem ganz einfachen Turm 
die schwere, beherrschende Masse und die gleichen Dach 
formen gab, die die alten Stadttürme haben, und nun gibt 
das Ganze ein schönes, einheitliches Bild (Tafel 90 b). 
Ähnlich lagen die Verhältnisse in Finsterwalde, wo von 
Professor Goeckp ein Bebauungsplan, zugleich aber der 
Entwurf eines Wasserwerkes von einer Dresdner Firma 
ausgearbeitet wurde. Hier sorgte Ooecke dafür, daß dieser 
Turm dem Charakter der Stadt entsprechend gestaltet 
wurde, in der er auf einen freien Platz gestellt werden 
muß. Das Schaubild, Tafel 92, stellt den von den Archi 
tekten Steinbrucker & Räuber geplanten Turm dar. 
Sehr reizvolle Bauten können entstehen, wenn man 
dem ragenden Wasserturm vermittelnd und zur Stadt 
bebauung überleitend das Maschinenhaus angliedern kann. 
Zwei schöne Beispiele dafür sind in den Veröffentlichungen 
des K. bayrischen Wasserversorgungsbureaus enthalten. 
Der Wasserturm Abb. c, Tafel 91, ist von Gehr. Rank in 
München, entworfen und in Feldkirch erbaut. Er würde sich 
mit seinen schlichten Formen und dem mit Fachwerksbau 
umkleideten Oberteil sicher sehr gut in unsere kleinen mittel 
deutschen Städte eingliedern, und deren Anblick ver 
schönen. Noch einfacher und schlichter, aber mindestens 
ebenso reizvoll ist der von den gleichen Architekten ent 
worfene Wasserturm für Putzbrunn (Abb. d), der so glück 
lich den Charakter einer dörflichen Ansiedlung trifft, wie 
man es von so modernen Bauten wie Wassertürme, kaum 
hoffen durfte. 
Bei industriellen Niederlassungen, großen Fabriken, 
Hütten und Zechen kann es angebracht sein, auf die ar 
*) Welche Verirrung dagegen, die den Allerneuesten Wasserturm im 
Zuge des Landwehrkanals zu Berlin als alten Nürnberger Wehrturm ver 
kleidet bat! D. 8.
	        
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