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Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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förmig gestalteten Baublockes ist ebenfalls zu 60 m an 
genommen. 
So weit die mehr oder weniger in jedem Bebauungs 
pläne zu berücksichtigenden Anlagen! Darüber hinaus ist 
aber beiderseits der Eisenbahn gewissermaßen als Rück 
grat für das zusammenhängende Bebauungsgelände je eine 
sogenannte Parkstraße eingefügt worden und zwar einmal 
um im Hinblick auf das Gesamtbereich von „Groß-Berlin“ 
großzügige Verbindungen im radialen Sinne zu schaffen, 
an der sich auch weiter nach außen hin die Bebauung 
fortsetzen kann, zum anderen aber, um die alten vorhan 
denen Landstraßen, die zweckmäßig zur Aufnahme von 
Straßenbahnen benutzt werden, zu entlasten und die ver 
schiedenen Parkanlagen der einzelnen Gemeinden, vom 
Treptower Park der Stadt Berlin angefangen, unter sich 
zu verbinden. Weiter ist eine dritte Farkstraße quer Über 
das ganze Bebauungsgelände in Vorschlag gebracht, eben 
falls mit Berührung vereinzelter Parkanlagen als Anfang 
einer großen Ringstraße, die einmal Groß-Berlin im Süd 
osten durchziehen wird, um womöglich den Anschluß an 
den Grunewald zu gewinnen. Die Linienführung dieses 
Straßenzuges wird natürlich von dem weiterreichenden 
Plane abhängig sein-, das Stück in der Entwurfsskizze ist 
so gelegt, daß die Spree, die Eisenbahn und der Teltow 
kanal möglichst rechtwinkelig überquert werden. Diese 
Parkstraßen sind So m breit angenommen, wovon 20 m 
auf eine in der Mitte anzulegende Hauptstraße (mit Rück 
sicht auf den Automobilverkehr) entfallen und je weitere 
20 m zu beiden Seiten dieser Fahrstraße auf Parkstreifen, 
die dann noch je 10 m breite Vorfahrtstraßen von der Be 
hauung trennen; Vorgärten, soweit sie nicht wie im Land- 
hausgehiete erfordert werden, erübrigen sich hier, da sie 
gewissermaßen von den vorliegenden Parkstreifen ersetzt 
werden. Da wo die Parkstraßen an Parkanlagen Vorbei 
gehen, ermäßigt sich die Breite auf 50 m, da dort der 
eine Parkstreifen mit der Parkanlage selbst zusammen 
wachsen kann. Sollte sich die Breite von 80 m nicht oder 
nicht überall erreichen lassen, so würde.man bis auf 50 
bis 60 m Breite heruntergehen können, so daß nur ein Park 
streifen mit einer Vorfahrtstraße verbleibt, während die Be 
bauung auf der anderen Seite, vielleicht unter Zwischenschie 
bung eines Vorgartens, an die Hauptfahrstraße heranrückt. 
EINE DEUTSCHE STADT 
VOR HUNDERT JAHREN. Hierzu 79 . 
Von E. BRAUN, Stadtbaurat a. D., Ulm a. d. Donau. 
Die Reichsstadt Ulm war durch den Frieden von Lune- 
ville vom 9. Februar 1801 an Bayern gekommen und 
wurde mit Staatsvertrag vom 18. Mai 1810 der Krone 
Württemberg einverleibt. Ulm hatte damals 14000 Ein 
wohner und war in seinen wirtschaftlichen Verhältnissen 
durch die Kriegszeiten aufs tiefste geschädigt. Aus dieser 
Übergangszeit stammt unser Stadtplan (Maßstab: 100 Schuh 
= 29,186 m). Er gibt in vorzüglicher Horizontalaufnahme 
eine getreues Bild des mittelalterlichen Ulm innerhalb der 
alten Stadtmauer. Von späteren Festungswerken sind nur 
noch einige Reste erhalten. Diese zeigen sich auf dem 
Plan hauptsächlich im Südwesten, wo hoch über der 
Donau mit prächtigem Blick auf die alte Stadt die Bastei 
Lauseck steht. Mehr westlich, mit ihr durch einen ge 
deckten Gang verbunden, an dem Verlaufe des Wegnetzes 
kenntlich, liegt die Bastei Regimentsschultheiß, dadurch 
merkwürdig, daß gegen ihre Innenseite für die Besatzung 
das sogenannte Soldatenstädtlein des Stadtingenieurs Fur- 
thenbach angefügt worden ist, eine für die damalige spät 
mittelalterliche Zelt geniale Lösung der Wohnungsfrage, An 
fünf kurzen, die lange Mauerflucht mit ihren aneinander 
gereihten Soldatenhäuschen unterbrechenden Querstraßen 
stehen geschlossen die einstöckigen Häuschen mit Küche, 
Wohnzimmer, Kammer und Dachraum. Heute werden sie 
um hohen Preis gehandelt und erweisen damit ihre Zweck 
mäßigkeit. Den beiden Basteien gegen Westen vorge 
lagert ist ein tief in den Jurafelsen eingesprengter Graben, 
das Ablaufwasser der Blau gegen dem Kobel, der die Stadt 
von den Hochwassern des Blauflusses entlastet, indem er 
sie unmittelbar der Donau zuführt. Aus den in Privat 
besitz übergegangenen Flächen dieser Werke ist mit der 
Zeit eine kleine Landhausniederlassung geworden, deren 
reich bepflanzte Gärten den auf der durchgehenden Pro 
menadenstraße Vorübergehenden mit ihren offenen Ein* 
blicken ebenso erfreuen wie die Besitzer selbst. 
Von der weitausschauenden Höhe der Basteien, die 
uns hauptsächlich das Münster über Eck in schönster 
Stellung zeigt, steigen wir durch den Henkersgraben, der 
noch das dreieckige Henkershaus mit dem windschiefen 
Walmdach aufweist, den „Himmel“, den „Hohentwiel“, tief 
hinab zur Gasse „Im Loch“ mit ihrer sägeartigen Ausbildung 
der Baufluchten. Wir stehen an den beiden Blauarmen, 
ursprünglich zu Verteidigungszwecken künstlich angelegt, 
später in reichstem Maße wirtschaftlichen Zwecken dienst 
bar gemacht, die gegen Nordosten eines der reizvoll 
sten Vorstadtviertel abschließen. „Unter den Fischern“ 
heißt es hier und wahrlich, wer im hellen Sonnenlicht oder 
im geheimnisvollen Schein des Mondes mit offenen Augen 
sich durchschlängelt, der kommt auf seine Rechnung. Die 
Hauptverkehrsrichtung geht der Donau zu; wie die knor 
rigen Äste eines mehrfach gekrümmten Stammes schließen 
sich die Seitengäßchen und Höfe, die Stege und Brücken 
an. Überall die lebendig bewegte Welle, Vorsprünge und 
Inseln bildend, rauschende Wehre, schäumende Räder, 
hohe Bäume, üppige Gärtchen eingestreut, hängende Holz 
giebel, mächtige Lauben, schmal aufragend und weit ins 
Wasser vorgebaut, jedes Plätzchen zweckmäßig ausgenutzt, 
jedes Anwesen bequem zugänglich, vor uns gegen Nordost 
hochaufgebaut die Mauern der Oberstadt, voll lauschiger 
Winkel und harmonischer Durchblicke — die hellste 
Freude muß jeder an diesen reichen Schönheiten haben, 
die mit den einfachsten Mitteln, nur aus der Befriedigung 
der unmittelbaren Bedürfnisse heraus, zusammengewachsen 
sind.
	        
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