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Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Was gerade New York durch rechtzeitigen Ankauf 
von Grundstücken nicht nur hätte tun können, sondern 
noch immer tun könnte, geht aus folgenden Zahlen her 
vor. Das Herz von New York, die Insel Manhattan, für 
deren *14 038 acres in Bausch und Bogen im Jahre 1626 
noch die Summe von 24 Dollars bezahlt worden ist, hatte 
im Jahre 1907 einen veranlagten Steuerwert für Grund und 
Boden nebst daraufstehenden Gebäuden von 2712 261 571,00 
Dollars, der bereits im Jahre 1908 auf 2811 593551 Dollars 
gestiegen war. Da in dieser Schätzung der Wert der 
Straßen und Parks nicht einbegriffen ist, betrug der ver 
anlagte Steuerwert in Manhattan also durchschnittlich mehr 
als 4 Millionen Mark für 1 Hektar, und da der veranlagte 
Wert nur 80—90% des wirklichen Wertes darstellt, war 
die Wertsteigerung in einem einzigen Jahre für Manhattan 
mehr als 100 Millionen Dollars. Manhattan umfaßt jedoch 
nur 6,7 % des Bodens der Stadt New York. Für ganz 
New York betrug in den drei Jahren von 1906—1908 die 
Steigerung 475 931 851 Dollars, also beinahe 2 Milliarden 
Mark. Von dieser Wertsteigerung entfielen 43,5 % auf das 
nur 6,7 % vom Stadtgebiet umfassende Manhattan. Die 
Propagandaschrift einer New Yorker Bodengesellschaft, 
die in der Ausstellung verteilt wurde, sagt naiv: „Eine ein 
fache mathematische Berechnung ergibt für die Besitzer 
des Grund und Bodens von New York in den nächsten 
10 Jahren einen Nutzen von 2278 Millionen Dollars“. Das 
Steigen der New Yorker Bodenwerte war in der Ausstellung 
durch Würfel verschiedener Größe sehr eindrücklich vor 
Augen geführt; daneben fragte ein Plakat: 
„Wer hat das Steigen verursacht? 
Wer hat den Vorteil davon? 
Wer bezahlt die Steuern dafür? 
Wer bezahlt die gestiegenen Hausmieten? 
Könnte Manhattan seine notwendigen öffentlichen Ar 
beiten bezahlen, wenn ihm ein Teil dieser Wertsteigerung 
zugefallen wäre?“ 
Die Kurzsichtigkeit einer Stadtverwaltung, die unge 
rüstet derartige Bodenpreise an sich herankommen läßt, 
wird gut beleuchtet durch die Tatsache, daß New York 
bereits jetzt an einem erst im vorigen Jahre mit Carnegie 
eingegangenen Vertrage krankt, in dem Carnegie sich zum 
Bau von mehreren Bibliotheken jährlich im Werte von 
zusammen 5 Millionen Dollars und die Stadt sich zur Be 
reitstellung der dazu gehörigen Bauplätze verpflichtete; 
dieser Verpflichtung hat New York infolge der teueren 
Bodenpreise in letzter Zeit aufgehört uachzukommen. Von 
weit größerer Bedeutung als dieses Versäumnis ist folgen 
des: im Jahre 1908 mußten 54600 New Yorker Schulkinder 
aus Mangel an Platz auf halbe Unterrichtszeit gesetzt 
werden und das, obgleich in den Jahren 1898—1907 
72 Millionen Dollars für den Bau städtischer Schulen aus 
geworfen wurden, während gleichzeitig die laufenden Aus 
gaben für Schulzwecke von 12 auf 26 Millionen Dollars im 
Jahr gestiegen sind. Der in den Jahren 1896-1906 durch 
schnittlich gezahlte Preis für Schuibauplätze war in Süd- 
Manhattan (südlich der 14. Straße) 9 Dollars für 1 Quadrat 
fuß, also etwa 4 Millionen Mark für 1 Hektar, gegen 1,60 
Dollar für 1 Quadratfuß in der Vorstadt Richmond. Was 
eine weitsichtige städtische Bodenpolitik für die Schul 
kinder bedeutet hätte, geht auch hervor aus einem Ver 
gleich zwischen der Zahl der Sitzplätze in den Schulen 
der verschiedenen Stadtteile und der Größe des Bauplatzes, 
auf dem die Schulen erbaut sind. Während nämlich in 
den Schulen der Vorstadt Richmond jedem Sitzplatze 
102 Quadratfuß Bauplatz entsprechen, geht die verhältnis 
mäßige Größe des Bauplatzes beständig zurück, je teurer 
der Grund und Boden in dem Stadtteile der Schule ist, und 
in Manhattan südlich der 14. Straße kommen auf einen 
Sitzplatz nur noch 8,7 Quadratfuß, also fast nur */„ des in 
der Vorstadt verfügbaren Raumes, 
Außer dem in New York bisher noch nicht gepflegten 
rechtzeitigen Ankauf von Grundstücken, so lange sie noch 
wohlfeil sind, wurde in der Ausstellung ein anderes Mittel 
vorgeschlagen, um die Stadt vor den allzu hohen Finanz 
lasten zu beschützen, die ihr aus der Erfüllung unumgäng 
licher Pflichten unter dem jetzigen System erwachsen. Es 
handelt sich um die sogenannte Excess-condemnation, die 
überall da zur Anwendung kommen kann, wo die Stadt 
Verbesserungen vornimmt, die den Wert der umliegenden 
Grundstücke steigern, also bei der Anlage von Parks, bei 
Straßendurchbrüchen, dem Bau neuer Verkehrslinien usw. 
Um in Manhattan Raum für die zwei Brückenköpfe der 
Williamsburg-Brücke und der Blackwell Island-Brücke 
(beide nach Brooklyn) zu schaffen, hat New York in den 
Jahren 1899—1906 beinahe 9 Millionen Dollars für Enteig 
nungen ausgegeben. „Dies Geld ist vergeudet“, verkün 
dete ein Anschlag in der Ausstellung; zur Begründung 
zeigte der nächste Anschlag, wie in London ähnliche um 
fangreiche Enteignungen ohne Kosten für die Stadt durch 
geführt werden, indem die Stadt mehr Land enteignet«, 
als sie braucht und den Rest nach Durchführung der Ver 
besserung zu gestiegenen Preisen wieder verkauft. Zur 
Ermöglichung derartiger Excess-condemnations würde in 
New York — ebenso wie in Berlin — eine Änderung des 
bestehenden Rechtes erforderlich sein. 
Dasselbe wäre nötig zur Ausführung eines Vorschlages 
verwandter Art, den der City-Club der Ausstellung mit 
geteilt hat und der die finanzielle Grundlage für eine neue 
Untergrundbahn schaffen möchte. Die Verkehrsverhält 
nisse New Yorks bilden ein umfassendes Kapitel für sich. 
Bis* jetzt ist es noch nicht gelungen, # die Hunderttausend« 
von Angestellten im Geschäftsviertel Süd-Manhattans in 
einer anständigen Weise von und zu ihren Wohnungen, in 
andere Stadtteile zu befördern. New Yorks Kampf um 
neue, bessere und nicht zu teure Untergrundbahnen tobt 
gerade jetzt wieder heiß. Die vom City-Club ausgestellten 
Tabellen weisen im einzelnen die plötzliche Wertsteigerung 
von in der Nähe neuer Verbindungslinien gelegener Grund 
stücke nach und zeigen, wie die Besitzer der anliegenden 
Grundstücke die Kosten der dringend benötigten neuen 
Linien tragen könnten, daß sie obendrein noch Gewinn 
daraus ziehen könnten und das alles ohne der Stadt Kosten 
zu verursachen. Im übrigen — so folgert der geistreiche 
John Martin — werden die Kosten einer neuen Unter 
grundbahn unter allen Umständen doch bezahlt werden, 
und zwar gleichviel, ob die Bahn gebaut wird oder nicht. 
Wird sie nämlich nicht gebaut, so müssen die Mieten in 
den tiberfüllten Vierteln im selben Zeitmaße wie bisher 
weiter steigen, d. h. 1% Millionen Menschen oder 300000 
Familien werden um durchschnittlich 75 cents (3 Mark) 
im Monat in ihren Hausmieten gesteigert, d. h. sie bringen 
jährlich 2700000 Dollars oder eine 5%ige Verzinsung für 
54 Millionen Dollars auf, was genug wäre, eine neue 
Untergrundbahn zu bauen. Statt aber zum Bau der Bahn
	        
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