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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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weder vollständig gerade oder in leichter Krümmung, 
immer aber in straffer Richtung 'auf das nächste Ziel hin 
geführt. 
In dieser Hinsicht zeigt die Gartenvorstadt einen be 
merkenswerten Gegensatz zu unserem neueren System der 
Straßenführung. Die Gegnerschaft wider das alte „Schema** 
der geraden Straße hat bei uns eine Moderichtung der 
gekrümmten Straße hervorgebracht, die nicht minder 
„schematisch“ zu werden droht als ihre Vorgängerin. Die 
Krümmung ist bei manchen Stadterweiterungen zum Selbst 
zweck und zur Schablone geworden, die die Aufgabe der 
Technik des Bebauungsplanes aus den Augen verloren hat. 
Die krumme Straße ist gut, wo sie im Gelände und in der 
Verkehrstechnik begründet ist, aber zur Künstelei darf sie 
nicht werden. Eines der besten Beurteilungsmittel für die 
Tauglichkeit eines Bebauungsplanes scheint mir darin zu 
liegen, daß die Straßenführung eine leichte Orientierung 
gestattet. In dem sogenannten Straßengewirr der mittel 
alterlichen Stadt wird sich derWanderer fast immer zurecht 
finden. In der neueren Stadtanlage ist es mir dagegen regel 
mäßig begegnet, daß ich, trotz guter Übung in Städtebesich 
tigungen, jede Orientierung im Straßennetzverloren habe und 
keinerlei Plan oder Richtung in der Straßenführung erkennen 
konnte. Die Gegnerschaft wider das alte Schema richtete 
sich nicht gegen die gerade Linie im Städtebau, sondern 
gegen deren gedankenlose, unkünstlerische Anwendung. 
In dem Bebauungsplan der Gartenvorstadt ist die 
straffe Richtung in der Linienführung zum Ausdruck ge 
bracht, jedoch unter Verwendung künstlerischer, bau 
technisch vorteilhafter Wirkungen. Gehen wir nun zu den 
einzelnen Mitteln über, durch die die Erbauer das Straßen- 
bild zu beleben suchten, so ist zunächst zu erwähnen die 
perspektivische Straßenanlage. Einzelne Straßen sind bei 
schnurgerader Richtung derart angelegt, daß die Straßen 
wände abschnittweise, gleich den Staffeln der Theater 
kulissen, näher zusammenrücken, wodurch, insbesondere 
bei leicht ansteigendem Gelände, eine treffliche Straßen 
perspektive erzielt wird. Die Wirkung ist aus der Garten 
architektur des Barock bekannt und hat in unserm Bei 
spiel eine gute Verwendung gefunden. Die von dem kleinen 
Teich ausgehende Straße „Temple Fortune Hill“ zeigt in 
ihrem Verlauf die perspektivische Staffelung des Straßen 
körpers und der angrenzenden Bauwerke. Für die archi 
tektonische Gestaltung ist diese Anordnung recht wirksam. 
An zweiter Stelle ist erwähnenswert die reichliche An 
wendung der alten Sackgasse in einer dem neuzeitlichen 
Städtebau entsprechenden Form. In einer ganzen Reihe 
von Abwandelungen und Wiederholungen ist die Sackgasse 
eingefügt und überall mit ansprechender Wirkung. Diese 
Gassen erfüllen} auf dem Hauptgebiet unseres neueren 
Städtebaues, der Anlage reiner Wohnbereiche, zwei wichtige 
Aufgaben: tiefe Grundstücke in einfachster Form aufzu 
schließen und den durchgehenden Verkehr von den Wohn 
lagen fernzuhalten. Die Architekten der Gartenvorstadt 
haben diesen doppelten Zweck erreicht, indem sie von den 
Hauptwegen aus in das aufzuteilende Gelände kurze Gassen 
hineingetrieben haben, die lediglich als Zugang zu den sie 
umschließenden Gebäuden dienen. Der Bedeutung der 
verkebrslosen Wohnstraße und Aufleilungsstraße ist in 
meinem „Handbuch des Wohnungswesens“ eine so aus 
führliche Darstellung gewidmet, daß ich wohl auf die Aus 
führungen S. 186 ft. verweisen darf, ln der dort wieder 
gegebenen Abbildung 31 (a, a, O. S. 189) finden wir übrigens, 
wenn wir sie auf den Maßstab großer Weiträumigkeit ver 
breitern, das alte deutsche Vorbild für die Hofgassen der 
neuen Gartenvorstadt. 
Ferner sind noch die Straßengabelungen zu nennen, 
als deren wirkungsvollste mir der Hampstead- und Wills- 
fieldway erscheint. In ihrer Einfachheit ist die Anlage 
zugleich trefflich berechnet für die vorteilhafte Stellung der 
Hausbauten, die hier auf günstige Weise zur Geltung ge 
langen.*) 
Wenn wir im voraufgehenden eine Reihe bemerkens 
werter Grundzüge der Straßenführung besprochen haben, 
so gelangen wir jetzt zu einer Einzelheit, die den Zusammen 
hang zwischen Bebauungsplan und Gebäudearchitektur 
besonders deutlich zeigt. Eine in der Gartenvorstadt über 
aus häufig wiederkehrende Anordnung ist die Schaffung 
rechteckiger Freiflächen, die auf drei Seiten von Gebäuden 
umschlossen sind (vgl. das Schema im Textbilde). Diese 
Anlage in Form des an einer Seite offenen Rechtecks kehrt 
so häufig wieder, daß sie fast als typisch für denjenigen 
Teil der Gartenvorstadt gelten kann, in dem der geschlossene 
Reihenbau zur Anwendung gelangt ist. 
Um es gleich hervorzuheben: die besondere Wirkung 
dieser Bauweise liegt nicht darin, daß sie eine Platzanlage 
abseits der Straße schaffen will; sondern vielmehr darin, 
daß die den Platz umgebenden Gebäude durchweg ein 
heitlich behandelt sind. Wir nähern uns hiermit wiederum 
der Wirkung, den der französische Städtebau zu Ausgang 
des 16. Jahrhunderts herausgearbeitet hat: die einheitlich 
umbauten „places a Symmetrie“, an die sich bald die 
symmetrisch behandelten Straßenzüge anschlossen.**) 
Als Platzgestaltung ist die in der Gartenvorstadt durch 
geführte Anlage des offenen Rechtecks äußerst befriedigend. 
Die Raumwirkung entspricht den Forderungen des neueren 
*) Vgl. über die Straßengabelung „Handbuch“ S. 18a ff. 
••) Vgl. „Handbuch“ S. 44. Ich bemerke, daß die erste Heraus 
bildung der Symmetrie im Städtebau noch der Renaissance angehßrt; die 
allgemeine Ausdehnung auf die einzelnen Straßen fällt allerdings unter das 
Barock. Vgl. „Handbuch“ S. 49, letzter Absatz.
	        
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