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Volume H. 7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 6.1909 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb. 3. Luxemburg. 
trutzige Gefängnisturm, dort der von 
der Sonne vergoldete leicht - grüne 
Baum, jener die Düsterheit mittelal 
terlicher Justiz dokumentierend, die 
ser die strahlende Freiheit der Natur, 
jener abgeschlossen in seiner Höhe 
durch das feste Dach, abgeschlossen in 
seiner Form durch die düsteren Mau 
ern, dieser ungebändigt in freiester Na 
türlichkeit sich ausdehnend und unge 
hindert zum Himmel strebend. Aber 
auch wo die gärtnerische Kunst ge 
waltet, hat sie meist geschickt zu 
wirken gewußt. Die wundervollen 
Bilder auf dem fünfeckigen Turm 
vom Vestnertorgraben aus und von 
der Brücke an der Insel Schütt 
(Textbild 1) vom Plerrer aus in den 
Graben hinein und vom Spittlertor 
nach der Burg (Textbild 2) sind 
Beispiele geschickter Gartenkunst. 
Noch bringe ich das Bild vom Ein 
gang zur Burg (Abb. 24), wo wieder 
um die ungesuchte Gartenkunst das 
Schönste hervorgebracht hat. Ein 
Nußbaum, ein Kirschbaum, einePappel 
und Efeu vereinen sich mit dem alten 
Gemäuer zu dem Schönsten aller mittelalterlichen Motive. 
Eine Burg habe ich in Deutschland kennen gelernt, 
die entzückende Bilder ähnlicher Art nur kleiner, viel 
kleiner, aber auch viel intimer aufweist wie Nürnberg. 
Das ist die Burg Trausnitz bei Landshut. Man kann 
es wohl als Städtebild bezeichnen, denn es sind offene 
Straßen, die hier hindurchführen — siehe Tafel 51, Abb. 25 
u. 26. Durch den ganz eigenartigen Torbogen tretend, 
erblickt man zur Linken den echten alten unverfälschten 
mittelalterlichen Wehrgang, von welchem aus die Bürger 
sich den Rittern gegenüber wehrten, hier in Trausnitz 
genau so echt und schön erhalten wie in Rothenburg a. T. 
Nur ganz zaghaft wachsen einige wilde Pflanzen über die 
Mauer; das ist der einzige grüne Schmuck und belebt doch 
so außerordentlich das ganze Bild. Das alte Schwedentor, 
von der uralten Linde beschützt, mit der blumigen Wiese 
davor, wird jeder unendlich malerisch finden. Mein Apparat 
hat noch manches schöne Bild erfaßt; es würde zu weit 
führen, alle zu bringen und zu erläutern. 
In Lindau am Bodensee erhebt sich in außerordent 
licher Schönheit der Diebsturm, auch ein Rest mittelalter 
licher Festungswerke. Die zierlichen graziösen Ecktürm 
chen, welche sich an den kolossalen Rundturm anschließen, 
geben diesem Turm die Charakteristik. Der schmale mit 
teilweise zertrümmerten Platten belegte Gang, der zu dem 
Turme führt, ist auch ein öffentlicher Weg — Abb. 27. 
Die Partie beim Josenturm in Schwäbisch-Hall 
scheint eine geschickte Überwindung der Steigung einer 
Straße. Die sehr breiten Auftritte des mit starkem Gefälle 
angelegten Schrittweges bilden einen sehr bequemen Auf 
gang — Abb. 28. 
Der Aufbau des Domes in Limburg a. L., der sich 
auf den Felsen, die aus dem Wasser ragen, erhebt, gibt 
dem ganzen Bilde einen stimmungsvollen Reiz — siehe 
Tafel 52, Abb, 2Q, In Limburg findet man noch manches 
schöne alte Städtebild, ebenso in dem benachbarten 
Diez a. L. 
In ein kleines Nestchen an der Bergstraße führt das 
hübsche Bild, eine Schmiede in Auerbach darstellend. 
Auch hier erhöht der malerische Wuchs einer Akazie den 
Eindruck des Straßenbildes — Abb. 30. 
Berühmt als Stadt mit den interessantesten Straßen 
bildern ist die Hauptstadt Flanderns Brügge. In der 
Tat wird der Reisende die Angaben im Baedeker durch 
aus bestätigt finden. Ein Blick wie derjenige am Quai de 
Rosair zählt zweifellos zu den hervorragendsten und inter 
essantesten Städtebildern — Abb. 31. 
Es ist nicht nur die altertümliche Bauart der Häuser, 
nicht nur der wunderschön im Wasser sich spiegelnde 
Gartenpavillon mit seinen schlanken Säulen, nicht nur der 
schöne Turm ohne Spitze, sondern es ist vor allem das 
dekorative Grün, welches die Schönheiten mit einander 
verbindet, die Härten mildert und die Weichheiten 
malerisch bildet. Ein noch schönerer Blick ist der am 
Quai Vert — Abb. 32. Hier tritt die malerische Wirkung des 
Grüns noch deutlicher in Erscheinung. Jene überhängende 
Weide, die so sehr viel verdeckt und anderes lebendig um 
rahmt, ist von höchster Bedeutung für die Wirkung des ent 
zückenden Bildes. Der Marktplatz in Brügge zeigt die 
wunderschöne Bauart der vlämischen Künstler, die auch 
den berühmten Markt Brüssels zu seiner Bedeutung ge 
bracht haben. Im allgemeinen wird ein längerer Aufent 
halt in Brügge sehr wenig lohnend sein. Es gibt wohl 
kaum eine Stadt, in der die Armut und Unsauberkeit mit 
so deutlicher natürlicher Schrift in das Notizbuch des 
Schönheit suchenden Fremden sich einschreibt. Es ist mir 
mehrfach vorgekommen, daß ich überübelriechendeDünger- 
und Abfallagerungsstätten steigen mußte, die in breitester 
Ungezwungenheit die Straßen des Städtchens zierten. Die 
Kanäle, welche die Stadt durchziehen, sind bedeckt mit
	        
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