Path:
Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
55 
Beides wird ja in gewöhnlichen Fällen wohl immer genehmigt wer 
den. Doch bedeuten die zahlreichen Ausnahmegesuche — abgesehen 
von der Arbeitslast für die damit befaßten Behörden — einen erhebli 
chen Zeitverlust für die Bauherren. Die Ausnahmegesuche müssen von 
denNachbarn sowie der Gemeindeverwaltung anerkannt, von der örtlichen 
Verwaltungsbehörde begutachtet, von der Kgl. Regierung genehmigt 
werden und gehen auf demselben Weg zurück. Auch die Baulinien- 
änderungspläne kosten den Bauherren Zeit und Geld. Außerdem 
entsteht durch die große Zahl der nur auf Grundstückfronten sich er 
streckenden Änderuagspläne Unübersichtlichkeit und Verworrenheit 
ln den Baulinienverhältnissen, 
Um nun den berechtigten Wünschen der Beteiligten und den An 
forderungen modernen, Individuellen Bauens entgegenzukommen, ohne 
bei jedem Baugesuch Zeitverluste und Kosten zu veranlassen, hat der 
Verfasser (zusammen mit dem damaligen zuständigen Verwaltungs 
beamten Herrn E. Nortz,) den Versuch gemacht, für seinen eingangs 
erwähnten Amtsbezirk in geeigneten Gebieten von einer eigentlichen 
Baulinienfestsetzutig abzusehen. Wir machten den Versuch, nur die 
Vorgartenlinien in üblicher Welse, dahinter aber lediglich eine 
„unüberschreltbare Bebauungsgrenze“ festzusetzen. Diese kann 5, 7, 
10 m und mehr hinter der Vorgartenllnie sich befinden, je nach ört 
lichen Verhältnissen. DU Vorgartenbreiten sind also Mindestmaße. 
Die Gebäude dürfen über die „unüberschreltbare Bebauungsgrenze“, 
wie ja deren Name schon sagt, nicht vorrücken. Sie dürfen aber 
ganz beliebig weit dahinter Zurückbleiben. Sie dürfen ferner ln be 
liebiger Richtung zur Straße gestellt werden; d, h sie können — soweit 
dies nicht störend im Straßenbild wirkt — unabhängig von der 
Richtung der Straßenachse nach den Himmelsrichtungen, also praktisch, 
aufgestellt werden. Öffentliche Interessen werden in keiner Weise 
verletzt, dem Baugeschmack des einzelnen wird mehr Freiheit gegeben, 
ein abwechslungsreiches Bild, passend für eine Gartenstadt, entsteht. 
Diese unüberschreltbare Bebauungsgrenze wurde zum Unterschied 
von der normalen Baulinie (die im übrigen für geschlossenes Bau 
system, Verkehrstraßen ohne Vorgärten usw. natürlich nach wie vor 
in Verwendung bleibt) zeichnerisch durch eine blau hinterlegte Linie 
dargestellt, und wird kurz, wenn auch nicht ganz genau, „blaue 
Baulinie“ genannt. Der neue Typus schlug derartig ein, daß alle bis 
jetzt damit befaßten Architekten und Bauherren ihre ungeteilte Freude 
darüber aussprachen. Er wurde bis jetzt angewendet beim General 
baulinienplan von Grünwald, namentlich für die dortige Korsostraße 
mit 10 m Vorgarten-Mindestbreite, dann längs des Isarhanges Pullach- 
Höllriegelsgreuth, in den Villenkolonien Großhadern und Gräfelflng 
und sonst ab und zu in bescheidenem Maße. 
Das Verfahren hat sich bis jetzt bestens bewährt. Mißsfände, 
welche etwa dadurch entstehen könnten, daß z. B, unmittelbar neben 
ein weit im Park zurückstehendes Wohnhaus auf dem Nachbargrund 
stück ein Stall zu stehen kommt usw., können durch besondere orts 
polizeiliche Vorschriften verhindert werden. Solche Vorschriften sind 
für die Gemeinden Grünwald, Gräfelflng und Großhadern bereits ober- 
aufsichtlich genehmigt und ln Kraft. 
Ein weiterer Versuch, bei Baulinienziehung aul die Örtlichkeit 
Rücksicht zu nehmen, bestand in unserem Bezirk darin, daß einzelne 
kleine, besondere Flächen nur auf Grund eines Bebauungsplanes, dann 
aber ganz ohne Baulinien bebaut werden sollen. Es sind dies Flächen, 
wo zwar gebaut werden kann, jedoch aus natürlichen Gründen jede 
Art von Baulinie zwecklos wäre, wie z. B. die Talmulde südlich der 
Ortschaft Grünwald, unten an der Isar, mit einigen hübschen Bauern 
häusern. Von Baulinien kann in dem kesselartigen Gelände mit seinen 
stark gewundenen Wegen keine Rede sein; dennoch besteht kein Be 
denken, in diesem Gebiet noch etwa 3—4 kleine Häuser in gefälligem 
ländlichen Stil errichten zu lassen. Das soll aber nur auf Grund eines 
vorher einzureichenden Bebauungsplanes zulässig sein, welcher alle zu 
erbauenden Häuser und ihre Stellung zueinander und zu den vorhandenen 
Wegen darstellt. Mehr darf dann hier nicht gebaut werden, als der 
genehmigte Bebauungsplan ausweist. 
Das ist also eine Bebauung nach Flächen, z. B. 1, a oder 3 Hauset 
auf das Tagwerk, wo Baulinienziehung nicht möglich oder unpraktisch 
ist. Als derartige Flächen habe ich im Generalbaulinienplan für Grün 
wald die Talmulde und noch einige hierzu geeignete Stellen durch An 
legen mit grüner Farbe und durch rote Schraffur gekennzeichnet. 
Natürlich können die beiden Typen, die „blaue Baulinie“ und die 
„Bebauung nach Flächen und Bebauungsplan“ nicht überall, sondern 
nur in ganz besonderen Fällen Anwendung finden, und sollen keines 
wegs etwa die bauordnungsmäßige Baulinie verdrängen, was ja auch 
gesetzlich gar nicht möglich wäre. 
Beide Typen können vor allem nur bei offener Bauweise und in 
Straßen mit Vorgärten in Betracht kommen, besonders eben in Villen- 
und Waldkolonicn, sog. Gartenstädten, der zweite Typus nur für kleine 
Flächen in stark bewegtem Gelände. 
Architekt Adolf Praaß, München. 
SQdd. Bauzeitung, XVII. Jahrg, Nr, 27, 6. Juli 1907. 
Diesem Hefte sind nur 7 Tafeln beigegeben. Heft 5 wird dagegen n, den engeren Wettbewerb um den Bebauungsplan für Landshut i. B. 
betreffende Tafeln erhalten. 
Die Unterlagen aller zur Ausschreibung gelangenden Wettbewerbe 
können in den Geschäftsräumen des Verlags Emst Wasmuth A.-Q. 
Berlin W., Markgrafenstraße 35, wochcntäglich in den Stunden von 
iO“— 4 Uhr unentgeltlich eingesehen werden. 
Z ur Gewinnung von Entwürfen für einen Stadtpark schreibt Hamburg 
einen IDEEN "WETTBEWERB unter deutschen Künstlern 
ohne Rücksicht auf ihren Wohnsitz im Inlande oder Auslande aus, 
Preise: ein erster von M. roooo,—, zwei zweite von ie M. 6000,—, 
zwei dritte von je M. 4000. 
Drei weitere Entwürfe können zum Preise von je M, 1500,— angekauft 
werden. 
Preisrichter u. a. Baudirektor ZJmmermann, Oberingenieur Sperber, 
Friedhofdirektor Cordes, Architekt Rambatz, Gartenbauingenieur Jürgens 
in Hamburg, Professor Friedrich von Thiersch, München, Gartendirektor 
Heicke, Frankfurt a./M. 
Es soll eine öffentliche Parkanlage geschaffen werden, die den Be 
wohnern der Stadt und ihren Besuchern die Möglichkeit eines durch die 
Kunst veredelten Naturgenusses bietet, zugleich allen Schichten der Be-
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.