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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
64 
KLEINE MITTEILUNGEN. 
D IE ENTLASTUNG DES POTSDAMER PLATZES, 
Diese brennende Frage, die noch immer ihrer Lösung harrt, hat 
Herr Regierungsbaumeister Joh. Hirte in einem, vor kurzem im Architekten- 
verein zu Berlin gehaltenen Vortrage von neuem erörtert und durch die 
Herausgabe einer im Selbstverläge — Markgrafenstt. 94/95 — erschienenen 
Druckschrift in weitere Kreise getragen. 
Der Verfasser geht in der Hauptsache von dem Gedanken aus, daß 
die Maßnahmen, welche bis jetzt von den verschiedensten Seiten vorge 
schlagen seien, nämlich durch Verkehrsregelung, Fahrordnung, Veränderung 
der Bürgersteige und Anlage von Schutzinseln eine Verbesserung der Ver 
hältnisse zu bewirken, nur dazu dienen können, Ordnung zu schaffen, den 
Fuhrwerken und Menschen möglichst gefahrlos zu überschreitende Bahnen 
zu weisen, nicht aber dazu, eine Entlastung des Platzes herbeizuführen. 
Eine Entlastung könne nur eintreten durch teilweise Ablenkung des Fähr 
verkehrs von der Leipziger Straße, der Hauptverkehrsader in westöstlicher 
Richtung unter Umgehung des Potsdamer Platzes, dessen Anlage Hirte 
unverändert lassen will. 
Zu diesem Zwecke schlägt er vor, zu beiden Seiten der Leipziger 
Straße Parallelen auszubauen, die nur dem durchlaufenden Fuhrwerks 
verkehre freie Bahn zu bieten hätten, während der Fußgänger-, Straßen 
bahn- und örtliche Fuhrwerksverkehr nach wie vor durch die Leipziger 
Straße fluten solle. Auf dem Leipziger Platze wären Fuhrwerke und Per 
sonen im Halbkreise herumzuweisen, dagegen die Straßenbahn über die 
Mitte des Platzes durch Rasenanlagen, wie in der Hardenbergslraße zu 
Charlottenburg zu führen. An Stelle der Torhäuschen sollte ein gigan 
tisches Torbauwerk treten, das den Platz in monumentaler Weise zum 
Abschluß brächte. 
Der Ausbau dieser Parallelen bestände in einigen Durchbrüchen und 
zwar solle ein solcher im Zuge der Mohrenstraße in schräger Richtung 
zur NiederwaU-, Alten Leipziger, Kur- und Kreuzstraße, den Spreekanal 
zwischen Jungfern- und Gertraudtenbrücke kreuzend bis zur Scharrenstraße 
führen, die dann am Petrikirchplatz und am Köllnischen Fischmarkte 
einer wesentlichen Verbreiterung bedürfen würde. Die Niederwallstraße 
als Verbindungslinie mit dem Spittelmarkte müßte ebenfalls verbreitert 
werden. Am westlichen Ende solle in Verlängerung der Voßstraße ein 
Durchbruch bis zur Lennestraße führen und von dessen Mitte aus ein 
weiterer Durchbruch die Bellevuestraße kreuzend, geradlinig und schräge 
in die Viktoriastraße münden. Eine überbaute Durchfahrt in der Nord 
westecke des Leipziger Platzes würde ebenfalls zur Entlastung des Pots 
damer Platzes beitragen, durch die auch der Straßenbahnverkehr vom und 
zum Brandenburger Tore von der Mitte des Leipziger Platzes abzuzweigen 
hätte. 
In gewisser Hinsicht schwierig erscheint der den Durchbruch der 
zweiten Parallele einleitende Vorschlag, eine Fahrverbindung unter der 
Potsdamer Bahn hindurch zu schaffen, solange der Bahnkörper in der 
gegenwärtigen Höhe verbleibt. Hieran würde sich ein schräger Durch 
bruch von der Köthener zur Königgrätzer Straße gegenüber der Prinz- 
Albrecht-Snaße schließen und ein weiterer Durchbruch die Zimmerstraße 
in unmerklich abweichender Richtung von der Linden- bis zur Komman 
dantenstraße mit der Neuen CrUnstraße verbinden, von der aus die Ver 
bindung mit dem Petrikirchplatze durch die Grönstraße gegeben wäre. 
Beide Straßen bedürften nur einer unbedeutenden Verbreiterung. Ein 
dritter Durchbruch in der Verlängerung der Lindenstraße bis zur Beuth- 
straße würde auf den Spittelmarkt führen. 
Die beabsichtigte Verlegung der Bahnhöfe — der Potsdamer Bahnhof 
wäre für alle südlichen Ring- und Vorortbahnen und der Anbalter Bahnhof 
für alle südlichen Fernzüge zu bestimmen — hat Herr Regierungsbaumeister 
Hirte bereits vorausgesetzt. Auch wird bei dieser Gelegenheit die Besei 
tigung der Vorgärten am Schöneberger und Tempelhofer Ufer zu Gunsten 
jener schon sehr überlasteten schmalen Fahrdämme gefordert. 
Millionenschwere Vorschläge, werden die Stadtväter sagen — und in 
der Tat würde auch erst eine einigermaßen zutreffende Kostenschätzung 
die Grundlage zu einer weiteren Verfolgung der im übrigen sehr beachtens 
werten Vorschläge zu bilden haben. 
Architekt Franz Steinbrucker. 
T"\ER GARTEN ALS KUNSTWERK lautete ein Vortrag, den 
Garteningenieur Ludwig Lesser am 8. v. Mts. im Hörsaal des 
Kunstgewerbe-Museums im Aufträge des „Vereins für Volksunterhaltungen“ 
hielt. Der Garten, sagte der Redner, unmittelbar am Hause gelegen, muß 
seine Beziehungen zum Hause in seiner Anlage mehr oder Weniger zum 
Ausdruck bringen. Der Park dagegen ist eine idealisierte Landschaft und 
das Haus nur ein Einzelgegenstand in der Landschaft. An der Hand 
vorzüglicher Lichtbilder gab der Vortragende zuerst einen Rückblick auf 
die geschichtliche Entwicklung der Park- und Gartenanlagen und zeigte 
dann, wie die meisten unserer heutigen Gärten durch Nachahmung von 
Parks viel zu gekünstelt und ihrem eigentlichen Zwecke viel zu wenig 
entsprechend sind. In weiteren Lichtbildern zeigte er als Beispiele und 
Gegenbeispiele dieser Behauptung eigene Aufnahmen aus den Gärten 
Berliner Landhaussiedelungen. ln dem Wunsche, unsere Gärten wieder 
an künstlerischem Werte gewinnen zu lassen, sind ebenso aufgeklärte 
Gartenkünstler, wie auch die Vertreter anderer Kunstgebiete, Architekten 
und Maler, jetzt eifrig bemüht, einen unseren heutigen Kunstanschauungen 
entsprechenden künstlerischen Ausdruck des Gartens zu Anden. Ludwig 
Lesser stellte nun am Schlüsse dieses Vortrages für den Garten der Zu 
kunft folgende Forderung auf. Der Garten muß in dem Geiste geschaffen 
werden, in dem das Haus erbaut wurde. Seinem praktischen Zwecke 
muß der Garten in wagerechter Gliederung durch richtiges Einpassen in 
das Gelände und durch praktische Wegeführung vollkommen dienen. 
Seine künstlerische Form erhält der Garten in senkrechter Gestaltung durch 
seinen wichtigsten Werkstoff, die Pflanzen, deren Zusammenstellung in 
höchster Bewertung der ihnen eigenen Farben und Formen nach künst 
lerischen Grundsätzen geschehen muß! 
LJLAUE BAULINIEN, In Fachkreisen bekannt sind die Minis- 
Ä-J ferialerlasse der letzten Jahre, in welchen auf die Wichtigkeit 
sachgemäßer Baulinienziehung für die Orts- und Straßenbilder und auf 
den innigen Zusammenhang dieser grundlegenden Vorarbeiten mit den 
Bestrebungen für Heimatschutz und Erhaltung von Naturschönheiten 
hingewiesen ist. 
Weniger allgemein bekannt dürfte es sein, daß in dieser Richtung 
auch schon praktisch mancher Schritt getan ist. Im Kleinen ist ein 
solcher Schritt vorwärts in der ländlichen Umgebung Münchens ver 
sucht worden durch die sog. „blaue Baulinie“. •) 
Die Baulinie des § 1 der allgemeinen Bauordnung zwingt zu einer 
ganz bestimmten Baustellung; sie darf weder überschritten werden, 
noch darf das Gebäude hinter ihr Zurückbleiben; auch die Front 
richtung ist durch die Baulinie für jedes Haus in gleicher Weise fest 
gelegt. - Das ist für städtische Bauweise und für das geschlossene 
Bausystem eine natürliche und selbstverständliche Lösung. 
Dagegen auf dem Land, in modernen Landhaussiedelungen, namen 
tlich in wirklichen Waldsiedelungen, entstehen Schwierigkeiten. Abgesehen 
davon, daß die Aufstellung der Villen in einer Reihe, mit dem üblichen, 
durchwegs 5 m breiten Vorgarten wahrlich nicht mehr das Ideal moderner 
Villenbaukunst sein kann und der individuellen Bauweise, die eben 
gefördert werden soll, oft auch der Landschaft, Gewalt anfut, gibt cs 
auch praktische Gründe genug, die in einzelnen Fällen ein weites 
Zurückweichen der Landhäuser hinter die Baulinie wünschenswert ma 
chen : Ein Bauherr braucht Ruhe und will deshalb einen tiefen Garten 
vor dem Haus, einem anderen hält der knappe baultnlenmäßige Vor 
garten den Straßenstaub zu wenig ab, Baugrundverhältnisse spielen 
mit usw. Will er nun aber hinter der Baulinie Zurückbleiben, so hat 
er entweder um Ausnahmeerlaubnlss einzukommen, oder für sein Grund- 
stück einen Baulinienänderungsplan (mit zurückspringender Baulinie) 
einzureichen. 
*) Trift für Preußen nicht zu; dort darf nach Belieben hinter 
die Baulinie zurückgetreten werden, meistens auch in einem gewissen 
Abstande von der Bauflucht ab von der Richtung der Baullnle abge 
wichen werden. Die unüberachreltbare Gaulinie heißt dort Bau 
fluchtlinie.
	        
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