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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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von geben. Wir beginnen mit dem Lande der ältesten 
Kultur, mit Ägypten. Entsprechend der Bedeutung des 
Flusses lagen die ägyptischen Städte in der Ebene, nahe 
am Nil. Weil sie fortgesetzt den Überschwemmungen aus 
gesetzt waren — der Nil stieg in alter Zeit jährlich um 
eine Höhe von n-12 m —, mußten sie auf künstliche 
Sockel gestellt werden. Hierzu wurde ein meist viereckiger 
Unterbau aus einem Netzwerk von Mauern hergestellt, 
dessen Zwischenräume mit Boden aufgefüllt waren. Da 
rauf erhoben sich dann die oft bis zu 20 m breiten und 
ebenso hohen Ringmauern, aus sonnengetrockneten Nil 
schlammziegeln errichtet und zum Schutze der Krieger 
mit Brustwehren besetzt. Wo es angängig war, wurden 
zur weiteren Befestigung um die Stadt Kanäle oder künst 
liche Wasserbecken angelegt. Wie im Äußern, so war 
auch im Innern die ganze Stadt planmäßig geschaffen. 
Durch Abbildungen an Bildwerken und erhaltene Ruinen 
sind wir sehr genau darüber unterrichtet. So zeigt die 
Anlage von Kahun geradlinige Straßen, die sich rechtwinke 
lig schneiden und auf die Tore zulaufen. Das Schloß oder 
die Burg des Königs erhebt sich auf einem erhöhten, durch 
Stufen zugänglich gemachten Rechteck; daran stoßend 
liegen längs der Nordmauer die Wohnungen der Großen, 
in anderen Vierteln, nach Süden und Osten hatten die Ar 
beiter ihr Heim. An der Südmauer erblickt man eine 
großartige Tempelanlage. Wie im heutigen Orient kehrten 
die Häuser den Straßen nur eine langweilige, wohl weiß 
getünchte Mauerseite ohne Fenster zu, während im Innern 
sich um weite Höfe mit Baumpflanzungen und Brunnen 
die Wohnräume anordneten. Die ganze Anlage der Stadt 
ist nach den Himmelsrichtungen aufgestellt. 
Für uns ist das Beachtenswerte, daß wifr hier zum 
ersten Male künstlich geschaffenen, also nicht gewordenen 
Städten begegnen, die mit geraden und rechtwinklig sich 
schneidenden Straßen bebaut sind. Weiter bemerken wir, 
wie die Bodenbeschaffenheit niemals berücksichtigt wurde. 
Die ägyptischen Städte lagen fast ausnahmslos in der Nil 
ebene ; waren sie von Wasser umgeben, so ist dieses künstlich 
hineingeleitet, niemals aber wurde eine vorhandene, natür 
liche Anlage geschickt verwendet. Hieraus scheint sich ein 
mal die schnelleVergänglichkeit dieser Städte zu erklären — 
es legte beinahe jeder ägyptische Herrscher eine neue Stadt 
für sich an — andererseits auch die regelmäßige Anlage, 
Ähnlich den ägyptischen waren die Städte des Landes, 
das nach den neuesten Forschungen die Uranfänge aller 
menschlichen Kultur in sich birgt, des Landstriches zwi 
schen Euphrat und Tigris. Die beiden mesopotamischen 
Großstädte, Babylon und Ninive, lagen wieder in der Ebene, 
aber nicht am Flusse, sondern Babylon schräg vom 
Euphrat durchschnitten, Ninive mit zwei Ecken an den 
Tigris angelehnt. Bekannt ist die Beschreibung Babylons 
durch den griechischen Geschichtsschreiber Herodot, der 
die Stadt aus eigener Anschauung kannte und in ihr Er 
kundigungen über den früheren Zustand eingezogen hatte. 
Er schreibt: „Dieselbige Stadt ist also beschaffen: sie liegt 
in einer großen Ebene und ist ein Viereck, dessen jegliche 
Seite 120 Stadien beträgt — das sind 3 geographische 
Meilen oder za 1 /? km — das macht im ganzen einen 
Umkreis von 480 Stadien. Keine Stadt Ist aber so prächtig 
gebaut, so viel wir wissen. Denn erstlich läuft ein Graben 
umher, der ist breit und tief und voll Wasser, dann eine 
Mauer, die ist fünfzig königliche Ellen breit und zwei 
hundert Ellen hoch — das sind nach heutigem Maße 105 m 
— und rings umher in der Mauer waren hundert Tore 
ganz von Erz. Die Stadt aber besteht aus zwei Teilen, 
denn mitten durch fließet ein Strom, der da heißet Euphra- 
tes. Die Mauer macht nun von beiden Seiten einen Winkel 
an dem Fluß, und dann kommt eine Mauer von Back 
steinen an beiden Ufern des Flusses entlang. Aber die 
Stadt selber besteht aus lauter Häusern von drei bis vier 
Stockwerken und ist durchschnitten von geraden Straßen, 
die längs gehen oder qu£r durch nach dem Flusse zu. 
Und am Ende einer jeglichen Straße waren Pforten in der 
Mauer an dem Flusse, so viel Straßen, so viel Pforten. Auch 
diese waren von Erz. Die erste Mauer nun ist gleichsam 
der Stadt-Panzer, innerhalb läuft noch eine zweite umher, 
die ist nicht viel kleiner, als die erste, jedoch etwas schmä 
ler. Und in der Mitte einer jeglichen Hälfte der Stadt 
stehet ein befestigter Bau, nämlich in der einen die Königs 
burg, die ist umgeben mit einer großen und starken Mauer, 
und in der anderen das Heiligtum des Baal mit ehernen 
Toren. Das war noch zu meiner Zeit zu sehen und ist 
ein Viereck, jegliche Seite zwei Stadien lang. Und in der Mitte 
desselbigen Heiligtums war ein Turm gebaut, durch unddurch 
von Stein, ein Stadium lang und breit, und auf diesem Turm 
stand ein anderer Turm, und auf diesem wieder ein anderer 
und so acht Türme, immer eitler auf dem andern. Auswärts 
aber um alle die Türme ging eine Wendeltreppe hinauf, und in 
dem letzten Turm ist ein großer Tempel des Baal.“ 
Nach den neuesten Ausgrabungen und der Beschrei 
bung von Delitzsch hat sich die Schilderung des Herodot 
nicht so ganz bestätigt, da die Angaben über die Ausdeh 
nung der Stadt und die Höhe der Mauern übertrieben sind. 
Das eigentliche Babylon hatte in Wirklichkeit etwa den 
Umfang des heutigen Berlin. Interessanten Aufschluß über 
die mutmaßliche Anlage der Mauern in mesopotamischen 
Städten geben die Funde in Tello. Hier wurde eine sitzende 
Figur ausgegraben, die auf dem Schoße eine Tafel hält, 
worauf sich die geometrische Darstellung eines Planes mit 
danebenllegendem Griffel und Maßstab befindet (siehe Ab 
bildung 1), Man sieht deutlich die Anlage breiter Mauern, 
von Toren mit vorspringenden Seitenbauten unterbrochen; das 
Ganze scheint eine Burg oder kleine Stadtanlage zu sein. 
Die Entstehung der Statue wird auf das Jahr 3100 vor 
Christo zurückgeführt. Wir hätten also hier vielleicht den 
ältesten Stadtplan vor uns. (Fortsetzung folgt in Heft 4).
	        
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