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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Stellung zugleich eine Raumumschließung bewirkt. Man 
kann mit Ausnahme der Fernwirkungen geradezu sagen, 
das Stadtbild ist nur dann schön, wenn es zugleich ein 
Raumbild ist. Zur Erzielung einer Raumwirkung genügt 
aber nicht ein einfaches, lockeres Umstellen eines freien 
Platzes, sondern es muß ein inniges Zusammenschließen 
der einzelnen Baukörper in möglichst individueller Weise 
gesucht werden. Parin unterscheiden sich unsere moder 
nen Platzanlagen sehr unvorteilhaft von den alten histo 
rischen. Die Platzbildungen im modernen Stadtplane sind 
nicht nur von schematischer Nüchternheit un'd daher über 
all von gleicher, ermüdender Wirkung, ihre Wandungen 
sind auch bei Weitem nicht so fest gefügt wie bei den 
Alten Es lassen sich Teile ohne Verstümmelung des Ge 
samteindruckes leicht entfernen. Ganz anders ist es mit 
den alten historisch gewordenen Plätzen bestellt; hier kann 
Münsterplatz in Ulm — früherer Zustand. 
gerade bei den auffallend schönen Beispielen nichts von 
einander gelöst werden, ohne das Ganze stark zu beein 
trächtigen oder überhaupt zu zerstören; so innig verbun 
den, auf gegenseitige Beziehung gestellt und damit orga 
nisch verwachsen erscheinen hier die Teile mit dem 
Ganzen. So etwas hat Charakter; aber ein Ganzes, an 
dem etwas dableiben oder auch wegbleiben kann ohne 
störende Wirkung, hat keinen Charakter. Und hier haben 
wir den Punkt, an dem wir einsetzen müssen in der Frage 
der früher mit so viel Leidenschaft betriebenen Freilegun 
gen hervorragender Bauwerke. Es ist ein nicht oft genug 
hervorzuhebendes Verdienst Camillo Sittes, zuerst auf die 
Schönheit einer gewissen Gruppierung von Plätzen im Zu 
sammenhänge mit öffentlichen Gebäuden in alten Stadt 
kernen aufmerksam gemacht zu haben und zwar unter 
besonderer Berücksichtigung der Art und Weise, wie 
Kirchen als Mittelpunkte von Platzgruppen aufgestellt wor 
den sind.' 
Gewöhnlich sind es drei sich bestimmt abgrenzende 
Plätze, für deren jeden die Kirche eine andere Seite als 
Schauziel darbietet, eine Gruppierung, die sich also von 
der heute noch vielfach üblichen Art, Kirchen auf freie, 
große Plätze zu stellen, ganz wesentlich unterscheidet. Die 
Absonderung dieser drei, manchmal auch vier Plätze, wird 
dadurch bewirkt, daß die die Kirche umsäumenden Häuser 
an bestimmten Stellen recht nahe an sie herantreten. 
Dieses Herantreten fremder Baumassen an die Kirche ist 
aber oft auch noch aus einem anderen Grunde ein ästhe 
tisches Erfordernis. Es ist bekannt, daß nicht jede archi 
tektonische Form der Kirche eine in sich selbst ausge 
glichene Massenanordnung besitzt; diese ist in idealer 
Weise eigentlich nur in dem Zentralbau vorhanden, und 
ein solches Bauwerk wirkt deshalb auch am besten in 
freier Aufstellung. Die meisten Kirchen, namentlich die 
jenigen mit ein oder zwei Westtürmen, bedürfen einer An 
lehnung an fremde Baumassen, um ihnen in der Erschei 
nung das ihnen selbst mangelnde Gleichgewicht der Masse 
zu ersetzen. 
Nun denke man sich diese an die Kirche herantretenden 
Häuser, welchen die Funktion der Abtrennung in einzelne 
Plätze oder der Herstellung des mangelnden Gegengewichts 
zugewiesen ist, zu dem Zwecke entfernt, um die Kirche 
freizulegen, so wird natürlich gerade das, auf was es hier 
in erster Linie ankommt, vernichtet, und das hat man in 
vielen Fällen wenn auch in der besten Absicht — zum 
Schaden und auf Kosten einer vorher bestandenen Fülle 
von architektonischen Reizen tatsächlich getan. Rechnet 
man dann noch alles dazu, was dem Moloch Verkehr an 
solchen ästhetischen Zusammenhängen alles schon ge 
opfert worden ist, und das ist weitaus der größere Anteil, 
so haben wir viel, viel unwiderbringlich verloren an bau 
lichen Schönheiten unserer deutschen Städte, was bei 
einigem ehrfurchtsvollen Maßhalten hätte erhalten werden 
können. 
Daß solche störende Eingriffe in künstlerisch wirkende 
Gefüge überhaupt Vorkommen konnten und noch weiter 
zu befürchten sind, diese betrübende Tatsache ist wohl 
auf die beiden schon erwähnten verschiedenen Möglich 
keiten des Schauens, kurz gesagt einerseits des Einzel - 
schauens, andrerseits des BUdschauens, zurückzuführen. 
Den Anstoß zu den jetzt so beklagten Freilegungen gab 
offenbar das Einzelschauen, man wollte das Bauwerk zur 
freien Betrachtung aus allem Zusammenhänge herausschälen, 
von allem Zubehör absondern, und um es so, von allem 
unbeeinträchtigt, ganz für sich genießen zu können, ähnlich 
wie der Gelehrte den Gegenstand seiner Untersuchung von 
allen Nebenumständen zu befreien und in ein bestimmtes 
Beobachtungsfeld eng zu begrenzen bemüht ist oder wie 
ein wertvolles Museumsstück, wie eine seltene Pflanze in 
einem botanischen Garten, wie ein besonders interessanter 
Gegenstand in irgend einer naturwissenschaftlichen Samm 
lung von der Masse herausgehoben wird, um die Auf 
merksamkeit darauf besonders zu lenken. Das ist aber 
eine Auffassung des Schauens, die in einem Museum am 
Platze sein mag, wo die verschiedenartigsten Dinge für das 
Studium zusammengetragen sind, wo also schon der Zweck 
in einer Trennung von Benachbartem — wenn auch nicht 
in allen Fällen — an sich besteht; ganz sicher aber ist
	        
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