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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Zugleich leuchtet aber auch ein, daß ein im Entstehen 
begriffenes Gesamtbild nur im ersteren Falle sich wirklich 
schön gestalten kann; denn bei diesem Sehvorgange wird 
alles berücksichtigt, was im Bilde, im Gesichtsfeld über 
haupt erscheint, im letzteren Falle wird nur ein Teil von 
diesem Ganzen der Betrachtung unterzogen, der wohl für 
sich seine eigene Schönheit erhalten kann, im Zusammen 
hänge mit seiner Umgebung aber ins Auge gefaßt, doch 
als ein das Ganze störender Teil dann empfunden werden 
muß, wenn die Nebenteile im Gesamtgesichtsfeld oder er 
selbst zu diesen nicht zufällig in Harmonie treten. 
Auf diese letztere Art können also ebensogut anziehende, 
wie abstoßende Bilder in die Erscheinung treten. Ist das 
Geschaute schon vorher als ein Ganzes organisiert, so sitzt 
im Bilde schon der Keim dafür, daß es anziehend werden 
kann; im zweiten Falle ist das Gelingen eines guten Bildes 
dem Zufalle überlassen, der uns aber nicht immer den 
Gefallen tut, einzutreten. Wenn vorhin vom Organisieren 
gesprochen wurde, so soll damit nicht durchaus eine be 
wußte Handlung vorausgesetzt sein. An den schönsten 
Städtebildern haben ja die verschiedensten Zeiten geformt, 
und es kann deshalb ein bewußt organisierender Einzel 
wille nicht vorausgesetzt werden. Die langsame Entstehung 
dieser Schönheiten kann nur erklärt werden, wenn man 
ein ausgesprochenes Bedürfnis unseres Sehorgans annimmt, 
das durch Geschlechtsfolgen hindurch stets gleichbleibt, 
immer wieder nach Erfüllung verlangt, und wir werden 
nicht fehlgehen, wenn wir als ein solches Bedürfnis das 
unbewußte Verlangen nach wohlgefälliger Ordnung an- 
sehen. Ein solcher für das Wohlbehagen des Sehorgans 
vorauszusetzender Ordnungssinn ist auch ganz unabhängig 
vom Zeitgeschmäcke. Die treibenden Faktoren dieses Ord 
nungssinnes sind dieselben, wie sie dem Werdeprozeß der 
ganzen organischen Welt innewohnen müssen, gehören 
also unserem Empfmdungsleben an und können sich nur 
dann rein entfalten, wenn dabei unsere intellektuelle Seite 
möglichst ausgeschaltet ist. Unser Verstandesleben kann 
uns im reinen Schauen manchen Streich spielen, und es ist 
ihm allein zuzuschreiben, wenn man heute bei einem 
Schauen mit Ausnahmen angelangt ist. Was muß heute 
alles als nicht vorhanden betrachtet werden, um den Ge 
nuß am Schönen nicht zu stören. Wir dürfen nur an die 
Oberleitungsnetze unserer Trambahnen denken, an unsere 
die Luft durchziehenden Telephondrähte mit ihren un 
vermeidlichen Ständern auf den Dächern, an die vielen 
unverkleideten Feuermauern, die uns entgegenstarren, an 
häßliche hohe Kamine usf., um uns dessen bewußt zu 
werden. Alle diese Dinge können nicht so ohne Weiteres 
weggedacht werden da, wo es sich, wie hier, um ein reines, 
durch andere Einflüsse ungetrübtes Schauen handelt. 
Einzig und allein das Wohlbehagen des Auges an dem zu 
Schauenden soll maßgebend sein; hier gibt es kein Her 
vorholen von Einzelheiten. 
Wir empfinden beim reinen Schauen nur dann Wohl 
behagen, wenn wir uns in dem Erschauten sofort zurecht 
finden; das bietet uns die Wahrung einer gewissen Einheit 
in dem Erschauten. Jede Einheit setzt sich aber nun 
wieder aus einer Vielheit zusammen oder umgekehrt, die 
geschaute Vielheit soll sich zu einer höheren Einheit zu 
sammengeben. Das geschieht der Hauptsache nach dann, 
wenn die Teile sich zunächst in Herrschende und Be 
herrschte voneinander sondern und nebenher doch wieder 
in Beziehungen treten, die man im allgemeinen mit Ahn- 
lichkeits- und Köntrastbeziehungen kennzeichnen kann. 
Auf diese Dinge näher einzugehen, ist hier nicht der Ort, 
aber um mich genauer verständlich zu machen, seien 
einige Beispiele eingeflochten. Eine Scheidung in Herr 
schendes und Beherrschtes tritt z. B. ein, wenn die um 
die Kirche gruppierten Häuser in ihren Abmessungen sich 
zurückhalten und damit bescheiden dem wichtigeren 
Kirchenbau unterordnen oder wenn eine öffentliche Garten- 
anlage sich nicht als Ding für sich gebärdet, sondern in 
die dienende Holle als Zubehör zu einem öffentlichen Ge 
bäude sich gefällt. In beiden Fällen entstehen auch durch 
Wechselwirkung die erwähnten Kontraste. Diese ergeben 
sich aber auch in mannigfach anderer Weise, z. B. in dem 
Gegensätze zwischen rauhen oder verzierten Flächen neben 
glatten, in nur umrissenen, zu lang gestreckten Baukörpern, 
Munsterplatz in Ulm — gegenwärtiger Zustand. 
in der Abwechslung der Gebäuderichtungen, dem Wechsel 
von Licht und Schatten und dem von Warm und Kalt der 
Farben usf. Ähnlichkeiten treffen wir an in dem Auftreten 
gleichgerichteter Baukörper, in der Wiederholung gleicher 
Flächenfiguren durch Unterteilung größerer Flächen, in 
der Wiederholung von ähnlichen Körperfiguren im Kleinen, 
wie es z. B. die Laterne als kleines Abbild des Turmes 
auf dem Turmhelm darstellt. All diesen Dingen ist das 
Anknüpfen von Beziehungen des Einen zu einem Andern 
gemeinsam und für unseren Fall das Wesentliche. Von 
den vielen Beziehungen sind nun für Städtcbilder beson 
ders diejenigen der Lagerichtung von großer Bedeutung. 
Die Richtungen der Baukörper im Gefüge der städtischen 
Bauten dürfen, wenn sie interessant wirken sollen, nicht 
immer die gleichen sein, sondern sie müssen abwechseln, 
und das tun sie stets ganz von selbst, wenn ihre Auf-
	        
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