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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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durch eine starke Höhenentwicklung in Erscheinung tritt. 
(Standpunkt i siehe Textbild i). 
Es ist immer wieder von neuem Reiz für jeden, den 
der Städtebau interessiert, sich mit dem Studium alter 
Stadtanlagen zu beschäftigen. Auf Schritt und Tritt wächst 
das Gefühl, wie sehr doch frühere Zeiten es verstanden, 
Zweckmäßigkeit und Schönheit in eine Form zu gießen, 
ohne auf Kosten der einen der anderen den Vorzug zu 
geben. Die Aufgabe ist so einfach und doch — so scheint 
es nach den Erfahrungen der jüngstvergangenen Zeit — 
so schwer zu lösen: die gegebenen natürlichen Verhältnisse 
als grundlegend zu betrachten, nicht selbstverständliche 
Forderungen zu umgehen, widerspruchsvoll zu erfüllen oder 
gar rücksichtslos zu verleugnen. 
Wirft man einen Blick auf den vorliegenden Teil des 
Stadtplans von Büttstedt, so überrascht und erfreut zuerst 
die lineare Schönheit der Anlage. Der Plan schon läßt 
ahnen, welch besonnene Überlegungen sie geschaffen haben. 
Das Auge folgt zwanglos den feinen Zügen der Straßen, 
die in zufällig erscheinenden und doch so sehr berechneten 
Schwingungen vom Außenring auf den Marktplatz zugehen. 
Nirgends, ausgenommen in der „Neuen Straße“, die ihr 
Name schon bezeichnet, findet man eine Härte oder einen 
widersinnigen Zwang, 
Das unterscheidet die alten Stadtanlagen von denen 
aus neuerer, noch immer nicht ganz überstandener Zeit, 
die an dem mißverstandenen Dogma der Zweckmäßigkeit 
gescheitert ist und mit dem in unwirkliche Höhen getrie 
benen Ideal der „verkehrserleichternden Geradlinigkeit“ 
andere wertvolle Ideale mutwillig oder gedankenlos zer 
störte. 
Um die Linienführung auf dem Plane verständlich zu 
machen, ist es natürlich nötig, die Beschaffenheit des 
Geländes zu kennen. Fast errät man diese schon aus der 
Bewegung der Straßenzüge, die kaum Mißdeutungen zu 
lassen. Büttstedt ist auf einem flachen Hügel aufgebaut, 
der nach der Westseite zu * in etwa halbkreisförmigem 
Bogen ziemlich steil abfällt, während er nach den übrigen 
Seiten flach in die Ebene ausläuft. Auf der Höhe liegt der 
Marktplatz mit dem Rathaus und der Kirche, die ihre be 
herrschende Stellung auch nicht einen Augenblick verleug 
net und durch kein falsches Gegengewicht um ihre herr 
liche Wirkung gebracht wird. 
Dies Grundgesetz aller baulichen Gruppierungen, das 
in späterer Zeit gar zu oft in Vergessenheit verfiel, haben 
frühere Zeiten immer streng befolgt. Der ebenen Gleich 
mäßigkeit, dem Gleichgewicht in der Verteilung der Massen, 
Straßen und Plätze geht eine Steigerung gegen den herr 
schenden Mittelpunkt zur Seite, dem alles übrige ohne 
Widerspruch sich unterordnet. In Büttstedt bildet diesen 
herrschenden Zentralpunkt die St. Michaelskirche, ein 
mehr als nur wohlgebildeter Bau, dessen eigenartiger 
Turm einer der schönsten Kirchtürme Thüringens ist. Der 
Bau, in seinen Uranfängen wohl noch in der Gotik wur 
zelnd, erstand im Anfang des 16. Jahrhunderts. (Näheres, 
auch über das im ganzen schmucklose Rathaus, dessen 
Einzelheiten, besonders der Nordostgiebel, aber bemerkens 
wertes aufweisen, in „Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 
Thüringens.“) Sie ist dem Marktplatze bewunderungswürdig 
geschickt eingefügt, gibt ihm zum großen Teil sein Ge 
präge, ohne das Rathaus zu unterdrücken und schließt die 
verschiedensten Straßenperspektiven ab. Ihre Westfront ist 
ganz an den steil abfallenden Teil des Hügels gerückt, von 
dessen Fuß sie einen beinahe großartigen Anblick gewährt. 
Durch Kirche und Rathaus wird die dreieckige Fläche 
des Marktes in zwei, bezw. drei Plätze gegliedert, die den 
umschließenden Gebäudemassen entsprechend wohl abge 
wogen sind, (Auf dem Lageplane,Tafel 89 mit 1,11, III bezeich 
net.) Platz I ist inbezug auf die ihn im Westen abschließende 
Kirche ein Tiefenplatz im Sinne Camillo Sittes, Platz II 
mitbezug auf das Rathaus und auch auf die Ostseite des 
Kirchenschiffs ein Breitenplatz, ebenso Platz III, der sehr 
geschickt durch einen Einschnitt in' die südliche Platzwand 
gebildet wurde. Mitbezug auf das Rathaus könnte Platz I 
auch Breitenplatz genannt werden. Er ist besonders in 
dieser Auffassung sehr geschickt angelegt; die ganz 
schlichte, breit gelagerte Ostfront des Rathauses mit dem 
davor liegenden überaus reizvollen, von Kugelakazien um 
standenen Brunnen mit dem Standbild St. Michaels, des 
Schutzpatrons der Stadt, wirkt hier vortrefflich. 
Wie einerseits durch die Dreiteilung des im ganzen 
sehr großen Marktes in kleinere Plätze eine angenehme 
Trennung des Marktverkehrs herbeigeführt wird, so wird 
andererseits dadurch eine strenge Geschlossenheit der Bild 
wirkung erzielt. Nirgends, wieder abgesehen von der 
schrecklichen „Neuen Straße“, entsteht ein Loch in der 
Abb. 1. Blick auf die St. Michaelskirche. Standpunkt 1. 
Platzwand, obwohl eine große Anzahl von Straßen auf ihn 
münden. Und wie sehr Camillo Sittes Behauptung, daß 
Tiefenplätze nur dann eine Berechtigung haben, wenn sie 
von entsprechend hohen Gebäuden abgeschlossen und be 
herrscht werden, der guten Praxis entnommen ist, dafür 
ist diese Anlage wieder ein vorzügliches Beispiel.
	        
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