Path:
Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
147 
ihrem schönen Buche „genius loci“ erzählt die Engländerin 
Vernon Lee, wie sie ln einem älteren Teile der Stadt Augs 
burg voll Entzücken das.früher entschwundene Deutsch 
land, das Deutschland ihrer Liebe und Sehnsucht wieder 
zufinden glaubte, das köstliche Land, in dem sich, wie sie 
sagt, behagliche Prosa und zärtliche Schwärmerei auf 
so besondere Weise vereinigen. Möge man dasselbe auch 
in späteren Jahren von unserem Hessenlande sagen können!! 
STÄDTISCHES UND LÄNDLICHES WOHNEN. 
Von Dr. HANS SCHMIDKUNZ, Berlin-Halensee. 
Seit wenigen Jahrzehnten hat sich in unserer Kultur 
eine anscheinend kleine, doch weittragende Wandlung voll 
zogen, die von den Beteiligten zwar unmittelbar gespürt 
wird, aber noch nicht klar genug der Öffentlichkeit zum 
Bewußtsein gekommen und auch noch nicht im litera 
rischen Verkehre der Öffentlichkeit allzu häufig besprochen 
worden ist. Sie bezieht sich vorläufig und scheinbar 
allerdings nur auf die großen Städte. 
Wir meinen den Zug des privaten Wohnens von den 
Mittelpunkten der großen Städte weg an Ihre Peripherie 
oder gleich ganz in ihre ländliche Umgebung hinein. 
Immer zahlreicher werden die Fälle, daß wir zwar im 
weiteren Sinn einer Stadt angehören, aber doch nicht in 
ihr, vielmehr nur in ihrer Nähe, bestenfalls in ihren ab 
gelegensten Teilen wohnen. Dieser immer weitergehende 
Prozeß einer Dezentralisierung des Wohnens ist zugleich 
ein sehr begreifliches Seitenstück zur Dezentralisierung 
der Industrie, d. h. zu der Tendenz, die industriellen An 
lagen nicht mehr in einer großen Stadt und womöglich 
auch nicht mehr an ihren Aussenpunkten zu errichten, 
sondern sie weit ins freie Land hinauszuschiebeh, wo die 
Industrie sich bequem räumlich ausbreiten und wo sie 
mit den Wasserkräften und dergleichen bequemer wirt 
schaften kann, als dies innerhalb der städtischen Engen 
und Pressungen möglich ist. Andererseits aber bedeutet die 
Dezentralisierung des Wohnens gleichwie die der In 
dustrie ein merkwürdiges Gegenstück zu der vielbeklagten 
„Landflucht“. 
Man sieht, das Thema hat seine Bedeutung sowohl 
für die große Öffentlichkeit wie auch für die kleinsten 
privaten Verhältnisse. Wo sollen wir wohnen, drinnen 
oder draußen — und nahe draußen oder recht weit draußen? 
Diese Frage tritt an uns wohl viel häufiger heran, als es 
bei unseren Vorfahren der Fall war. Das jahrzehntelange 
Wohnen einer Familie in ein und derselben Behausung 
ist heutzutage eine Kuriosität geworden; wir Heutigen sind 
meist in der nicht immer erfreulichen Lage, gar häufig 
„umziehen“ zu müssen, auch wenn es sich nicht um Über 
siedelung von der einen Stadt in die andere handelt. Und 
gerade jener Zug nach außen, der uns heute beschäftigt, 
vermehrt natürlich wieder die Menge der Umzüge, zumal 
eine Wohnung, die vor kurzem noch „weit draußen“ lag, 
jetzt vielleicht schon „tief drinnen“ in dem Häusermeere 
liegt, das sich um jene Wohnung mit unheimlicher Schnellig 
keit herumgeschlungen hat. 
Aber aus noch manchen anderen Gründen wird die 
Frage für uns brennend. Wir sind empfindlicher ge 
worden in allem, was die Gesundheit angeht, sind sogar 
trotz unserer Überkultur vielleicht verständiger und fein 
fühliger für die freie Natur, als es unsere Vorfahren waren, 
und als es heute noch manche Landbewohner sein mögen. 
Dazu kommen die vielerlei kritischen Gedanken, mit denen 
man das unabsehbare Anschwellen der Großstädte be 
trachtet. Und nicht zuletzt spielt hier der Zug herein, die 
Interessen weiter Kreise für politische Dinge von der 
großen Politik abzulenken und auf die kleine hinzulenken, 
d. h. auf die Kommunalpolitik, die uns ja unmittelbar am 
meisten spürbar ist. So wird es allaugenblicks zu einer 
sowohl persönlichen wie auch sozialen Frage: wo sollen 
wir mieten, und wo sollen wir irgend welchen Mit 
menschen, die uns danach fragen, das Mieten einer 
Wohnung, u. U. sogar die Beschaffung eines eigenen 
Heimes, anraten? 
Dazu kommt aber noch eine neuerliche Kultur 
strömung, die von England ausgeht, in unseren Landen 
jedoch nur erst wenig Erfolg erzielt hat. Wir meinen die 
sogenannte englische Arbeitszeit im Verhältnisse zur so 
genannten deutschen. In den gemütlichen älteren Zeiten 
des städtischen Lebens lag es buchstäblich nahe, daß der 
berufstätige Mann mittags die paar Schritte zu seiner Woh 
nung zurückmachte, um sich nicht nur eine erholende 
Unterbrechung zu gönnen, sondern um sich auch seiner 
Familie in Ruhe zu widmen, bis dann wieder die Nach 
mittagsarbeit rief und vielleicht bis in den tiefen Abend 
hinein dauerte. Diese Arbeitsverteilung mit einer längeren 
Trennung der Hälften und mit der Hauptmahlzeit zwischen 
ihnen scheint so naturgemäß zu sein, daß wir an ihrem 
Vorzüge vielleicht gar nicht zweifeln würden, wenn wir 
noch jene gemütlichen altstädtischen Verhältnisse besäßen. 
Nun treten aber zwei neue Momente hinzu. Erstlich 
machen wir immer mehr Anspruch darauf, uns den Abend 
entweder für städtische oder auch für ländliche Genüsse 
und Bildungsmöglichkeiten frei zu halten. Sodann wird 
es uns mit der wachsenden Entfernung zwischen Wohn- 
und Arbeitsstätte immer schwerer, ein und denselben, 
vielleicht recht unschönen und jedenfalls nur geschäft 
lichen Weg täglich viermal zu machen; die Verbringung 
der großen Mittagspause fern von der Familie in der Nähe 
der Berufsstelle ist mindestens eine etwas leere Sache. 
Diese zwei Momente sind es nun hauptsächlich, die 
für das englische System sprechen, bei welchem die Be 
rufsarbeit durch keine größere Pause unterbrochen, sondern 
vielmehr stetig bis zu ihrem möglichst frühen Ende durch- 
geführt wird. Dies erspart einen zweimaligen Stadtgang, 
verlängert uns den Tagesrest für ein Genießen oder Weiter 
bilden und hat überdies noch den Vorteil, daß man seine 
Dinge „in einem Aufwaschen“ erledigt, während bekannt 
lich das Wiederanfangen in der etwas faulen Nachmittags 
stimmung kräfteraubend und zeitvergeudend ist. Ein 
Wohnen vollends in ländlicher Ferne wird durch die 
deutsche Arbeitsverteilung beinahe unmöglich gemacht. 
So ist es eine ganz wesentliche Bedingung für ein Erlöst
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.