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Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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tj 12. Wird eine angemeldete Fällung nicht untersagt oder wird 
sie unter bestimmten Beschränkungen gestattet, so kann die politische 
Bezirksbehörde die Fristen bestimmen, innerhalb deren die Schlag 
flächen zu räumen und wieder in Bestand zu bringen sind. 
Wenn Verhältnisse obwalten, welche die Erfüllung der 
Aufforstungsverpflichtung zweifelhaft erscheinen lassen, 
kann die Bewilligung eines Schlages von der vorläufigen 
Hinterlegung einer angemessenen Sicherheit abhängig ge 
macht, beziehungsweise der Schlag bis dahin untersagt 
werden. 
Die Sicherheit hat in Bargeld, in Staats- oder anderen als mündel- 
sicher erklärten Wertpapieren, näch dem Börsenkurse des Erlagstages 
berechnet, oder in Einlagsbüchern inländischer Sparkassen oder Raiff 
eisenkassen zu bestehen. 
Selbe ist dem Erleger erst nach der vollendeten und als ent 
sprechend anerkannten Aufforstung, beziehungsweise Nachbesserung 
zurückzustellen, in jenen Fällen aber, in welchen die Aufforstung 
verabsäumt oder unvollständig ausgeführt wird, zu deren 
von Amts wegen zu bewirkenden ordentlichen Durchführung nach 
Maßgabe des Bedarfes zu verwenden, 
A m 21. Juni mittags ist das eng zusammengebaute Dorf ZIRL, 
dessen Dächer fast durchwegs überhängendes Sparrenwerk und 
Schindeleindeckung besaßen, innerhalb i 1 /* Stunden fast gänzlich ab 
gebrannt. 164 Firste sind ein Raub der Flammen geworden, nur die 
Kirche und einige freistehende Gebäude an den Dorfenden sind verschont 
geblieben — der Dorfkern (Abbildung) zeigt das Bild einer ausgegrabenen 
Stadt. 
Hilfe setzte ungesäumt ein und hat für die Linderung der ersten Not 
gesorgt. Auch der Wiederaufbau ist in seine Bahnen geleitet: auf Veran 
lassung des Tiroler Landesausschusses hat der Verein für Volkskunst und 
Volkskunde in München, der in Tirol eine Anzahl von Mitgliedern und 
Freunden besitzt und dessen Tätigkeit für die Erhaltung landschaftlicher 
Schönheiten und die Pflege heimischer Bauweise gar nicht hoch genug 
eingeschätzt werden kann, die Aufstellung eines neuen Baulinienplanes für 
Zirl übernommen und sich außerdem bereit erklärt, die sämtlichen Neubau 
pläne zu überprüfen und auf ihre Ausführungswürdigkeit zu begutachten. 
Der Baulinienplan — seine Verfasser sind zwei hauptsächlich auf 
dem Gebiete des Städtebaues tätige Vereinsmitglieder hat bereits am 
21, Juli, also einen Monat nach dem Brande, die einstimmige Geneh 
migung des Zirler Gemeindeausschusses gefunden, und an den einzelnen 
Bauplänen arbeitet eine Schar von Innsbrucker und Münchener Archi 
tekten — lauter Vereinsangehörige — von denen jeder seine Tätigkeit 
kostenlos, bezw. gegen Ersatz seiner Barauslagen zur Verfügung ge 
stellt hat. 
Die Aufgabe ist äußerst schwierig, sicher aber liegt sie in guten 
Händen, und es kann wohl angenommen werden, daß mit dem neuen 
Zirl das Musterbeispiel einer ganzen Dorfanlage in wirklich guter, in hei 
mischer Bauweise geschaffen werde. 
Unsere Zeitschrift wird Gelegenheit haben, den Baulinienplan zu ver 
öffentlichen und über das Bauschicksal Zirls weiterhin zu berichten. 
T'NER ITALIENISCHE UND DER DEUTSCHE FRIED- 
HOF von Oddone Kruepper, Gartenarchitekt, Düsseldorf. In den 
Hamburger Nachrichten bringt ein Anonymus W. einen Teil meiner letzt 
hin im Städtebau erschienenen Abhandlung ,,Der italienische und der 
deutsche Friedhof“ und stellt sich dabei die Aufgabe, einige meiner Aus 
führungen zurückzuweisen. 
W. behauptet, in der neueren Zeit nähme mit gutem Recht die Liebe 
zu dem park- oder waldartig angelegten Gottesacker immer mehr überhand. 
Diese unbewiesene Behauptung erweist sich jedoch als unrichtig, 
wenn man das Ergebnis des jüngsten Friedhöfe betreffenden Preisaus 
schreibens betrachtet, woraus man klar erkennt, daß man sich vom Park 
und Wald immer mehr entfernt und an ihrer Stelle praktisch aufgeteilte, 
tektonische Friedhofsgärten treten läßt. 
W, versichert ferner, daß gerade die Hamburger einen wald- und 
parkartigen Gottesacker haben, der den Spaziergängern gestattet, sich 
darin zu ergehen, ohne daß durch ihre Anwesenheit die Andacht der 
Trauernden gestört wird. 
Ich Stelle fest, daß der Hamburger Oblsdorfer Friedhof an Größe 
seinesgleichen sucht, und gebe zu, daß die erwähnten Störungen in An 
betracht dessen geringer als irgendwo anders sein werden, glaube auch, 
daß manche den Friedhof als Sehenswürdigkeit betrachten. Lustige, fröh 
liche Spaziergänger, die gewöhnlich Park und Wald beleben, die nach 
harter Arbeit mit Kind und Kegel ins Freie eilen, um sich des Lebens zu 
freuen, wird auch der Ohlsdorfer Friedhof nicht kennen. Über diesen 
Punkt ist ein Streiten indessen müßig, denn über Stören und Qestörtsein 
kann schlechterdings jeder anderer Meinung sein. Man frage sich aber 
selber, wie oft man einen Friedhof zum Spazierengehen aufsucht, und 
vergleiche die Zahl und die Stimmung der Friedhofsbesucher mit den 
jenigen, welche Park und Wald vorziehen. 
W. endigt seinen Aufsatz mit Folgendem: 
„Denn gerade das Heranziehen dessen, was dem Deutschen die Natur 
liebenswert macht, macht ihm auch die damit geschmückte letzte Ruhe 
stätte vertrauter, und der Eindruck, mit dem wir nach einer Wanderung 
zwischen rauschend vom Winde bewegten Bäumen uncl im lieblichen 
Farbenspiel prangenden Busch- und Blumenspalieren an ein plötzlich 
sichtbar werdendes Einzelgrab oder Gräberfeld herantreten, steht unserem 
seelischen Verlangen nun unendlich näher, als ihn das Dahinschreiten 
zwischen den noch so prunkvoll zugestutzten Grabmälern, Säulenhallen 
und Kapellen hinterläßt, das auf die Dauer doch mehr ermüdend als er 
hebend wirkt.“ 
Diesen Schluß hätte sich der Anonymus sparen können, hätte er 
nicht verschwiegen, daß in meiner Abhandlung (Seite 78 rechte Spalte) 
gerade für den mehr die Natur liebenden Deutschen ausdrücklich von 
Anlagen nach dem Vorbilde italienischer Friedhöfe abgeraten wird.
	        
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