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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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handelt wird. Der Wunsch nach dem eigenen Heime 
führt immer wieder zur Gründung solcher kleinen Vororte, 
Die Hauptstadt selbst nimmt daran teil und hat aus dieser 
Ursache weltumfassende Gebiete außerhalb der Stadtgrenze 
eingekauft. Eines von diesen Gebieten ist Enskede, wovon 
ein kleiner Teil jetzt aufgeschlossen wird; Tafel 64 zeigt 
den von dem Stadtrate festgestellten Plan. Er wird von 
breiten Hauptwegen, 33—50 m, umgeben und zwischen 
diesen werden ausschließlich Wohnstraßen angeordnet. 
Die Bauart ist wechselnd: von dreistöckigen Mietshäusern 
an den Grenzstraßen (mit in den Straßenvierteln „unter 
den Augen der Mieter“ gelegenen Koloniegarten) bis 4»5 m 
schmale zusammengebaute eigene Heime, wie auch frei 
stehende Villen, Doppelhäuser, öffentliche Gebäude usw. 
Man hat es versucht, in diesem freilich engen Rahmen 
Bauplätze für mehrere Arten von Bedürfnissen zu schaffen, 
Die Wege sind in der Ausführung begriffen und die Bau 
tätigkeit hat kaum begonnen, aber das Interesse für die 
Sache ist groß, besonders in dem Kommunalrat. Ein 
besonderer Ausschuß ist niedergesetzt, um sämtliche Grund 
stücke der Stadt „auf dem Lande“ zu ordnen, und dieser 
Ausschuß arbeitet zurzeit mit großem Eifer. 
Der Plan ist von dem Vermessungsamt der Stadt unter 
Beihilfe des Architekten P. Hallman entworfen. 
NEUE BÜCHER UND SCHRIFTEN. 
Besprochen von Dr. LUDWIG MÜLLER, Halle a. S, 
Wir bitten um gefällige Zusendung aller einschlägigen neuen 
Bücher und Schriften, die wir unter dieser Übersicht regelmäßig an- 
zeigen werden; wir übernehmen aber keine Verpflichtung zur Be 
sprechung und Rücksendung. 
Tm Heft 16 der „WERKKUNST“ (III, Jahrgang, Verlag von Otto 
A Salle in Berlin, Jahrgang von 34 Heften 10 Mark) bringt Georg 
Lehnert eine sehr anziehende Plauderei „Aus dem märkischen Mo 
ränengürtel“. ln kurzer Skizze werden uns die Schicksale des nord 
deutschen Flachlandes während der diluvialen Eiszeit geschildert; Das nor 
dische Eis brachte uns von dem skandinavisch-finnischen Felsschild die 
Feldsteine, die gleichmäßig unsere Ebenen bedecken oder bogenförmige 
Züge gewaltiger Blockpackungen bilden; die südlichste und zugleich mäch 
tigste dieser Ablagerungen reicht von Feldberg über Lychen, Templin, 
Joachimstal, Chorin und Eberswalde bis Oderberg. Wenn der Verfasser 
meint, diese Häufung von Feldsteinen an einer langen Linie beweise, daß 
hier das vorrückende Binneneis „unzweifelhaft für lange Zeit“ seine „End 
punkte gehabt“ habe, so schließt er sich der Meinung unserer Lehrbücher 
durchaus an; immerhin bat aber neuerdings die hohe Lage dieser „End- 
moränenzüge“ Forscher wie Dr. Solger zu der Vermutung geführt, es 
möchte sich wesentlich um eine Folge der Bergauf-Bewegung des Eises 
handeln, das während des Anstieges die größeren Steine als gewisser 
maßen zu sehr beschwerendes Gepäck zu Boden fallen ließ; daher Anden 
sich die „Endmoränen“ vorwiegend auf dem Nordhang unserer Höhen 
rücken, wie sich sogar noch für die Lausitz nachweisen läßt. — Das In 
landeis brachte neben den wertvollen Feldsteinen zugleich die Stoffe für 
die Backsteine, nämlich den Geschiebemergel und seine natürlichen Auf 
bereitungsprodukte, den Lehm, den Ton und den Sand. Wie der Ver 
fasser ausführt, verknüpft sich die auf diesen Stoffen sich gründende Bau 
kunst schon am Ausgange der romanischen Zeit mit zwei Mönchsorden. 
Die Prämonstratenser erbauen den Dom zu Havelberg und die Kloster 
kirche zu Jerichow, die Cistercienser bald darauf Lehnin. Eine besondere 
Art des Ziegelbaues wird aus Italien übertragen, und es entsteht eine 
schlichte Gotik mit stark märkischer Eigenart. Dagegen bleibt dem ein 
fachen Hause im Gebiet der „Endmoränenzüge“ der Sockel aus Feldsteinen 
mit aufgesetztem Fachwerk. Die alten Stadtmauern von Lychen und 
besonders von Templin sind ganz aus Feldsteinen gefugt, an ihren 
stumpfen Winkeln verstärkt durch wuchtige Rundtürme und durchbrochen 
von vorspringenden Weichtürmen. Der Verfasser hätte vielleicht besonders 
Hinweisen können auf die verschiedenen Stadtbrände in Templin, die das 
innere Bild veränderten und die Straßenzeilen mit den alten Stadttoren 
z. T. in Unstimmigkeit brachten. Hübsche, mit sicherer Hand hin 
geworfene Skizzen von Adolf Propp prägen unserem Auge die bekannten 
Stadtbilder von Lychen und Templin anschaulich ein. 
D ER STADTPLAN, SEINE ENTWICKLUNG UND GEO 
GRAPHISCHE BEDEUTUNG (mit 21 Abbildungen) von 
Professor Dr. Eugen Oberhummer (Berlin, Dietrich Reimer). 
Das Werkchen ist die Erweiterung eines Vortrages, den der Verfasser 
auf dem deutschen Geographentage in Nürnberg 1907 gehalten hat. Wie 
vielleicht vorauszuschicken wäre, handelt es sich nicht um den Bebauungs 
plan, den Plan der Stadtanlage und Stadterweiterung, sondern um die 
kartenmäßige Darstellung gegebener Siedelungen, wie wir sie namentlich 
in den Reisehandbüchern und in den Nachschlagewörterbüchern finden. 
Während die Landkartenzeichnung von dem wissenschaftlichen Be 
dürfnisse ausging, eine richtige Vorstellung von der allgemeinen morpho 
logischen und politischen Gestaltung der Erdoberfläche zu geben, wurzelt 
der Stadtplan in den praktischen Bedürfnissen der Baumeister sowie 
Feldmesser und, wie wir hinzusetzen möchten, der Stadtbewohner. In 
den geschichtlichen Ausführungen des Verfassers ist besonders bemerkens 
wert ein um 210 n. Cbr. unter Kaiser Septimius Severus entstandener 
geometrischer Plan der Stadt Rom im Maßstab 1 • 250! und ein in Stein 
mosaik dargestellter Plan Jerusalems aus der Zeit von etwa 500 n. Chr. 
mit örtlicher Orientierung. Während früher die Meinung verbreitet war, 
alle späteren Pläne bis zum 18. Jahrhundert zeigten nur perspektivische 
Ansichten oder bestenfalls eine Verbindung von Grundriß und Aufriß, 
reichen geometrische Grundrisse der Stadt Nürnberg tatsächlich bis in 
den Anfang des 16. Jahrhunderts zurück. Von Wien haben wir aus der 
gleichen Zeit zwei verschiedene, geometrische Pläne. Der eine wurde in 
Auftrag gegeben infolge der Türkenbelagerung 1529 und batte die genaue 
Aufnahme der Stadtumwallung zur eigentlichen Aufgabe. Die erhaltene 
Kopie des Werkes auf einer Tischplatte hat einen mittleren Maßstab von 
1 : 1100 und eine mittlere Fehlergrenze von + 6 % 5 vielleicht hat der 
Urheber des Planes, Augustin Hirschvogel, bereits die Triangulierung 
gekannt und angewandt. Gleichzeitig entstand der Plan des Steinmetz 
meisters Wo Imu et (2,30x1,65 m, Maßatab etwa 1: 800). Während nun 
die Landkartendarstellung im Laufe der Zeit sich alle HUfsmittel genauer 
und anschaulicher geometrischer Darstellung zu Nutze machte und nament 
lich auf die Kennzeichnung der Oberflächengestaltung, der Höhen 
züge und Talrinnen großen Wert legte, vermißt der Verfasser sehr mit 
Recht ein gleiches bei den modernen Stadtplänen: „Das Pehlen eines 
Ausdrucks der Bodenform in weitaus den meisten Stadtplänen kann sich 
zwar schon in der Praxis sehr störend machen —, noch empfindlicher 
aber wird dieser Mangel, wenn wir versuchen, uns die örtliche Entwick 
lung einer Stadt und alle wesentlichen Bedingungen klarzumachen, durch 
welche das Stadtbild sein charasteristisches Gepräge erhält. — Solche 
Formen finden wir bei Salzburg, dessen räumliche Entfaltung geradezu 
unverständlich wird, wenn der Mönchsberg und der Kapuzinerberg, wie es 
auf manchen Plänen tatsächlich der Fall ist, in der Zeichnung einfach 
ausbleiben; bei Graz, wo der Schloßberg sich wie eine Insel mitten aus 
der Stadt erhebt und ohne Terrainzeichnung wie eine unmotivierte Lücke 
in der Bebauungsfläche erscheinen würde usf.“ Meist wird der Stadtgrund 
einfach als Ebene behandelt, die unvermittelt in dem umgebenden, un 
ebenen Gelände liegt. Man wird unbedingt dem Verfasser zustimmen 
müssen, der eine genaue Wiedergabe der Bodenformen durch Höhen 
kurven auch innerhalb des bebauten Geländes fordert. Dankbar
	        
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