Path:
Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
73 
DIE GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DES 
S A. -t) T P LA N -t/ 3* Hierzu Tafeln 15 Ms ig. (Heft II und HX). 
Von Dr. Ing. MACKOWSKY, Regierupgsbaumeister in Dresden. {Schluß aus Heft 4.) 
Nach einem Vortrage, gehalten im Kgl. sächs. Altcrtumsverein am 8. April 1907 und im sächs. Ingenieur- und Architektenverein am 14. Oktober 1907. 
Die Frage der Orientierung, die bei Priene zum ersten 
Male in den Vordergrund tritt, leitet uns auf die römischen 
Stadtanlagen Über. Ich stütze mich hier auf die wertvollen 
Untersuchungen Heinrich Nissens. Er fand, daß jede alt 
italische Stadtgründung auf eine politisch-religiöse Hand 
lung zurückzuführen sei. So steht für jede Stadt der Name 
des Gründers fest, das Gründungsjahr ist genau bekannt, 
und die alljährliche Wiederkehr des Gründungstages wird 
als städtisches Fest gefeiert. Die feierliche Gründung selbst 
schildert uns Cato folgendermaßen: Der Stadtgründer 
spannt an den Pflug einen Stier und eine Kuh, jenen zur 
Rechten, diese zur Linken, die Kuh einwärts, den Stier 
nach außen. Mit verhülltem Haupte umpflügt er den zur 
Anlage bestimmten Raum und gibt acht, daß alle Schollen 
nach innen fallen; denn die Scholle bezeichnet den Gang 
der Mauer, die Furche den Graben. Wo aber ein Tor 
sein soll, profanem Aus- und Eingang dienend, da hebt er 
den Pflug aus dem Boden und trägt ihn über die Stelle 
hinweg. Dieser Gebrauch wird von den Etruskern abge 
leitet, wie fast alle religiösen Gebräuche der Römer auf 
dieses hochentwickelte Volk zurückgeführt werden. Mit 
dem Umziehen der Mauern geht die Bestimmung der 
Himmelsrichtung Hand in Hand, Wie der römische Augur 
beim Befragen der Götter zuerst mit dem Krummstab eine 
Linie von Nord nach Süd, den 
sogenannten Cardo, zog, um in 
den damit bestimmten Grenzen 
das Götterzeichen zu erwarten, 
so wurde bei jeder römischen 
'Städtegründung zunächst das 
Land durch den Cardo und den 
rechtwinklig dazu gelegten De- 
cumanus in vier Regionen geteilt. 
Das von den römischen Feld 
messern hierbei benutzte Instru 
ment hieß die Stella oder Groma 
und bestand aus einem doppelten 
Diopterlineal, dessen Arme sich 
rechtwinkelig kreuzten. Die Ab 
steckung des römischen La- PQRTADECUMAM 
gers, über das unsPolybios sehr 
genaue Angaben hinterlassen hat 
(vergl. hierzu Textbild 3), ge 
schieht nach den gleichen Grund 
sätzen, wie ja überhaupt mehrere 
Städte Italiens und Deutschlands 
auf römische Lager zurückzu 
führen sind. Der Schnittpunkt 
der beiden Hauptlinien, Cardo 
und Decumanus, wurde in der 
Regel durch ein Denkmal oder 
einen Altar besonders bezeichnet, 
oft auch zum Forum erweitert. 
Beim römischen Lager befindet 
sich hier das Praetorium, ein Viereck von etwa 200 Fuß 
Seitenlänge, mit den Zelten der Befehlshaber und dem Altar. 
Die Aufstellung nach den vier Himmelsrichtungen wurde 
möglichst durchgeführt, eine Abweichung gestatteten sich die 
römischenFeldmesser nur, wenn die natürlichenVerhältnisse 
hierbei zu große Schwierigkeiten entgegenstellten. Hervor 
zuheben ist noch, daß der Cardo bei der älteren Anlage 
des römischen Lagers mehr nach Westen liegt, so daß 
die östliche Seite größer wird, hier lagerte die Masse des 
Heeres, in der westlichen Seite der Feldherr mit der aus 
erwählten Leibtruppe. 
Da die Stadt Rom durch die vielen Überbauungen sich 
so verändert hat, daß wir den älteren Zustand schwer 
feststellen können, wollen wir als Beispiel einer römischen 
Stadtanlage Pompeii betrachten, das nach den Ausgra 
bungen ziemlich vollständig vor uns liegt (siehe hierzu 
Tafel 17). Wir haben hier offenbar zwei Bauperioden vor 
uns, die wohl auf die ersten Bewohner Pompeiis, die Os 
ker und Etrusker zurückzuführen sind. Die älteste An 
lage scheint der um das Forum gelegene Teil zu sein. Die 
Merkuriusstraße bildet hier den Cardo, die Strada dell' 
Abbondanza den Decumanus maximus. Später, mit der 
Anlage der großen Ringmauern, wurde die Stadt bedeutend 
erweitert, neu abgesteckt und eingeteilt. Die Strada Sta- 
PDRTA-PniNClPALIS-SINISTRA. 
Abb. 3. 
PRAE 
T]RIUN . 
“D 
ZX3 
D ARA. 
— o 
— IS 
3» 
>■ 
TD 
PQR 
■-t- 
TA'PfWETORIA, 
PORTA-PfllNCIPALIS-DEXTRA.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.