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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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düsteren Zypressenhainen malerisch hervorschauen, finden 
wir an einem steilen Bergabhange in Neapel, und bedarf es 
wohl keiner großen Phantasie, uni sich ihre Schönheit vor 
stellen zu können. 
Der italienische Totenkultus ist ein uralter und stammt 
schon aus der Zeit der Christenverfolgung, in welcher in 
den Katakomben eine ähnliche Beerdigungsart stattfand. 
In dem in Italien vorherrschenden leichten Boden und in 
der trockenen Sommerzeit kann der Tote bald austrocknen, 
was man dadurch begünstigt, daß man den ganzen 
Begräbnisplatz über das umliegende Gelände emporhebt 
und mit einer niedrigen Futtermauer umfaßt. Dies aus 
praktischen Gründen sich ergebende Motiv, prägt der 
Stätte eine besondere Weihe auf, da sie durch ihre erhöhte 
und geschütztere Lage würdiger zur Aufnahme unserer 
Leiber erscheint. Durch dieses Verfahren zeigt die Leiche 
nach Jahresfrist kaum Spuren des Verfalls; sehr häufig 
kommt es vor, daß die bei der Ausgrabung anwesenden 
Verwandten, von der Freude des Wiedersehens fortgerissen, 
den seit einem Jahre Entschlafenen herzen und küssen. 
Die Hinterbliebenen setzen auch später alles daran, die 
Mumie möglichst lange in gutem Zustande zu erhalten. Es 
werden zu diesem Zwecke eine ganze Reihe von Menschen 
beschäftigt, welche die Nischen lüften und reinigen; arme 
Leute besorgen auch wohl die Arbeit selbst. 
Diese Mumienpflege geht oft so weit, daß man die Ge 
beine gleich Reliquien mit Gold und Silber kunstvoll an 
einander befestigt, um dem völligen Verfall entgegenzutreten. 
Die ganz armen Toten, die kein Geld für einen Beerdi 
gungsplatz, noch für eine Nische hinterließen, werden auf 
Gemeindekosten in einer großen Nische zusammen unter 
gebracht und, um Begräbnisfläche zu sparen, in Massen 
gräbern beigesetzt. Man hat sich z. B. auf dem Friedhof 
in Neapel dadurch geholfen, daß man 365 große Löcher in 
den Erdboden grub und diese mit großen Steinplatten ab 
deckte, An jedem Tage im Jahre hebt man nun eine dieser 
Platten ab, um die an dem Tage Entschlafenen aufzunehmen. 
Mag uns auch dieser Totenkultus abstoßen, so müssen 
wir uns, besonders auch beim Anblick der monumentalen 
Friedhöfe in Genua, Mailand, Florenz und Neapel, ihrer 
kostbaren Gemeinde- und Einzelgruften mit ihren Bild 
werken, zugestehen, daß der Italiener bei weitem mehr als wir 
für den Gottesacker übrig hat. Bewundern wir also den 
italienischen Friedhof, und wollen wir mit dem unsrigen an 
Pracht undSchönheit mit ihm wetteifern, so müssen wir auch 
mehr für ihn opfern. Säulenhallen, prächtige Grabkapellen, 
Standbilder und vernünftige Gartenschöpfungen sind eben 
kostspielig. In meiner Praxis hat man mir indessen meist 
zugemutet, Friedhöfe für einen Preis herzustellen, für wel 
chen man kaum ein Stück Ackerland hätte bearbeiten und 
einfriedigen können. In der Tat sind unsere deutschen 
Friedhöfe meist nichts anderes als ein umfriedigtes, not 
dürftig eingebautes und bepflanztes Ackerstück. 
Kommen wir nun an das Vergleichen zwischen 
italienischem und deutschem Friedhof, so wäre es eine 
Torheit, in Deutschland Friedhöfe nach italienischem Stil 
anlegen zu wollen. Der Deutsche würde sich mit diesem 
Nischen- und Mumienkultus nie einverstanden erklären. 
Lebt beim Italiener die Katakombe weiter, so sucht der 
■Deutsche im Walde sein Ideal. Jedoch vom italienischen 
Kirchhofe können wir ebenso gut lernen, wie schon mancher 
andere an Italiens Kunstschätzen sein Kunstverständnis er 
weitert und gebildet hat. Schon in seiner Grundrißanordnung 
zeigt uns der Italiener, daß er im Friedhof nur einen Ort 
zum Unterbringen seiner Toten sieht. Diese einfache, ver 
nünftige, uns so klar erscheinende Anschauung findet man 
indessen mDeutschland nur sehr selten vertreten; oftversucht 
der deutsche Gartenarchitekt einen Friedhof dadurch vor 
nehmer zu gestalten, daß er ihm, auf Kosten der Zweck 
mäßigkeit, das Gepräge eines landschaftlichen Parks zu 
geben bestrebt ist, Dieses sonderbare Tun entspricht der 
Liebe des Deutschen zum Walde. Hierbei erzielt man 
jedoch durchaus nichts waldartiges; im besten Sinne wäre 
der Friedhof ein Park, wenn nicht die Gräberreihen wären, 
welche die Stelle des Rasens einnehmen, und die mit ihrem 
wilden Chaos von Grabsteinen und Kreuzen dem ange 
strebten Ideale geradezu Hohn sprechen. Dies fühlt man 
auch durch, und man versucht nun durch schmale Pflanz 
streifen, Hecken usw., die Grabfelder dem Auge zu ver 
bergen und legt wohl, um diese Täuschung vollständig zu 
machen, wenige Meter breite Schneisen quer durch das 
Friedhofsgelände. Beispiele solcher Friedhofspark- und 
-waldkonglomerate finden wir sehr häufig, besonders in 
großen Städten, wo man das Publikum mit dieser aller 
dings billigen Schwindelkunst über die Öde und Leere 
unserer Friedhöfe hinwegtäuscht. Man wird mir nun sagen, 
bei genügendem Platze ließe sich ein derartig großer Park 
schaffen, daß man trotzdem Rasen anlegen und die Gräber 
unauffällig in dieser Anlage unterbringen könnte; das hätte 
denn auch den Vorteil, daß auch der nicht Trauernde etwas 
von demFriedhof hätte. Ich will nungegen meine praktischen 
Erfahrungen annehmen, man fände wirklich eine Stadt, die 
gewillt wäre, ein solch großes Gelände herzugeben, und ein 
Heer von Friedhofsbeamten zu unterhalten, um die zerstreut 
liegenden Grabflächen überhaupt beaufsichtigen zu können, 
so könnte ich mir doch nichts weiheloseres vorstellen, als 
eine Störung des Trauernden durch lustwandelnde Spazier 
gänger. Das wäre dasselbe, als wollte man in einer Kneipe 
gleichzeitig Gottesdienst abhalten. {? D. S.) Meiner Ansicht 
nach hat auf dem Friedhofe nur der Trauernde ein Recht und 
diesem steht gewiß nicht der Sinn danach, sich zu zerstreuen 
oder angesichts der Gräber Natur zu kneipen. Warum denn 
auch zwei verschiedene Sachen verquicken wollen; man 
kann sie doch gewiß getrennt besser gebrauchen! 
Nach dem Vorhergehenden kommen wir nun von allein 
darauf, die io Italien übliche tektonische Grundrißform 
auch für unseren Friedhof als allein brauchbar zu be 
zeichnen. Man strebte nicht mehr danach, uns durch allerlei 
Trugmittel eine idealisierte natürliche Landschaft vorzu 
spiegeln; vielmehr sei es hier die Aufgabe des Garten 
architekten, nur Flächen und Räume vor allen Dingen 
zweckmäßig und schön zu teilen und zu gestalten! Auch 
nach diesem Gesichtspunkte arbeitende Künstler werden 
durch geschicktes Verteilen von Licht und Schatten her 
vorragend schöne Friedhöfe erzielen, die überdies noch 
den nicht zu unterschätzenden Vorteil haben, weniger Platz 
einzunehmen und praktisch zu sein. Mit der Hauptanlage 
ist es nun nicht allein getan; die innere Ausstattung des 
Friedhofes ist ebenso wichtig. Bei uns sündigt man gerade 
in dieser Hinsicht am meisten. Man bekommt ordentlich 
Kopfweh, wenn man den sinnlos zusammengewürfelten 
Wald der verschiedenartigsten Kreuze und Denkmäler auf 
unseren Friedhöfen betrachtet. 
(Schluß folgt in Heft 7),
	        
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