Path:
Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 5.1908 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
7 
hinüber zur Straßenkreuzung. Erst wenn sie erreicht ist, 
braucht das Auge als neues Ziel das Stadthaus zu suchen, 
das in der Axe der Schneeberger Straße ziemlich weit 
entfernt liegt. — Über die Ausbildung der Platzwände ist 
noch folgendes zu sagen: 
Beide Plätze umgeben Häuser mit annähernd 16 m 
Höhe des Hauptgesimses. Dieses soll möglichst viele Gliede 
rungen der Fassaden unter sich zusammenfassen, um der 
Wand die nötige Ruhe zu geben. Klare First- und Giebel 
linien, in großen Zügen angeordnet, tragen zu derselben Wir 
kung bei. Wenn alle diese Momente künstlerischer Massen 
wirkung ausgenützt werden, kann die Fassadenausbildung 
im Einzelnen schlicht, einfach und doch wirksam sein. 
Die Bordsteinanlagen, die ja im Platze selbst nicht mit- 
wirken, wollen nur vorschlagen, wie der Platz durch seine 
Aufteilung dem Durchgangsverkehre verschlossen werden 
soll, hingegen dem Anlieger- und Marktverkehr zugänglich 
bleibt. Geringer Durchgangsverkehre herrscht nur von der 
Marktstraße zur Kirchgasse, quer über den kleineren Platz 
hinweg. — An Markttagen stehen auf den beiden Plätzen 
dann, wie jetzt, die Verkauistände, zwischen denen sich 
hauptsächlich Fußgängerverkehr entwickelt. Der durch 
den Neubau beanspruchte Platz ist wesentlich kleiner als 
die alte Rathausgrundfläche, und wohl auch in Zukunft 
noch entbehrlich für den Marktbetrieb. Daneben weist 
das Markthaus die Verkehrsströmung an solchen Tagen 
in festere Bahnen. 
Architektonisch betont gedacht ist die südwestliche 
Ecke des Marktes. Hier hätte ein nur mäßig hoher Auf 
bau in Form einer Tribüne gut Platz, Mit Dach als Pavillon 
ausgebildet, könnte er als Standort der sonntäglichen Platz 
musik dienen, bei feierlichen Gelegenheiten als Redner 
tribüne usw. Nach der Marktinnenseite kann sich eine be 
scheidene Brunnenanlage anlehnen. Der einzelne Baum 
soll so lange als möglich gepflegt werden als altes Zeichen 
des früheren landstädtischen Charakters. Stirbt er ab, so 
kann seine Stelle ein Verkaufsstand, z. B. Trinkhalle ein 
nehmen, aber ebensogut frei bleiben. Die Längswand des 
Markthauses bietet einem Denkmal oder Brunnen guten 
Hintergrund. 
Die Durchführung dieser Vorschläge scheint mir für 
alle Beteiligten einen günstigen Abschluß aufzuweisen 
gegenüber der Planung der Stadtverwaltung. Die Anlieger 
behalten meistenteils ihre Grundstücke in voller Größe für 
den Neuausbau, wenigstens in den Obergeschossen. Die 
durch malerische Gesamtwirkung mögliche Schlichtheit 
des einzelnen Hauses im Äußern macht das Bauen wesent 
lich billiger, oder kommt doch wenigstens der inneren 
Ausstattung zu gute. Die Stadt hat weniger Entschädigun 
gen für Abtretung von Grund und Boden zu zahlen. Außer 
dem gewinnt sie im Markthause neue Räume für öffent 
liche Zwecke in zentraler Lage. 
Dabei sind die Anforderungen des Verkehrs ebenso 
berücksichtigt, wenn man nicht gerade die Forderung auf- 
stellt, auch unbedeutende Straßen auf einen eingebildeten 
Riesenverkehr hin zuzuschneiden. 
Schließlich hat aber auch die unbeteiligte Allgemeinheit 
an der liebevollen Ausbildung des Kerns einer aufblühen 
den Stadt ihre berechtigte Freude, die gesteigert wird durch 
die Erkenntnis, daß die Neuschöpfung völlig innerhalb 
maßvoller Grenzen des Aufwandes bleibt und aus dem 
Alten sich organisch entwickelt hat. 
OBERKASSEL-HEERDT BEI DÜSSELDORF 
UND SEINE NEUE BAUORDNUNG. 
Die Gemeinde Oberkassel-Heerdt bei Düsseldorf hat 
eine Ergänzung zu der für die Landkreise des Regierungs 
bezirks Düsseldorf bestehenden Bauordnung erhalten und 
zwar von dem Gedanken ausgehend, daß die Gemeinde, 
gleichviel, ob sie mit der Möglichkeit einer einstmaligen 
Eingemeindung mit Düsseldorf rechnet oder nicht, sowohl 
wegen ihrer bevorzugten Lage, als auch wegen ihrer Eigen 
schaft als Vorort des schönen Düsseldorf besondere, die 
Bautätigkeit regelnde Aufgaben zu erfüllen habe. Es muß 
sowohl den Bedürfnissen der ruhige Wohnungen suchenden 
Bevölkerung, als auch denen der Industrie Rechnung ge 
tragen werden, für die beide das Gebiet gleich günstig 
liegt. 
Ohne Zweifel ist die Lage von Oberkassel-Heerdt 
eigenartig, man kann sagen, einzigartig, am ganzen Nieder 
rhein. Außer ihr gibt es in der Rheinprovinz nur noch 
eine Stelle, wo der Rhein einen so scharfen Knick macht, 
als hier*, diese Stelle ist bei Filsen-Boppard, wo man be 
kanntlich vom sogenannten Vierseenplatz aus den Rhein 
infolge der scharfen Krümmungen viermal als vier durch 
die Berge sich voneinander scheidende. Binnenseen zu 
schauen glaubt. 
Oberkassel-Heerdt liegt auf einer vom Rhein gebildeten 
Halbinsel oder, richtiger gesagt, Landzunge, die an der 
Stelle, wo sie in das Festland verläuft, eine größte Breite 
von nur 2,8 km zwischen den Ufern des Rheines hat; man 
kann also in ungefähr 30 Minuten hier quer über die Land 
zunge vom Ufer in Heerdt zum Ufer in Lörick gelangen. 
Die Länge der Landzunge beträgt ungefähr 4 km. Diese 
Zunge ist gewissermaßen in das Gebiet der Stadt Düssel 
dorf hineingeschoben. Ihr gegenüber liegen an der Süd 
seite die Lausward und der Düsseldorfer Halen, an der 
Spitze die Breitseite der Altstadt Düsseldorf, an der 
Nordseite das vormalige Ausstellungsgelände, der zu 
künftige Kaiser-Wilhelm-Park und weiterhin Golzheim. 
Von allen Stellen des Randes der Halbinsel aus wird man 
also dauernd über die grünen Wiesen und über den Rhein 
strom hinweg den Blick auf Düsseldorf haben. 
Daß für diese Halbinsel, deren innere Ausgestaltung 
auch für die Stadt Düsseldorf von Bedeutung ist, eine be 
sondere, auf ihr gegenüber und dessen Schönheiten Rück 
sicht nehmende Bauordnung erlassen wurde, kann also 
für Düsseldorf, wenn es mit der Eingemeindung rechnet, 
nur angenehm sein, um so mehr, wenn dadurch von 
vornherein Mißstände im Bauwesen verhütet werden, die 
man in vielen Vororten bitter beklagt. 
Die neue Bauordnung von Oberkassel-Heerdt sieht 
in Bezug auf die Breite und die Ausladung der Vorbauten
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.