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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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hat geholfen, das Gotteshaus hochzutreiben, nicht allein 
durch Steigerung der Höhe im Verhältnisse zur Grund 
fläche des Kirchengebäudes, durch Vervielfältigung und 
Höherführung der Türme, sondern auch oft durch Hebung 
der Grundfläche über den Erdboden, früh schon durch 
die Höhenlage (oft wohl wegen des Grundwasserstandes) 
des von niedrigen Mauern eingefaßten Kirchhofes (z. B. des 
mit prächtigen Bäumen bepflanzten Kirchplatzes zu Anger- 
münde, eines ähnlich behandelten in Landshut i. B.) — 
durch Auffüllung der aus den Fundamentgräben geschach 
teten Massen, durch Einebnung von Bodenmulden und dann 
durch Erbauung von Plattformen, im Hügellande von Futter 
mauern und Steinbrüstungen eingefaßt. Ansteigende Straßen 
und Freitreppen führen zum Kirchplatze empor (Dom und 
Ober-Pfarrkirche in Bamberg, Michaelskirche in Schwä- 
bisch-Hall, Dom in Erfurt, Abteikirche in Aachen- 
Burtscheid). In älterer Zeit hat Überdies oft die Anlage 
einer Krypta einen Unterbau geschaffen. Der geringe Um 
fang des Kirchplatzes mit seiner verhältnismäßig niedrigen 
Umbauung gibt den Maßstab für die Größe und Höhe des 
Gotteshauses ab (Münster in Straßburg). Cornelius Gur 
litt hat in seinem Werke über ,,die Kirchen“ (Handbuch 
der Architektur — Darmstadt, Bergsträßer) die Gesamt 
wirkung mit beredten Worten dargestellt. 
Die so gestellte Aufgabe hat die Gotik trefflich gelöst. 
Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn die in neuerer 
Zeit so beliebte Freilegung alter, auf Höhenwirkung und 
Untersicht erbauter Kirchen, die Harmonie des Gesamt 
bildes beeinträchtigt, die stolze Größe des Gotteshauses 
herabmindert. Zwar war der Maßstab des Bildes und 
der Kirche im Wandel der Zeiten, insbesondere nach Ein 
führung des von Italien hergekommenen Stockwerkhauses 
vielfach ein anderer, ein höherer geworden, so daß zur 
Wiederherstellung der ursprünglichen Wirkung ein Zurück- 
weichen der Platzwandungen geboten erschien. Doch ist 
man oft über das notwendige Maß hinausgegangen und hat 
namentlich der Döm zu Köln a. Rh., das Münster zu Ulm 
geschädigt, so daß schon Vorschläge auftauchen konnten, 
die auf eine Wiederverbauung der zu groß geratenen 
Plätze hinauslaufen. Neuerdings begeht man in Magde 
burg (Dom) denselben Fehler und hat in Stralsund (Ni 
kolaikirche) den besten Willen dazu, ihn zu begehen. In 
maßvoller Weise ist dagegen die Stadtkirche in Darm 
stadt vom Oberbaurat Hoffmann freigelegt worden, und 
zwar nach der Chorseite, während der Hauptbau durch 
eine niedrige Toreinfahrt mit der benachbarten Anbauung 
verbunden wurde. 
Die Renaissance hat sonst nicht viel an den alten Ver 
hältnissen geändert. Schon Camillo Sitte wies darauf 
hin, daß die weitaus größere Zahl der Kirchen in Rom 
eingebaut, dicht umbaut oder mit einer Seite, mit einer 
Ecke an die Wohnhausblöcke angelehnt ist. Auch in der 
Barockzeit, in der man sich doch auf so großräumige 
Wirkungen verstanden hat, ist diese Überlieferung lebendig 
geblieben, In München steht die Johanneskirche in der 
Straßenfront eingebaut, wie so manche Jesuitenkirche, 
z. B. die Hofkirche St, Michael ebenda mit dem vormaligen 
Jesuitenkolleg verbunden, die Martinskirche in Bamberg; 
die St. Andreas - Pfarrkirche in Düsseldorf an einer 
Straßenecke mit der Nordseite ebenfalls’an ein jetzt der Re 
gierung dienendes früheres Jesüitenkioster stoßend. Die 
Nord- und Ostseite der Nikolauskirche in Prag, des Stiftes 
Haug in Würzburg sind verbaut, die jetzt protestantische 
Ägidienkirche in Nürnberg ist dicht an die Bebauung 
herangeschoben. Und da, wo man einen größeren Platz 
anlegte, hielt man doch auf Geschlossenheit der Anlage, 
wie vor dem Dome zu Passau, dessen Westfront unter 
Überbauung des Einganges zu einer an seiner Südseite 
sich entlang ziehenden Gasse an die südliche Platzwandung 
stößt. Der den Dom zu Salzburg umgebende Raum ist 
gar durch die Westfront mit den benachbarten (erzherzog- 
liehen und fürstbischöflichen) Residenzen verbindende 
Säulenhallen in drei Plätze zerlegt. Besonders nahe liegen 
uns aber hier die neuen Kirchen des Protestantismus, die 
eng umbaute Kreuzkirche, die Frauenkirche zu Dresden, 
letztere schon etwas geschädigt durch den Abbruch und Aus 
bau kleiner Häuser gegen den„NeuenMarkt“hin. (C.Gurlitt, 
„Über Baukunst“, Verlag JuliusBard,Berlin), In Frankfurt 
a. M. ist die Katharinenkirche längs an die Straße gestellt, 
die Paulskirche in eine Ecke des Paulsplatzes gedrückt. 
Was haben nun derartige Betrachtungen für den pro 
testantischen Kirchenbau der Gegenwart zu bedeuten? 
Betrachtungen eines auf der Wanderschaft gewesenen 
Architekten, der an der Wirklichkeit sein Urteil zu schärfen, 
seine Empfindung für natürliche Lösungen zu verfeinern 
sucht. Dabei werden abstrakte Kunstmeinungen abgestreift. 
Eben deswegen läßt sich wohl daraus entnehmen, daß 
dieselbe Aufgabe, den jedesmal gegebenen Verhältnissen 
angepaßt, auf verschiedene Weise gelöst werden kann. Wie 
Freiheit in der Ausgestaltung der Kirche zu fordern ist, so auch 
Freiheit in der Aufstellung der Kirche, um zu der zweck 
entsprechendsten und würdigsten Lösung zu kommen. Wie 
steht es denn nun heute mit der Kirche im Stadtbilde? 
In der kleinen, in der Landstadt, in der nur langsam 
wachsenden Stadt, wohl nicht viel anders als früher. Zwar 
sind die Wehrmauern meist gefallen, oft auch die Stadt 
türme oder Burgen verschwunden; dafür hat sich hier und 
da der Dampfschornstein einer Fabrik eingestellt, ein 
Wasserversorgungsturm oder ein Aussichtsturm vielleicht 
nicht allzuweit davon. Für die Stellung der Kirche, die 
Bedeutung des Kirchturmes hat sich aber kaum etwas ge 
ändert. Ebenso liegt es in den Landhausvierteln und 
vielen Arbeitersiedelungen, in den Vororten der Groß 
stadt, überhaupt überall da, wo die Bebauungshöhe eine 
mäßige ist, wie noch in manchen Städten des westlichen 
Deutschlands. Doch wird eingewandt, die Volksgesund 
heit verlange heute breitere Straßen und größere Plätze, 
also auch weiträumigere Kirchplätze, Soweit diese An 
forderungen berechtigt sind, wird man sie erfüllen müssen 
— es kommt nur auf das Maß an; und in dieser Hinsicht 
dringt doch langsam die Überzeugung durch, daß man 
schon vielfach über das Notwendige hinausgegangen sei, 
und dies hat im Verein mit der unter den „Ratschlägen“ 
für den Kirchenbau in Preußen erhobenen Forderung: Die 
Würde des Gotteshauses erfordere eine freie Stellung, die 
Kirche gehöre auf einen offenen Platz und solle sich nicht 
an andere Gebäude anlehnen, insofern ungünstig gewirkt, 
als es in neuerer Zeit selten gelungen ist, Platz und Kirche 
in Harmonie zu setzen. Ausgezeichnete Stellung, reich 
liches Licht, bequeme Zugänge lassen sich erreichen, auch 
ohne daß es einer Freistellung bedarf. Nach Gurlitt 
kommt in jener Forderung „lediglich die allgemein geltende 
ästhetische Ansicht zum Ausdruck, daß für ein öffentliches 
Gebäude die Freistellung die würdigste sei“. — Daß man
	        
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