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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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in der Hauptsache zwischen 1780 und 1800 entstanden sind 
und, mit den prächtigen Barockanlagen Pedettis beginnend, 
eine Menge Ideen des Parisers Salin de Montfort, Pläne 
des Engländers Bourdet, streng an altrömische Fora an 
schließende Anlagen des Straßburger Architekten Antoine, 
endlich aber die wenigstens zum Teil ausgeführten, frei 
antikisierenden Entwürfe Friedrich Weinbrenners. Nur 
zum Teil verwirklichte Pläne zu Stadterweiterungen aus 
dem 18. und 19. Jahrhundert treten hinzu, fortgesetzt bis 
auf die Gegenwart und Zukunft. Nun aber beginnt das 
Neuland, zu dem gerade die eigentümlichen Karlsruher 
Verhältnisse den Weg erleichtern. Wir sind imstande, 
einen Plan zu zeichnen, der zeigt, wann eine jede Straße 
angelegt, einen anderen, wann sie bebaut ist. Ausführ 
liche Akten aus den Zeiten größter Bautätigkeit, vor allem 
von 1800 bis 1818 ermöglichen es, sie lassen uns auch die 
Entwicklung der Löhne, der Preise von Boden, Materialien 
und Gebäuden verfolgen, die Bildung der Viertel für die 
Vornehmen, die Geschäftsleute und das arme Volk. Häuser 
zahl, Einwohnerzahl, Straßenlänge — bei Berücksichtigung 
der, übrigens fast nur infolge dahingehender obrigkeitlicher 
Beeinflussung, steigenden Dichte der Bebauung, werden ver 
glichen. Hervorragend lehrreich ist die Entwicklung der 
Beamten- und Hofstadt parallel mit dem Wachstume des 
Landes, bis nach 1870 Industrie undVerkehr das Bild ändern, 
ohne es zu verwischen. Graphische Veranschaulichung 
der Bevölkerungsgliederung, ihr Verhältnis zur Zahl und 
Zunahme der Öffentlichen Gebäude und Anstalten zeigen 
dies. Darstellungen der Verteilung dieser Bauten, ihrer 
wechselseitigen Abstände sowie der Anlagen und Gärten 
würden folgen. Angabe der Verkehrswege vor und nach 
Anlage des gegenwärtigen Bahnhofes, dazu die voraus 
sichtliche Entwicklung nach Anlage des neuen, Abstufung 
der einzelnen Straßen nach ihrer Wichtigkeit für den Ver 
kehr und ihrer Lage für Industrie und Handel. Die sich 
hier vorbereitenden Umwälzungen lassen sich bereits emp 
finden. Eine andere Frage ist die Wertung der Geschäfts 
und Wohnstraßen nach Sonnen- und Schattenseite, die 
Nähe öffentlicher Gebäude, Bahnhöfe, Straßenkreuzungen 
usw. Dies wird zugleich veranschaulicht durch die Häufig 
keit des Häuserneubaues, der in der Altstadt natürlich am 
bedeutendsten ist, durch das Alter der Häuser in verschie 
denen Straßen und Straßenteilen, die Zahl ihrer Stock 
werke, vor allem aber selbstverständlich durch die Preise. 
Von Interesse sind auch gerade hier die Formen des 
Pnvatbauwesens. Bei der Gründung wurden überall kleine 
einstöckige Mansardhäuser in holländischer Art gebaut, 
nur am Schloßplatze zweistöckige, sämtlich von Holz; 
noch ein einziges besteht bis heute von ihnen! Dann nahm 
Carl Friedrich sich vor, seine Residenz von Stein neu zu 
schaffen, einfache aber schmucke Bauten in Putzstil, Ba 
rock und etwas Louis XVI. Jeder mußte nach dem so 
genannten Modell bauen; so blieb es auch bis ins 19, Jahr 
hundert hinein, nur daß sich das Modell jetzt meist auf 
die Masse beschränkte; für den Markt wurden besondere 
Modelle entworfen. Durch sogenannte Baugnaden, durch 
unverzinsliche Darlehen und durch weitherzige Unter 
stützungen seitens der Beamten und des Fürsten selbst 
wurde das Bauen neuer wie das Ersetzen alter Häuser 
gefördert. Für Pflasterung und Beleuchtung, Tore und 
Umgrenzungen der Stadt wurde Sorge getragen. Das mehr 
als reichlich erhaltene Material hierfür wird weiter er 
gänzt durch Entwürfe für Denkmäler und Brunnen, wie 
für die bedeutendsten Baulichkeiten. 
Es ist nicht möglich alles zu erwähnen, das an der 
modernen Entwicklung verfolgt werden kann, der Einfluß 
des Rheinhafens, der Straßenbahnlinien. Zu berücksichti 
gen ist vor allem die ästhetische Bewertung des ursprüng 
lichen Stadtplanes und seiner Erweiterungen, Straßenbilder 
und Plätze. Es ist viel verdorben, aber doch auch manches 
glücklich gelöst worden und kann — das ist das wichtigste 
— noch viel nachgeholt werden; es ist noch Zeit, aber es 
kann bald zu spät sein! Der im „Städtebau“ vorigen Jahr- 
veröffentlichte Wettbewerb hat gezeigt, daß Wollen und 
Können dazu vorhanden ist, hoffen wir, daß Karlsruhe in 
Zukunft als Beispiel modernen Schaffens einen Ehrenplatz 
in den Annalen unserer Wissenschaft einnehmen kann und 
daß in der Weise, wie es hier nur flüchtig skizziert werden 
konnte, an recht vielen Orten unser Blick für die Ent 
wicklungsbedingungen der Vergangenheit und die Auf 
gaben und Verhältnisse der Gegenwart geschult werde; 
die Praxis wird dafür dankbar sein können und der 
Wissenschaft werden eine Fülle von Anregungen und 
neuen Pfaden erschlossen werden! 
KLEINE MITTEILUNGEN. 
B auordnung für grossstadterweiterun- 
GEN UND WEITRÄUMIGKEIT. Mit besonderer Berück 
sichtigung Berlins von Th. Oehmke, Reg.- und Baurat a. D. Gr. Lichter- 
felde-Berlin. Mit 15 Abbildungen, davon zwei Tafeln. Sonderabdruck 
aus dem „Technischen Gemeindeblatt“ 1906, Nr. 4, 5 und 6. Berlin, 
Carl Heymanns Verlag, 1906. 0,80 M. 
I Aer in Nr. 5 des vergangenen Jahrgangs unserer Zeitschrift mitgeteilte, 
von der Königl. Staatsregierung beim preußischen Landtage einge- 
brachte Gesetzentwurf, die VERUNSTALTUNG DER STRASSEN 
UND PLÄTZE betreffend, war schon vom Herrenhause, und zwar mit 
einigen nicht unerheblichen Änderungen, die sich sogar auf die Überschrift 
erstreckten, angenommen, im Hause der Abgeordneten aber nicht mehr 
zur Beratung gekommen. Infolgedessen hat folgende Kundgebung auf dem 
Vll. Tage für Denkmalpflege in Braunschweig Annahme gefunden: 
,,Der Tag für Denkmalpflege begrüßt die Einbringung eines Gesetz 
entwurfs seitens der Königl. preußischen Staatsregierung betreffend den 
Schutz gegen die Verunstaltung der Straßen und Plätze in geschlossenen 
Ortschaften und die einmütige Annahme der Vorlage der Herrenhauskom- 
mission in der Sitzung des preußischen Herrenhauses am 28. Mai d, J, 
auf das freudigste und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß bei dem nächsten 
preußischen Landtage von neuem eine Gesetzvorlage über diesen Gegen 
stand eingebracht und seitens der beiden Häuser des Landtages in gleich 
einmütiger Weise angenommen werde. 
Er betrachtet das höchst dankenswerte Vorgehen der Königl. preußi 
schen Staatsregierung als den ersten Schritt auf dem Wege zu einer all 
gemeinen gesetzlichen Regelung der Denkmalpflege in Preußen.“ 
Bei der Wichtigkeit der Sache setzen wir die Regierungsvorlage noch 
einmal hierher und zum Vergleiche daneben die Beschlüsse des Herren 
hauses.
	        
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