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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
22 
DIE BODENREFORM UND DIE STÄDTE. 
Von Zivil-Ingenieur OTTO GEISSLER, Groß-Lichterfelde. 
Nach der Wirtschaftslehre der Bodenreformer sind zu 
jeder produktiven Tätigkeit drei Faktoren nötig: Boden, 
Arbeit und Kapital. Boden umfaßt die ganze sichtbare 
Schöpfung mit Ausnahme des Menschen: alle natürlichen 
Stoffe, Kräfte und Vorteile. Wie es der Wortführer der 
Bodenreformer, Damaschke, ausdrückt: „Es ist das Feld, 
auf dem sich der Mensch betätigen, das Vorratshaus, aus 
dem er seine Bedürfnisse befriedigen, das Rohmaterial, mit 
und an dem er Arbeit verrichten kann“. Arbeit ist jede 
menschliche Anstrengung, die Werte erzeugen soll, und 
Kapital schließt alles ein, was weder Boden noch Arbeit 
ist, aber durch die Vereinigung beider hervorgebracht 
wurde, und als Vorrat oder als Werkzeug wieder der Pro 
duktion dient. „Boden und Arbeit sind die Voraussetzungen 
jeder menschlichen Tätigkeit — und in der modernen Volks 
wirtschaft tritt in der Regel das Produktionswerkzeug, das 
Kapital, als dritter Faktor hinzu“. 
Boden, Arbeit und Kapital teilen sich in den Ertrag 
jeder menschlichen Tätigkeit. Für die Benutzung des 
Bodens oder anderer Naturvorteile wird eine Grundrente 
gewährt, die Arbeit bekommt den Lohn und das Kapital 
Zins. Die Begriffe sind scharf zu scheiden. Zur Grund 
rente gehört z. B. keineswegs eine Vergütung für Ver 
besserungen des Landes, für aufgeführte Bauten u. dergl. — 
sie ist nur die Bezahlung für Benutzung der Rohmaterialien, 
des Bodens oder seiner Erzeugnisse. Lohn ist jede Ver 
gütung für geistige oder körperliche Bemühung, und Zins 
die Entschädigung für Benutzung des Kapitals, der Wohn- 
und Werkstätten, Vorräte, Werkzeuge, Maschinen usw. 
Die Bodenreformer meinen nun, daß die eingetretene 
Entwicklung diese drei Werte in gefahrbringender Weise 
verschoben hat, und lehren das an folgendem Beispiel: 
Wo heute Berlins Häuser sind, standen vor 1000 Jahren 
zwei arme wendische Dörfer. Die Arbeit ihrer Bewohner 
war, zu fischen oder die mageren Äcker zu bestellen. 
Kapital waren Boot, Holz, Pflug, Haus und Vorräte, die 
Grundrente wurde als eine Abgabe an den Schutzherrn 
geleistet. Die Arbeit nährte; der Wende konnte in ruhigen 
Zeiten ohne allzu bittere Sorgen leben. Das Kapital trug 
ausreichend Zins, denn jede Verbesserung an Netz und 
Pflug, an Boot und Haus, erleichterte die Arbeit und machte 
die Erträge reichlicher. Die Grundrente wurde in Natu 
ralien entrichtet und stand wohl im Verhältnis zu den Er 
trägen von Lohn und Zins, denn niemand konnte mehr 
geben, als er hatte (was oft wohl wenig genug war). — 
Jetzt sind 1000 Jahre voll Mühe und Arbeit dahin ge 
gangen — der Menschheit Streben hatte Erfolge, die kein 
noch so kühner Traum erhofft hatte: Erfindungen und Ent 
deckungen, Maschinen und Verkehrsmittel bringen der 
Arbeit die unerhörtesten Erleichterungen . . . und das Er 
gebnis von alledem? — Die Arbeit ringt noch heut in 
hartem Kampfe gegen Sorgen und Entbehrungen, und auch 
das Kapital muß sich, von seltenen Ausnahmen abgesehen, 
immer noch mit verhältnismäßig geringem Ertrage be 
gnügen. Aber die Quadratmeile armseligen Sandbodens, 
auf dem Berlin steht, gilt heute vier Milliarden Mark — 
und an jedem Arbeitstage müssen Berlins Bewohner 
500000 M. allein für die Bodenbesitzer verdienen. „Das 
ist nun Bodenreformlehre: Diese Grundrente soll das 
soziale Eigentum und durch irgend welche Reformarbeit 
der Gesamtheit zurück errungen werden“. Denn nur die 
Gesamtheit hat das Steigen der Bodenpreise verursacht, - 
verlassen heut Berlins Bewohner ihre Scholle, ist der Boden 
wieder wertlos wie jetzt der von Troja, Babylon oder 
Kathago. 
Es ist viel ehrliche Arbeit aufgewendet worden, um 
herauszuflnden, wie solche Bodenreform möglich gemacht 
werden kann. Auch die rücksichtslosesten Vertreter der 
neuen Lehre geben zu, daß eine etwaige Umwandlung mit 
äußerster Vorsicht erfolgen müßte, wenn Wirtschaftskata- 
strophen ungeheuerlichenUmfangs vermieden werden sollen. 
Sie legen sich die Sache so zurecht: Die Bodenwerte in 
den Städten begannen zu steigen, als einzelne Besitzer er 
kannten, daß ihre Grundstücke für Stadterweiterungen not 
wendig gebraucht wurden, und sie darum festhielten, bis 
ihnen der gewünschte Preis gezahlt wurde. Schließlich 
waren dann Grund und Boden so teuer, daß Häuser mit 
wohlfeilen oder preiswerten Wohnungen nicht mehr gebaut 
werden konnten. „Die schrankenlos der Privatspekulation 
überlassene Grundrente ist die Ursache des Bodenwuchers“ 
— also die Bodenspekulation muß eingedämmt werden. 
Das soll durch eine hohe Besteuerung der unbebaut liegen 
den Flächen geschehen, durch die der Besitzer gezwungen 
wird, seine Grundstücke bald zu verwerten. Bis vor 
kurzem wurden in deutschen Städten für unbebaute Grund 
stücke Gemeindesteuern nach dem Nutzungswerte gefordert, 
der bei brach liegenden Geländen natürlich gering Ist. 
Die Bodenreformer wollen die Steuer nach dem gemeinen 
Werte, dem Verkaufs werte der Grundstücke erhoben sehen. 
In Breslau war der Steuerertrag von unbebauten Grund 
stücken im Jahre 1898 nach dem Nutzungswerte nur 10800M.; 
dann führte die Stadt die Steuer nach dem gemeinen Wert 
ein, die sofort 316000 M. brachte. - Außerdem soll eine 
Wertzuwachssteuer erhoben werden. In Charlotten 
burg betrug 1886 der Bodenwert 45 Millionen Mark, 1897 
war er auf 300 Millionen gestiegen. „Diese Riesenwerte 
werden von der Allgemeinheit erzeugt, ohne das Hinzutun 
des Einzelnen, dem diese Reichtümer mühelos in den Schoß 
fallen. Ist es da unbillig, das Zunehmen der Werte mit 
einer Steuer zu belegen, um diese Zunahme wenigstens 
zum Teil den notwendigen Erfordernissen der Allgemein 
heit zu retten?“ — Und dann wird noch ein drittes vor 
geschlagen: jede Gemeinde soll soviel Land wie möglich 
in eigenen Besitz bringen, überall, wo sie Land zum Ver 
bessern und Vermehren der Wohnungen braucht, es zu 
angemessenen Preisen enteignen dürfen. Das Gemeinde 
land soll dann an einzelne Nutznießer gegen eine jährliche 
Rente auf eine Reihe von Jahrzehnten mit Erbbaurecht 
verpachtet werden zu Bedingungen, die wucherischer Aus 
nutzung des Bodens wehren. Mit wohlfeilen Pachtpreisen 
soll die Gemeinde auf die übrigen Grundstückspreise drücken, 
sie dadurch niedrig halten, und so nach und nach billige 
Wohngelegenheiten schaffen. 
Die moderne Bodenreform beschränkt sich freilich nicht 
auf die Städte. Ein wesentlicher Teil handelt von der 
Reform der Verschuldung des Früchte tragenden Landes.
	        
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