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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Stadtbahn und Vorortlinien haben im großen ganzen 
folgenden Verlauf: Wientallinie, die in ihrer unteren Hälfte 
sich gabelt und als Gürtellinie und Donaukanallinie einen 
inneren Bahnring bildet. Ein äußerer Ring bestreicht den 
südlichen Gürtel und die westlichen und nordwestlichen 
Vororte in weitem Bogen und kehrt als Donauuferbahn 
nach Süden zurück. 
Die elektrischen Bahnen folgen, wie schon erwähnt, 
der Hauptsache nach den großen Radialen und deren 
Zwischenradien, ferner dem Ring, dem Außenring und 
dem Gürtel nebst einer zwischen Außenring und Gürtel 
eingeschobenen, vielfach gebrochenen Kreislinie. Die Alt 
stadt hat nur Omnibusverkehr. , 
Der südliche Gürtel also, der Wiedener Gürtel, wird 
von der Stadtbahn und gleichzeitig dem massiven Körper 
der Südbahn kräftig nach außen hin abgeschlossen. Es 
folgt ein kurzes, teilweise noch unfertiges Gürtelstück bis 
zum Wiental, von da ab durchzieht ihn wieder die Stadt 
bahn. Vom Wienthal hebt sich die Straße auf den Hügel 
„die Schmelz“, die Bahn versinkt dabei in den Boden und 
wird von Anlagen überdeckt, steigt aber mit dem Fallen 
der Straße wieder hervor und erhebt sich auf Steinbogen, 
die im Norden, wo die Straße zum Alsergrund hinabtaucht, 
eine eindrucksvolle Höhe erreichen. 
F. Der Wald- und Wiesengürtel. (Vergl. Textbild i, 
S. 129.) 
Über den äußersten Kranz der Stadt, den Wald und 
Wiesengürtel, lassen sich naturgemäß noch keine Beob 
achtungen mitteilen, weil er noch nicht besteht. Wer sich 
jedoch für diesen wahrhaft großartigen Plan näher inter 
essiert, der sei hingewiesen auf die Broschüre: „Der Wald- 
und Wiesengürtel Und die Höhenstraße der Stadt Wien“ 
mit 5 Plänen erschienen in Wien 1905, in Kommission bei 
Gerlach und Wiedling, sowie auf die eingehende Behand 
lung dieses Gegenstandes in Heft 7 des 111. Jahrganges 
vorliegender Zeitschrift. 
Es handelt sich, kurz gesagt, um einen zusammen 
hängenden grünen Gürtel wechselnder Gestalt, der im 
ganzen eine Bodenfläche von 4400 ha bedecken soll. An 
den nordwestlichen und westlichen Abhängen des Wiener 
Waldes soll außerdem eine Höhenstraße angelegt werden, die 
am Waldrande, durchschnittlich 183 m hoch überm Donau 
spiegel hinführend, einmal sogar mit Viadukt ein Ted über 
spannend, als Aussichtsstraße größten Stiles gedacht ist. 
Jedenfalls blickt man mit größter Spannung und nicht 
ohne Sorge der künstlerischen Lösung dieser Aufgabe ent 
gegen. Denn sieht man im Schatten der Alleen zu Belve 
dere oder Schönbrunn den kleinen Bürger wandeln, so 
kann man sich des Vergleiches zwischen der wahrhaft 
großen Idee solcher Parkanlagen und der Spießbürgerlich 
keit des heutigen Besuchers nicht erwehren. Andererseits 
muß man eine Art historischer Gerechtigkeit darin er 
blicken, daß heute der Bürger genießt, was der Absolutis 
mus mit dem Schweiße seiner Vorfahren düngte. Mag der 
durch Einigkeit erstarkte Bürger nun zeigen, was er selbst 
ständig zu schaffen vermag. Selbständig schaffen schließt 
ja nicht aus, daß man von andern lernt. Die künstlerische 
Aufgabe des Wald- und Wiesengürtels, die recht ver 
standen, alle praktischen Zwecke der Gesundheitslehre und 
Menschenfreundlichkeit von selbst einschließt, besteht darin, 
den Übergang von der Stadt zur freien Natur zu gestalten. 
Und was wir an den alten Parkanlagen, ganz absehend 
vom jeweiligen Stil, immer bewundern müssen, ist gerade 
die Art und Weise, wie der Garten zunächst eine Erwei 
terung des Schlosses bildet und dann allmählig zur freieren 
Natur, in großen Beispielen zum offenen Walde überleitet. 
G. Bezirke und Stadtteile. (Vergl. Tafel 75.) 
Auch die Einteilung der Bezirke entbehrt nicht einer 
gewissen Logik. Bezirk I ist die innere Stadt, Bezirk II 
die Leopoldstadt jenseits des Donaukanals. Die Bezirke 
III—IX lagern sich zwischen Außenring und Gürtel, die 
Hauptradialen geben großenteils die Grenzen ab, Bezirk 
und Hauptradialen tragen denselben Namen und auch das 
jeweils angrenzende Stück des Gürtels ist meist ent 
sprechend benannt. Gewiß hätte es die Übersichtlichkeit 
erhöht, wenn man dabei noch folgerechter verfahren 
wäre. Man ließ sich aber offenbar gelegentlich von der 
Rücksicht auf die Gestalt der ehemaligen Vorstädte und 
daraus entsprungenes Herkommen bevormunden, einer 
Rücksicht, die mit Verstand und ohne Kleinlichkeit geübt, 
ja die natürlichste Beraterin des Städtebauers ist. 
Auch die übrigen Bezirke, die außen am Gürtel sich 
anreihen, haben Gestalt und Namen der ehemaligen Vor 
orte und liegen als solche großenteils noch von einander 
getrennt. 
Von Gliederung der Stadt nach einzelnen Funktionen 
stellt sich Folgendes sichtbar und erkennbar dar: Geschäfte 
und Verkaufsläden in der Altstadt; Regierung und Ver 
waltung auf der Zone zwischen Ring und Außenring; 
Theater, Museen und Hochschulen, also Kunst und Wissen 
schaft am Ring; die leichten Künste, die der Belustigung 
und Zerstreuung dienen, im Prater mit seiner charakte 
ristischen Teilung in „Nobelprater“ und „Wurstlprater“; 
Handel am Donaukai; Industrie auf der Insel zwischen 
Strom und Kanal, ferner jenseits der Donau in Florisdorf 
und Kaisermühlen. Doch ragen auch anderwärts zerstreut 
die Schlote auf. Landhäuser und Villen liegen am West- 
und Nordwestrande der Stadt, ohne daß sie jedoch in einer 
ähnlich einheitlichen Anlage zusammengefaßt wären, wie 
z. 6. die Berliner Grunewaldkolonie sie darstellt. Es 
mögen noch andere Funktionen der Stadt sich zentralisiert 
haben, doch ohne es zu unmittelbar sichtbarer Deutlich 
keit gebracht zu haben. 
Wer nun mit „wissendem“ Auge, von dem wir zu 
Anfang sprachen, das Stadtbild Wiens im ganzen noch 
mals überschaut, der sieht, daß hier eine einheitliche Idee 
das Werden einer Großstadt leitete, und daß diese Idee 
als Ganzes bewußt war und ist, denn ihre Verwirklichung 
wurde und wird auch in den Teilen mit mehr oder minder 
Glück angestrebt. 
Und wenn man bei Durchquerungen Berlins in betrüb 
licher Weise an das Gedicht vom Zauberlehrling erinnert 
werden kann, so ist es andererseits der Anblick mensch 
licher Vernunft und Schöpferkraft, kurz des im weiten 
Sinne künstlerischen Vermögens, was einem beim Durch 
wandern der Straßen Wiens stolz und froh zu Mute macht. 
Menschen, die Ziffern lieben und ohne Ziffernbeweis nicht 
an die Notwendigkeit künstlerischer Sichtbarkeit glauben 
können, mögen dies stolze und frohe Gefühl aller Besucher 
und Bewohner einer Stadt in Premdenverkehrszahlen und 
Steuersummen umrechnen.
	        
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