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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Kaiserstraße sind die guten Werke so in der Minderzahl, daß sie durch 
die sie umgebenden minderwertigen Arbeiten erdrückt werden. 
Das rasche Wachstum der Stadt bedingt eine Entwicklung des Ge 
schäftsbetriebes, der mit Rücksicht auf die Wertsteigerung des Geländes 
den letzten Quadratzentimeter auszunutzen sucht, und der wachsende Wett 
bewerb zwingt den Kaufmann, seine Ware mehr als bisher in den Vorder 
grund zu schieben. Kurz, es entstehen neue Bedürfnisse, die sich nur 
schwer in das alte bauliche Gewand kleiden lassen. Die Industrie will 
diesen Bedürfnissen entgegen kommen, bringt aber, solange ihre Ware 
nicht von Künstlerhand vorgezeichnet war, Surrogate auf den Markt, die 
den Schaden noch vergrößern. Der Hauptumschwung der Verhältnisse 
wird durch die Einführung der raumerspareitden Eisenstützen bewirkt. 
Damit wurde die Aufgabe des Geschäftshausbaues eine so schwierige, daß 
sich wahrlich nur die Besten hätten daran versuchen sollen. Aber der 
Hauptauftraggeber, der Spekulant, sucht an Architektenhonorar zu sparen. 
Es ist eine logische Folge, daß die von ihm Beauftragten nicht nur mit 
ihrer eignen Arbeit, sondern auch durch ihre Geschmacksbeeinflussung auf 
die großen Massen und damit wieder auf ernststrebende Architekten, die durch 
die Massen zur Nachgiebigkeit gezwungen werden, schädigend wirken. 
Das Warenhaus oder das allein zu Geschäftszwecken dienende Haus 
ergab natürlich in seinem Aufbau leichter eine befriedigende Lösung als 
das vereinigte Wohn- Und Geschäftshaus. Die charakteristische Waren 
hauslösung, mit der der Berliner Architekt Messel in seinem Wertheim 
bau tonangebend wurde, hat hier im System nur das Haus Robinsohn als 
Nachahmnng gezeitigt. Das Warenhaus vollständig in Eisenkonstruktion 
herzustellen, ist eine dankbare Aufgabe, die weiter fortschrittlich entwickelt 
werden kann. Weit schwieriger ist die Lösung des vereinigten Wohn- 
und Geschäftshauses. Die richtige Lösung scheint mir da zu sein, wo 
der die Pfeiler abdeckende horizontale Sturz sich ungeteilt so stark zeigt, 
daß die Tragfähigkeit dieser horizontalen Massen dem Auge sicher er 
scheint. Aber auch beim vereinigten Wohn- und Geschäftshaus ist man 
hier, wie in anderen Großstädten häufig zu der einfachen Lösung des 
Pfeilerbaues zurückgekehrt, wie das z. B. auch bei dem Neubau des „Hohcn- 
zollernhauses“ von v. Seidl geschehen ist. Ein Problem ist mit einer 
solchen Ausführung nicht gelöst und es bleibt Aufgabe der Zukunft, eine 
Lösung für einen Bau aus Eisen und Stein zu Anden. Die immer größer 
werdende Ausdehnung der Geschäftsräumlichkeiten in der neuen Kaiserstraße 
hatte zur Folge, daß in den alten Straßen die Räumlichkeiten auch nicht mehr 
ausreichend gefunden wurden, und viele ehrwürdige Bauten mußten fallen, 
z. B. der schöne alte Englische Hof, an dessen Stelle mit Ausnahme des 
Hauses „Schwarzschild Ochs“ Häuser entstanden sind, die den historischen 
Roßmarkt in seinem Aussehen bedenklich beeinflussen. Ertragreich mögen 
diese Häuser schon sein, daß dagegen das schlechte Aussehen eines Hauses 
im Verhältnisse zur steigenden Ertragsfähigkeit steht, ist wohl Einbildung. 
Es ist unerklärlich, daß unsere Geschäftsleute, die an woblgewählter Ware 
so viel guten Geschmack beweisen, im allgemeinen so wenig Geschmack 
f Ür den Rahmen der ihre Waren umgebenden Häuser haben. Hier müssen 
sich Faktoren geltend machen, die den ernst strebenden Architekten bis 
jetzt Geheimnis geblieben sind. 
Für die architektonische Behandlung der öffentlichen Gebäude ist der 
hier herrschende Geschmack, der sich um das Jahr 1880 herum für Bau 
ten gebildet, aber nicht den Verhältnissen entsprechend weiter entwickelt 
hat, maßgebend. Es würde zu weit führen, hier alle diese Gebäude, wie 
das Rathaus, den Römerumbau und die jüngst errichteten Akademiegebäude 
usw. usw. zu behandeln. Einengroßen Teil dieser Gebäude machen die 
fast durchweg von einer Bauuntemchmerfirma errichteten Bankgebäude aus, 
die ihren Straßenfassaden nach Monumentalbauten von großer Schönheit 
voratellen, die aber von dieser Monumentalität auf ihren Hinter- und Seiten 
fassaden oft verlassen werden. — Eine Entwicklung neuer Ideen ist bei 
diesen Bauten, ebenso wie bei den vorhin genannten öffentlichen Gebäuden 
grundsätzlich vermieden und darin ist wohl der Grund zu suchen, daß 
Frankfurt selbst inbezug auf seine großen Arbeiten anderen Städten gegen 
über, wie Karlsruhe, Parmstadt usw. in architektonischer Beziehung ins 
Hintertreffen geraten ist. Dabei darf allerdings nicht verkannt werden, daß, 
wenn Frankfurt in baulicher Entwicklung den hergebrachten Weg verließ, 
wie beim Bau des Theaters, es eine arge Niederlage erlitt. — Aber diese 
Niederlage ist nicht durch den neuen Gedanken, sondern durch die Art, 
wie derselbe gebracht wurde, bedingt. 
Was uns von Monumentalbauten von Berlin aus gebracht wurde, 
konnte, abgesehen vom Zirkusbau, nur wenig befriedigen. — Das die Zeil 
bedrückende Postgebäude hätte nach dem schönen Vorbilde des Thurn- 
und Taxis’schen Palaste mit einem Hofe an der Zeil ausgebildet werden 
müssen. Eine gleiche Anlage wäre auch unbedingt für das Gebäude des 
Eisenbahnfiskus am Hohenzollernplatze nötig gewesen. Unter der zur Aus 
führung kommenden Anlage wird die Mathäuskirche bedenklich zu leiden 
haben.*) Es ist schade, daß bei der großzügig beabsichtigten Anlage des 
Hohenzollernringes die Bauherren der einzelnen Gebäude nicht besser zu 
einer Gesamtheit vereinigt werden konnten. 
An Kultuabauten sind auf dem Wege des Wettbewerbes in den letz 
ten Jahren eine ganze Reihe hervorragender Bauten, wie die Peterskirche, 
Lutherkirche, Mathäuskirche und die wenig glücklich gelagerten katholi 
schen Antonius- und Bernhardkirchen entstanden. Als ein hervorragender 
Kultusbau der jüngsten Zeit ist die von den Berliner Architekten Jürgens 
& Bachmann erbaute Synagoge an der Obermainanlage zu bezeichnen. 
Eine besonders erfreuliche Wendung hat die städtische Bautätigkeit 
genommen. Hier ist unter der Leitung von Stadtbaurat Schaumann, der 
an der Spitze einer Reihe tüchtiger Bauinspektoren steht, mit dem alten 
Schema gebrochen worden und es sind in den letzten Jahren eine ganze 
Reihe Schulgebäude von frischer Eigenart entstanden; von den trefflichen 
Arbeiten seien an dieser Stelle nur die Comenius- und Günthersburgschule, 
die Viktoriaschule, die Kaufunger und Kurfürstenscbule genannt. — Die 
Stadt erweitert ihre Bautätigkeit immer mehr und damit ist eine Beschrän 
kung der von den Privatarchitekten geübten Tätigkeit bedingt. 
Das Miethaus, das in den achtziger Jahren noch von ersten Archi 
tekten behandelt wurde, ist heute zum größten Teil der Spekulation an 
heim gefallen. Selbst bei den guten Arbeiten beschränkte sich bis vor 
kurzen die architektonische Ausbildung auf eine vorgekI?bte Vorderfassade, 
während die sich scheinbar ins Unendliche ziehenden Seitenfassaden nach 
lässig behandelt wurden. —■ Diese viel zu langen Seitenfassaden können 
nur durch eine andere Parzellierung des Baugeländes vermieden werden. 
Aber auch auf dem Gebiete des Miethausbaues sind gerade in der 
letzten Zeit gute Arbeiten entstanden, die auf jede Dekoration, die nicht 
mit der sachlichen Entwicklung des Hauses zusammensteht, verzichten und 
so hoffentlich den Spekulationsbauten ein Beispiel vernunftmäßiger Bau 
weise sein werden. 
Im Einfamilienhaus kommt der Geschmack des Auftraggebers am 
schärfsten zum Ausdruck. Die Bedingungen sind die verschiedenartigsten 
und damit sollte auch das Aussehen dieser Einfamilienhäuser das ver 
schiedenartigste sein. Das ist aber hier gerade bei den größeren Bauten 
nicht der Falk Man bat am althergebrachten festgehalten, ohne die vor 
handenen guten Beispiele weiterzubilden, sondern ihre Nachahmung brachte 
Rückschrittliches. Es ist kaum zu verstehen, wie man immer wieder mit 
denselben paar Motiven seine Riesenaufträge erledigt, ohne sich die Mühe 
und Zeit zu nehmen, für jeden Auftraggeber nach dessen Eigenart ent 
sprechend neu zu bilden. Weit besser sieht es mit den kleineren Bauten 
aus, die häufig viel Frische und Individualität zeigen. Damit ist es be 
wiesen, daß nicht die Höhe der Bausumme den künstlerischen Wert eines 
Hauses ausroacht. 
Leider war die Zeit für die Vorbereitungen zur Ausstellung nur sehr 
knapp bemessen. Aber immerhin hat sie ein Büd geben können von 
dem, was auf dem Gebiete der Baukunst von Frankfurter Architekten und 
Ingenieuren geleistet wird. Es war sicherlich höchste Zeit, daß man auch 
hier gegenüber den vielen erduldeten Übergriffen sich auf sich selbst be 
sann und sich zu einem gemeinsamen Hervortreten entschloß. Die Aus 
stellung sollte klarlegen, daß in Frankfurt genügend tüchtige Kräfte vor 
handen, die auch zu größeren Aufgaben berufen sind, als man ihnen bis 
heute anvertraut hat. Das gute Wollen und das wahre Können und ernstes 
Streben auf der einen Seite nutzt nichts, wenn nicht auch der Auftrag 
geber Interesse an einer künstlerischen Weiterentwicklung unserer Stadt 
nimmt. Wenn Frankfurt heute noch keine für die Stadt charakteristische 
Architektur bat, so liegt das eben so sehr an den Auftraggebern, als an 
den Architekten. Aber eine für unsere Stadt eigenartige Baukunst wird 
*) Vergl. hierzu die Bemerkung zur Veröffentlichung des den Hoben- 
zollemplatz betreffenden Gertenplanes Heft 6 vorigen Jahrganges unserer 
Zeitschrift.
	        
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