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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
heutige Bauweise in der Praxis wirkt, wird von Oehmcke durch eine Reihe 
trefflich ausgewählter Abbildungen gezeigt und cs muß anerkannt werden, 
daß diese Beweisführung „durch den Augenschein“ den überzeugenden 
Eindruck der Erörterungen wesentlich erhöbt. Besonders wirkungsvoll sind 
die Abbildungen, die uns die Entwicklung der Vororte zeigen; die Massen- 
tniethäuser in Steglitz und ihren Gegensatz, die Reihenhäuser in Lichterfelde; 
endlich die drastischen Beispiele des „LUckenbaus“, in denen die Miets 
kaserne inmitten reichlichster Geländcflächcn ausgeführt wird (S. 26, 30, 31). 
Auf die größeren Zusammenhänge zwischen Städtebau und Volkskraft 
geht Oehmcke in dem Schlußabschnitt ein. Eine ernste Warnung ist es, 
die wir in den kurzen Darlegungen (S. 34) empfangen. Mit Recht erblickt 
Oehmcke in der verfehlten Entwicklung der Siedelungsverhältnisse Ber 
lins eine bedenkliche Erscheinung und bezeichnet er die Gesunderhaltung 
unserer städtebaulichen Entwicklung als eine allgemeine nationale Forde 
rung. Bei der Bearbeitung der Bebauungspläne und Bauordnungen der 
Berliner Außenbezirke, wie bei der Durchführung großstädtischer Stadt 
erweiterungen überhaupt wird die Oehracke'sche Schrift jedem Benutzer 
treffliche Dienste leisten. 
Einer ebenso mühevollen wie dankenswerten Arbeit hat sich W. von 
Kalckstein unterzogen. Die Kalckstein’sche Schrift ordnet und sichtet 
das umfangreiche Material in einer so gründlichen Weise, daß dem Leser 
leicht ein Überblick der auf den einzelnen Gebieten der Wohnungsbenut 
zung bestehenden Vorschriften ermöglicht ist. Die Darstellung gibt im 
übrigen nicht nur vollzählig die Bestimmungen in den verschiedenen 
Städten und Landesteilen, sondern erörtert auch die Erfolge und die Er 
gebnisse, die bei den einzelnen Maßnahmen erreicht worden sind, sodaß 
die Arbeit von Kalckstein's bei dem Erlaß von Verordnungen für die 
Wohnungabcnutzung ein zuverlässiges, willkommenes Hilfsmittel bietet. 
UBER DIE LAGE STÄDTISCHER HAUSER UND 
STRASSEN ZUR SONNE. 
Von W. DEHNHARDT, Frankfurt a. M. 
In neuerer Zeit ist die Wichtigkeit der Sonnenstrahlen 
für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen 
immer mehr anerkannt worden. Während noch vor 10 bis 
15 Jahren die Anwendung und Bedeutung der Sonnen 
strahlen für kranke und gesunde Menschen fast ins Lächer 
liche gezogen wurde, hört man jetzt allenthalben mit Be 
geisterung von den Erfolgen in Luft- und Sonnenbädern 
sprechen. Einsichtige, mit der Zeit fortgeschrittene Ärzte 
verordnen ihren Kranken und Erholungsbedürftigen denn 
auch neuerdings, neben entsprechender Diät häufig den 
Gebrauch von Luft- und Sonnenbädern — wie die Erfahrung 
in zahlreichen Fällen zeigt, durchaus mit Erfolg. Gibt es 
dpch schon genug Menschen, welche die günstige Wir 
kung der Sonnenbäder an sich selbst erprobt haben, die 
der Meinung sind, daß in 10—15 Jahren der größte Teil 
der jetzt nach Karlsbad, Marienbad, Nauheim usw. wan 
dernden Kranken und Erholungsbedürftigen, diese teuren 
Orte meiden und dafür ein billiges Luft- und Sonnenbad, 
mit zweifellosem Erfolg und zum Besten ihrer knappen 
Mittel, aufsuchen werden. 
Es ist ja wohl als bekannt vorauszusetzen, daß der 
Entdecker der Sonnenbäder, der Schweizer Arnold Rikli, 
sie schon im Jahre 1853 an sich selbst und mit außer 
ordentlichem Erfolg erprobte. Daß aber sogar noch 20 Jahre 
früher, d. h. schon um die Mitte der dreißiger Jahre des 
vergangenen Jahrhunderts, die Wohltätigkeit der Sonnen 
strahlen für die Menschen allgemein anerkannt und ge 
schätzt wurde, dürfte aus nachstehendem Rundschreiben 
der Preußischen Regierung an sämtliche Bauämter aus 
dem Jahre 1834 hervorgehen. Das betreffende Schriftstück 
lautet: 
„Was ist unter Sonnenbau zu verstehen?*) 
Zwei Männer unserer Zeit Med. Dr. B. C. Faust in 
Bückeburg und der Kgl. Baurat Dr. Vorherr zu München 
haben mit großer Beharrlichkeit seit 15 Jahren ein System 
des schon vor 2200 Jahren von dem Athener Sokrates an 
gedeuteten und von den alten Bauhütten oder Baugesell 
schaften, besonders bei vielen Tempeln und Kirchen streng 
*) Der Wichtigkeit dieser Sache entsprechend behalten wir uns vor, 
bei anderer Gelegenheit noch einmal darauf zurückzukommen. D. H. 
beobachteten Sonnenbaues durch Lehre, Schrift und 
Beispiel anzuregen und als einen höchst wichtigen Gegen 
stand allgemeiner Landesverschönerung zu behandeln sich 
bemüht. Obgleich anfänglich diesen Bemühungen keine 
wünschenswerte Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so ist 
die Wahrheit der Lehre dieser Männer immer mehr durch 
gedrungen, nach und nach zur Volkssache erhoben und 
bereits unter den Schutz von Staatsverwaltungen gestellt 
worden. Glückliche Menschen, gute Bürger zu bilden, das 
ist ja eine der hauptsächlichsten Aufgaben der Regierungen 
und deshalb läßt sich erwarten, daß bald alle Staaten und 
alle, die berufen sind, das Glück Ihrer Mitmenschen zu 
begründen und zu leiten, dem Sonnenbau ein wohlverdientes 
Augenmerk gönnen werden. 
Zur Sonne nach Mittag sollten alle Häuser der 
Menschen gerichtet sein, setzt Faust über seine gedruckten 
Bruchstücke, in denen ebenso wie in dem, was Vorherr 
in seinem Monatsblatte für Bauwesen und Landesverschö 
nerung über den Sonnenbau gesagt, folgende Theorie auf 
gestellt ist. 
1. Allenthalben, wo gebaut wird, sollen die vier Haupt 
himmelsgegenden astronomisch richtig bezeichnet werden 
und alle Wohnhäuser sollen mit ihren vorderen Haupt 
seiten winkelrecht nach Mittag gerichtet sein. 
2. Die Wohnhäuser sollen mit ihren hinteren und 
vorderen Seiten freistehen in gerader Linie und winkel 
recht, mehr lang als tief, auf 2 bis 3 Fuß hohen Sockeln 
und über Hallen, luftigen Kellern erbaut sein. 
3. Als Grundsatz bei der Einteilung der Wohnhäuser 
soll gelten, daß auf der vorderen Seite der Häuser die 
meisten Hausbewohner, besonders Kinder, bei Tag und 
Nacht wohnen und leben können, oder daß der nach Mittag 
stehende Teil des Hauses aus Wohn-, Arbeits- und Schlaf 
zimmer fürs tägliche Leben bestehe, während der rück 
seitige Teil die Gänge, Treppen, Küchen, Vorratskammern, 
Gesindestuben, Werkstätten und jene Gemächer fassen soll, 
welche nicht eigentliche Wohnzimmer sind. 
4. Der Mensch soll in seiner Wohnung Herr über Licht, 
Luft, Wärme und Kälte sein können und deswegen sollen 
Türen und Fenster soviel als möglich einander gegenüber 
stehen; die Fenster sollen mit Schirmen oder Vorhängen, 
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